Erinnerungskultur und der 9. November - Geschichte Kursiv
Der 9. November ist in der deutschen Geschichte kein Datum wie jedes andere: An keinem anderen “Erinnerungstag” haben sich demokratische wie diktatorische Systeme so abgearbeitet wie an diesem Datum. Wir sprechen heute über folgende Themen:
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Was ist Erinnerungskultur?
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Novemberrevolution am 9. November 1918,
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Hitlerputsch am 9. November 1923,
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Novemberpogrome am 9. November 1938,
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Elser-Attentat am 9. November 1939,
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und den Mauerfall am 9. November 1989.
Willkommen bei geschichtslehrer.net. Mit meinem Podcast möchte ich euch dabei helfen, euch fachlich fundiert und da halsam auf das Abitur und Klassenarbeiten im Fachgeschichte vorzubereiten. Im Schuljahr 2023-2024 habe ich gemeinsam mit einem Kollegen den Seminarkurs 9. November in der deutschen Geschichte angeboten. Der 9. November ist ein Datum, das an vielen Stellen der deutschen Geschichte auftaucht. Das hat zum Teil ganz bewusste Gründe, zum Teil es ist Zufall und es ist bis heute kein nationaler Feiertag und auch kein nationaler Gedenktag. Das ist eigentlich erstaunlich, denn in diesem Tag passiert eine ganze Reihe von ganz prägendem und wichtigen Ereignissen und man kann sich fragen, warum das so ist. Um das zu hinterfragen, schauen wir uns zunächst einmal an, was eigentlich Erinnerungskultur bedeutet, welche Rolle Feiertage spielen und welche 9. November der deutschen Geschichte eigentlich so wichtig wären.
Was ist Erinnerungskultur?
Was ist eigentlich Erinnerungskultur? Wie erinnern sich Menschen an geschichtliche Ereignisse? Wie wählt man die historischen Ereignisse, außer die man öffentlich erinnert, zum Beispiel in Form von Feier oder Gedenktagen? Welche Bedeutung hat so eine Erinnerungskultur für die nationale Identität eines Staats und wie sieht das eigentlich in Deutschland aus? Das wahrscheinlich prägendste Ereignis der deutschen Erinnerungskultur ist der Holocaust, als das alles überschattende Menschheitsverbrechen dieses Staates. Wie die Erinnerung daran dann konkret aussieht, das hängt natürlich von der Sichtweise des Betrachters ab. Das nennt man Multiperspektivität der Geschichte. Diese Sichtweise hat vor allem damit zu tun, wo man selber lebt, wann man selber lebt, in welcher sozialen Schichten, mit welcher Bildung, mit welcher eigenen Herkunft man aufgewachsen ist und auch damit, ob man selber oder familienangehörige in die Ereignisse mit verstrickt war und noch einiges mehr. Die eigenen Erlebnisse und dieser zeitliche Abstand von den Ereignissen, die prägen das ganz besonders. Wenn ich ein Zeitgenosse des Nationalsozialismus war, dann habe ich den häufig positiven Erinnerungen aus der Sicht vieler deutscher, weil diese positiven Seiten des Systems gefühlt scheinbar überwogen haben, weil das gleichgeschaltete Bildungssystem und das gleichgeschaltete Pressesystem die Leute über zwölf Jahre stark geprägt hat und ihnen doch trainiert hatten stückweit, weil die Leute die negativen Aspekte oft auch nicht am eigenen Leib erfahren haben, wenn sie nicht in der zerbomben Stadt gewohnt haben, wenn sie nicht selbst im Krieg eingesetzt wurden, Verwandte und Freunde und Familienangehörige der verloren haben. Aus der Sicht dieser Zeitgenossen muss auch Widerstand gegen den Nationalsozialismus wie ein Verrat am Vaterland gewirkt haben, das wurde ja auch von der gleichgeschalteten Presse so erzählt und den Siege der Alliierten über Hitler Deutschland müssen sie als eine gigantische katastrophale Niederlage empfunden haben. Heute schauen wir ganz anders auf diese Verbrechen, weil wir natürlich selbst nicht mehr direkt im Nationalsozialismus gelebt haben und die positiven Seiten für uns heute ganz, ganz wenig wiegen und auf der anderen Seite der Weltkrieg und die gigantischen Menschheitsverbrechen des Holocaust und so weiter für uns viel präsenter sind als für viele Zeitgenossen, die in dem Moment zumindest im Rückblick sich doch auch an viele positive Aspekte des Nationalsozialismus erinnern konnten. Widerstandskämpfer sehen wir heute in der Regel als Helden an, das zeigt zum Beispiel die Filmadaption des Staufenberg- Attentats oder des Elsa-Attentats, die Kapitulation des Dritten Reichs, die feiern wir heute als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, also ganz positiv aufgeladen, nicht als katastrophale Niederlage. Eine Möglichkeit, wie ein Staat die Erinnerungskultur seiner Bevölkerung ein Stück weit beeinflussen kann, ist die Festlegung von Gedenk und Feiertagen. Eine andere Möglichkeit wäre zum Beispiel die Errichtung von Denk- oder Mahnmälern, da haben wir zum Beispiel das Holocaust-Denkmal in Berlin, das ein Beispiel für so eine Erinnerungskultur ist und um das auch viel gestritten wird. Dazu gehören aber auch Stolpersteine vor Häusern, in denen Opfer des Holocaust gelebt haben, wie es die in vielen kleinen Städten auch in der, in der ich lebe, gibt. Der erste 9. November, der in der aktuellen Diskussion noch eine Rolle spielt, ist der 9. November 1918. Das ist das Datum, an den der Erste Weltkrieg für Deutschland so gut wie verloren ist. Das wissen noch längst nicht alle, weil die Propaganda des deutschen Kaiserreichs immer noch auf Sieg die Bevölkerung einzustellen versucht, aber aus Sicht vieler Politiker ist das schon absehbar und damit ist in ihren Augen auch das Kaiserreich erledigt, denn es hat im Prinzip ja diesen Krieg selbst vom Zaun gebrochen und ist damit eigentlich am Ende seiner Legitimität, seiner Berechtigung zur Herrschaft. Am 9. November rufen dann zwei Politiker in Abstand weniger Stunden, das Ende des Kaiserreichs in Berlin und stattdessen eine Demokratie aus. Diese
Novemberrevolution am 9. November 1918
doppelte Ausrufung der Republik, die hat aber zwei unterschiedliche Stoßrichtungen. Der Politiker Philipp Scheidemann, der zur SPD gehört, ruft die Menschen zum Aufbau einer liberalen Demokratie auf, also einer Demokratie nach freiheitlichem Vorbild, so ein bisschen wie wir das in den USA und Frankreich schon kennen. Und der Politiker Karl Liebknecht, der zur USPD bzw. zur KPD gehört, der ruft die Menschen zum Aufbau einer Rähtedemokratie auf, oder man sagt, einer Volksdemokratie vergleichbar mit dem, was man in der Sowjetunion von den Bolsch-Wikis so sieht, das heißt einer kommunistischen, sozialistischen, in Anführungszeichen Demokratie, wobei das im der Sowjetunion nicht der Demokratie genannt werden sollte. Am Ende setzt sich dann die von Scheidemann gewünschte, liberale Demokratie durch und die Weimarer Republik ist geboren. Und die legt den vielerlei Hinsicht in den Grundsteinen unserer heutigen Demokratie und unserer heutigen Verfassung und lebt ganz viel von dem vor, was wir heute in unserer Verfassung wiederfinden. Dieser erste Tag der neuen Republik, dieser erste Tag der Weimarer Republik und dieses Ende des Kaiserreichs, das wäre ja eigentlich ein passender Gedenktag für die Erinnerung an, sozusagen ein ganz urdemokratisches Ereignis. Und das war durchaus in der Weimarer Republik auch eine Weile in der Diskussion, diesen Tag zum Feiertag zu machen. Die Rechten haben ihn aber relativ schnell instrumentalisiert und die beteiligten Politiker als November-Verbrecher bezeichnet, um sozusagen zu zeigen, wie verräterisch dieser Vorgang, der davon der SPD insbesondere betrieben wurde, in ihren Augen war. Diese radikal rechten Gruppen, die vor allem im Kaiserreich nachtrauen oder einen starken Führersuch in der Stadt der Demokratie und die für alles verantwortlich machen, was schiefläuft, diese Gruppen sitzen vor allem in Bayern, weil sie dort eben nicht verfolgt werden. Bayern sieht sich selbst in der Zeit als die Ordnungszelle Deutschlands und verteidigt oder schützt die Rechtsaußen, Extremisten, Terroristen ein Stück weit, dass sie ins Bayerische Territorium kommen und verfolgt sie dort polizeilich nicht, waren sie bei geplanten Polizeiaktionen auch vorher. Insgesamt wird hier eine ganz massive Rechte Szene versammelt, die in München ihren Schwerpunkt hat. Und diese Bastion der aufrechten deutschen Anführungszeichen gegen die Idee der Demokratie, die eschofiert sich lautstark über die November-Verbrecher, die ihrer Meinung nach im Form der Revolution dem guten alten Kaiserreich den Durchstoß versetzt hätten. Das ist die sogenannte Durchstoßlegende für Hitler und seine Nationalsozialisten. Ist also dieser 9. November einen Tag, der eigentlich jedes Jahr zum Trauern sozusagen über das Verlorene Kaiserreich und zum Aufruf nach Beseitigung der Demokratie ein Anlass bietet. Bei einer politischen Kundgebung im Bürgerbräukeller in München am 8. November 1923 sind alle wichtigen Eliten der Ordnungszelle Bayern anwesend und da überfällt plötzlich Adolf Hitler mit einer Gruppe bewaffneter SA Männer die Versammlung. Er zwingt die politischen Führer, insbesondere den Diktator in Bayern, Gustav von K, sich gemeinsam mit ihm zu einem Putsch gegen die Regierung in Berlin zu bekennen und löst er mit den sogenannten
Hitlerputsch am 9. November 1923
Hitler Putsch aus, einen Versuch sozusagen die Demokratie von Bayern aus zu stürzen. Die Mitstreiter aus Bayern und aus der Bayerischen Regierung ziehen aber ihre Unterstützung zurück, sobald man sie freilässt und damit ist Hitler eigentlich mit der NSDAP ganz alleine und am nächsten Morgen marschieren die ein bisschen planlos durch München, um ihre Entschlossenheit zu demonstrieren und vielleicht weil sie hoffen, dass die Reichswehr sich ihnen anschließt, aber daraus wird nix, die Polizei schießt diese Gruppe letztlich nach einigen versuchen sie aufzuhalten zusammen. Es gibt vier tote Polizisten und 15 tote Nationalsozialisten, die später als Blutzeugen der Nationalsozialisten so eine mythologische Rolle als Märtyrer quasi einnehmen und eine quasi religiöse Rolle zugewiesen bekommen, die sogenannte Blutfahne, die angeblich mit dem Blut dieser Putschisten, die da erschossen wurden, befleckt worden sei, die wird zu einer Art Reliquie, die man bei allen möglichen wichtigen Andessen dann wieder rausholt und damit dann Sachen berührt und weit und so, das hat dann so ganz ganz religiöse Züge. Die Nationalsozialisten, die feiern an ihr Gedenken an diesen Putsch 1923 jedes Jahr mit riesigen aufwendig inszenierten Aufmärschen, Fackelzügen und Reden Hitlers an der Feldherrenhalle. Wenn man so will, dann kann man sagen, dass Hitler den 9. November eigentlich umdeutet und dann für die Nationalsozialisten in Besitz nimmt, so sagt das der Historiker Wolfgang Nies. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wird der 9. bzw. 10. November dann zu einem Feiertag, an dem man jedes Jahr der toten Blutzeuge in München gedenkt, da gibt sich dann die ganze NSDAP-Elite, die Klinge in die Hand. Man trifft sich dort zu einer gemeinsam anzuhörenden Hitlerrede im Bürgerbräukäler oder eben vor der Feldherrenhalle, Begehter Fackelzüge und so weiter. Im Jahr 1938 nutzt das insbesondere der Reichspropagandaminister Josef Göbbels, um auf eine Hetziak gegen die Juden hinzuarbeiten und die Leute dazu aufzustacheln innerhalb der Partei. Die Parteiführer, die SA-Führer, die HJ-Führer werden da in so einer halb verdeckten Weise angewiesen, den Volkszorn gegen die Juden zuzulassen und das verstehen die alle natürlich und letztlich wird dann innerhalb einer Nacht in ganz Deutschland einen Pogrom angestoßen, bei dem man Synagogen anzündet, Juden mishandelt auf offener Straße und dieser sogenannte
Novemberpogrome am 9. November 1938
Novemberpogrom, der wird von der NSDAP-Führung zwar mit dem Attentat auf den Diplomaten begründet, der es von dem Juden durchgeführt wurde, aber das ist eben nicht ein berechtigter Volkszorn oder sowas gegen den internationalen Juden in Anführungszeichen, so nennen das die Nationalsozialisten oder die gleichgeschaltete Presse, sondern es ist natürlich eine eigentlich von oben befeuerte und von oben genehmigte Gewalt, die von der NS-Regierung ausgeht und ganz viele normale Leute dann auch zu Gewalthertern werden lässt, aber die große Mehrheit der Deutschen, die ist von dieser Gewalt, eben dann doch ein Stück weit entsetzt, auch der im Ausland befindliche ehemalige Deutsche Kaiser äußert seinen Entsetzen über dieses Vorgehen. Diese Pogrome, die wurden nach dem Krieg dann ein bisschen die 80er Jahre als Reichskristallnacht bezeichnet, das ist nicht der Begriff, den die Nationalsozialisten erfunden haben, aber es ist ein Begriff, den einem auch nicht die Opfer erfunden haben, weil man sozusagen damit sehr euphemistisch oder so ein bisschen metaphorisch das zerschlagende Kristall, so das, meinst du, das menschliche Wohlergehen, die menschliche Sicherheit, den sozialen Frieden im Land, der da zerschlagen wird, symbolisieren soll. Das heißt, dieses Kristall, das da sozusagen auf dem Boden zerschlagen liegt, das ist nicht nur das Glas der Synagogenfenster, wie man das früher gesagt hat, sondern es ist eben auch das Kristall im übertragenen Sinn sozusagen, die Firmness der Zivilisation, die da zerschlagen wird. Um 1988 verschwinde dieser Begriff Reichskristallnacht aufgrund der Einwände vieler Überlebende aus der wissenschaftlichen Diskussion, in der Presse und in den Medien bleibt es noch eine Weile vorhanden, aber es verliert sich nach und nach. Ich habe das in der Schule noch auch noch so gelernt, als Reichskristallnacht, aber heute spricht man eben von der Reichspogromnacht oder dann auch von den Novemberpogromen. Und auch diese Änderung am Namen ist natürlich ein Beispiel für eine Veränderung der Erinnerungskultur an dieses Ereignis. Der 8. oder 9. November 1939 ist dann auch wieder ein Ereignis, das unmittelbar eben mit der Tradition des Hitler-Putsches, des 9. November 1918 und auch dem Feiern des Hitler-Putsches durch die Nationalzellisten kollidiert. Denn am 9. November, das weiß jeder, trifft sich die NS-Elite wieder mal in München zum Feiern der Blutzeugen und so weiter und zur Erinnerung an die Blutzeugen. Und der Schreiner Georg Elser, der nimmt dieses Treffen zum Anlass, um dann auch vielleicht doch der gesamten NS-Eliter eins auszuwischen, der will die eigentlich in die Luft sprengen und ermorden. Denn Georg Elser ist ein ideologischer Gegner,
Elser-Attentat am 9. November 1939
Hitler ist wohl so ein bisschen kommunistisch-sozialistisch aufgewachsen, aber es vor allem überzeugt, dass Hitler für Deutschland eine Katastrophe bedeutet, wenn da dieser Krieg jetzt ausbricht, den er ganz dringend erwartet in geradezu prophetischer Weise. Und im November 1939 ist der Krieg ja sogar schon ausgebrochen, der Krieg gegen Polen ist bereits geführt, der Krieg gegen Frankreich, Großbritannien und so weiter, der steht in den Startlöchern und Georg Elser will eben die NS-Führung ausschalten, um Deutschland davor zu bewahren. Und dazu baut er eine Bombe mit Zeitzünder und baut die im Bürgerbräukeller ein, um Hitler und seine Adjutanten und einen engsten Mitarbeiter zu ermorden. Aber der Anschlag scheitert an einer spontanen Programmänderung, weswegen die meisten Eliten der NSDP schon nicht mehr im Raum sind, als die Bombe explodiert und es kommen nur ein paar Kellner um. Und Elser selbst wird dann durch Zufall bei der Flucht in die Schweiz verhaftet, wird von den Deutschen gefoltert, wird in die Konzentrationslager Sachsenhausen und später nach Dachau gebracht und wenige Wochen vor Kriegsende dann auf einen ganz besonderen Befehl Hitlers hin ermordet. Die Nationalsozialisten haben stets behauptet, dass Elser vom britischen Geheimdienst als Agent eingesetzt sei und so in diesem Sinn ein Hochverräter sei, ein Art Attentator gegen Hitler, der aus politischen Gründen Hitler hätte umbringen wollen. Und noch dazu war Hitler um 39 Jahre auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit in Deutschland. Er war gerade der Star für all die Dinge, die er sozusagen in der Revision des Versaillervertrags da geschafft hat, den Anschluss Österreichs, die Eroberung im Prinzip der Schlecherstovakai. Das sind alles Ereignisse, die zwar Brüche des Versaillervertrags sind, aber durchaus gefeiert werden in Deutschland, weil sie eben Brühe des Versaillervertrags sind. Und Hitlers Beliebtheit und Elser Attentat auf Hitler in dieser Phase führt dazu, dass Hitler schon des Elsers ansehen in der deutschen Bevölkerung extrem gering ist und noch lange bleibt. Also Elser gilt als so eine Art ausländische Agent, als ein Verbrecher, ein Terrorist im Prinzip und dieses Bild, das hält sich auch in der deutschen Bevölkerung noch ganz lange. Elser wird dann auch nach dem Krieg von der Geschichtswissenschaft so gut wie vergessen und er ist ungefähr 2000 als Widerstandskämpfer wieder entdeckt. Das heißt, dass es jemand, der wirklich lange auf seine Rehabilitation gewartet hätte, wäre am Leben geblieben. Heute aber gilt er als aufgrund seiner sehr frühen, so ein bisschen fast prophetischen Kritik an Hitlers und seiner Politik und aufgrund seiner ganz allein durchgeführten Tat als ein besonders herausragendes Beispiel für Widerstand, dass jemand, der ganz besonders moralisch argumentiert, ethisch argumentiert und deswegen sein Attentat begeht. Und auch dieser Wechsel in der Entennungskultur in Bezug auf Elsers Attentat ist ein ganz klassisches Beispiel dafür, wie stark sich Erinnerung verändern kann, je nachdem aus welchem Blickwinkel und aus welcher Zeit ich jemanden oder seine Tat betrachte. Das letzte Datum, das für den 9. November in der deutschen Geschichte zentral ist, ist 1989 der Tag des
und den Mauerfall am 9. November 1989
Mauerfalls. Schon in den Jahren davor gibt es im der Sowjetunion den sogenannten Tauwetterkurs unter Gorbatschow einen Versuch, den Kalten Krieg zu beenden durch ein zunehmendes Aussöhnen mit den Staaten im Westen. Aber am 9. November 1989 da verließt Günter Schabowski, ein Funktionär der SED, also der sozialistischen Einheitspartei in der DDR, einen kurzen Textschnipsel im Fernsehen und im Radio. Und er wird von Millionen Menschen als Erlaubnis die DDR zu verlassen missverstanden. Die DDR ist ja durch die sogenannte Berliner Mauer eigentlich eingesperrt und physisch getrennt vom Westen. Da gibt es Soldaten, die schießen auf Leute, die versuchen aus der DDR ins Ausland zu flüchten. Das nennt sich Republikflucht, ist ein Straftatbestand, für den kommt man jahrelang ins Gefängnis. Und die DDR-Grenzsoldaten sind völlig überrannt von den Tausenden von Menschen, die da plötzlich an der Mauer stehen und rüber wollen. Die wissen von nichts und Schabowski hat das vermutlich auch so ein bisschen falsch wiedergegeben oder undeutlich wiedergegeben, dass das nicht ab sofort bedeuten sollte, dass jetzt alle ausreisen dürfen. Aber da stehen massenhaft Leute plötzlich vor der Mauer und die Soldaten wissen nicht so richtig, was sie tun sollen. Geschossen wird an der Mauer schon seit einigen Jahren nicht mehr so richtig. Das heißt, man traut sich eigentlich auch nicht so richtig, jetzt da los zu feuern, vor allem nicht auf solche Menschen, massen. Das wäre ja auch ein absolutes Disaster. Und auf diese Weise öffnen dann die Grenzsoldaten in Folge dieses Chaos letztlich die Durchgänge. Die Bilder von den feierenden DDR-Bürgern, die sich jetzt endlich in Freiheit wähnen, die auf der Mauer stehen und feiern, dass sie endlich raus dürfen, die sind natürlich ein absolutes PR-Disaster für die Sowjetunion. Aus deren Sicht zeigt es ja ganz offen, dass die Leute aus diesem Staat raus wollen. Gleichzeitig hat die Sowjetunion immer behauptet, ihren Bürgern könnte sie das bessere und glücklichermachende System bieten. Die DDR und die Sowjetunion, die glauben ja, dass ihr System den Menschen Friede und Wohlstand und so weiter bringt. Und ihre Bürger laufen zugleich offensichtlich in Scharen davon und feiern jetzt, dass sie endlich raus dürfen. Das ist ein absolutes Disaster im Hinblick auf Pressearbeit und Öffentlichkeitsarbeit. Das ist der Sowjetunion auch klar, das ist ein gigantischer Prestigeverlust und die Sowjetunion überlebt das Ereignis, deswegen auch nur noch um wenige Monate, bevor sie im Prinzip erledigt ist. Sonderbarerweise wird aber 1990 der 3. Oktober zum Tag der Deutschen Einheit und nicht der 9. November. Wie konnte das passieren? Der 9. November war ursprünglich durchaus in der Diskussion, den hätte man gerne haben wollen, als Tag des Mauerfalls sozusagen, als Feiertag, eben weil dieser Tag in der bundesdeutschen Erinnerung so extrem prägend war, weil dieser Tag, an dem die Mauer gefallen ist, der eigentlich im Moment war, in dem von vielen DDR-Bürgern die Angst vor dem Eingesperrtsein im eigenen Staat genommen wurde und gleichzeitig deutsche Einigungen in greifbare Nähe rückte. Der 3. Oktober ist der Tag, an dem die Bundesländer der DDR ganz offiziell zur Bundesrepublik Deutschland beigetreten sind. Man sagt immer, dem Grundgesetz oder dem Wirkungsbereich des Grundgesetzes also ähnlich beigetreten sind. Das heißt, formal ist der 3. Oktober der Tag, an den die Deutsche Einheit vollzogen wurde. Der 9. November ist nur ein Anführungszeichen der Tag des Mauerfalls. Obwohl der Mauerfall in vieler Dahin sich der emotional klarere und deutlichere und stärkere Tag gewesen wäre, hat man sich gegen diesen Tag entschieden, weil eben der 9. November so viele andere Ereignisse evoziert, von denen nicht alle positiv waren und da ist vor allem die Reichspogrom nach dem Hinterkopf, die man nicht mit einem Feiertag sozusagen in Erinnerung halten wollte. Ob das wirklich so zu sehen ist, dass der Feiertag heißen würde, dass man feiert, dass in Deutschland die Novemberprogramme stattgefunden haben. Darüber kann man sich trefflich streiten, aber das war damals der Grund zu sagen, dass man nicht den 9. November, sondern den 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit wählt, um sozusagen ein Datum zu finden, das frei von negativen Assoziationen sein könnte, sollte müsste. Feiertage verraten viel darüber, wie sich ein Land selbst sieht. Der Bundesdeutsche Nationalfeiertag war von 1954 bis 1990 der 17. Juni eigentlich ein erstaunliches Datum, aber das wird klar, wenn man weiß, dass am 17. Juni 1953 ein Volksaufstand in der DDR stattgefunden hat, gegen die sowjetische Besatzung, gegen die Herrschaft der kommunistischen Partei. Das heißt, wir haben hier in Westdeutschland einen Nationalfeiertag, der an den Aufstand der Demokraten in Ostdeutschland der Gewaltsamt niedergeschlagen wurde erinnert, sozusagen als ein Tag der Erinnerung halten soll, dass drüben in der DDR Mitbürger von einem verbrecherischen Regime unterdrückt werden. Auch dieser Feiertag hieß Tag der Deutschen Einheit. In der DDR dagegen hat man natürlich ganz andere Dinge in den Fokus gerückt, wenn man sich an die Vergangenheit erinnert hat. Man hat vor allem die Novemberrevolution in Erinnerung gehalten, die aber ja den Augen der DDR gescheitert ist, weil sich da ja eben nicht die Kommunisten durchgesetzt haben, sondern die Sozialdemokraten. Das heißt, in Augen der DDR war der 9. November 1918 der Nationalfeiertag, der natürlich sehr zentral war, aber ein gescheitertes Beispiel für eine Revolution darstellte. Diese verschiedenen Ereignisse an den deutschen 9. Novemberen ziehen sich durch 100 Jahre wechselvoller Geschichte zwischen Demokratie und Diktatur. Von der Ausrufung der Weimarer Republik über die Versuche der Nationalsozialisten durch den Putsch an die Macht zu kommen, über die Verbrechen der Nationalsozialisten in der Novemberpogromnacht, als sie dann an der Macht waren, doch auch über den Widerstand eines einzelnen Attentators bis hin zum Zusammenbruch der Diktatur in der DDR und der Wiedervereinigung Deutschlands als liberale Demokratie. Diese 5. November machen die deutsche Geschichte greifbar und bringen sie auf den Punkt wie eigentlich kein anderes Datum. In diesem Sinne ist der 9. November ein hervorragendes Beispiel für die deutsche Erinnerungskultur, für die Komplexität, die damit verbunden ist und für die Frage an, was wir uns denn eigentlich erinnern wollen, wenn wir an die deutsche Vergangenheit denken. Denn auf der einen Seite haben wir großartige Momente der Demokratie Geschichte an diesem 9. November und wir haben katastrophale Momente der Diktatur an diesem 9. November. Und dieses nebeneinander beider Seiten, das ist nicht zufällig, sondern das ist auch durchaus dadurch bedingt, dass viele diese Ereignisse aufeinander reagieren, dass Hitler sich an der Revolution vom 9. November 1918 abarbeitet, die er für eine Katastrophe hält, dass Hitler dann an jedem 9. November den Hitler Putsch, den er auch mit einer gewissen Absicht an einem 9. November durchgeführt hat, dann wieder aufgreift und letztlich dieser 9. November dann auch deswegen zum Auftakt der Reichspogromnacht oder der Novemberpogrome wird und auch deswegen dann zu dem Tag, an dem Georg Erse sein Attentat durchführt. Wir haben hier also eine Verkettung von erinnerungspolitischen Ereignissen, die direkt aufeinander Bezug nehmen, direkt aufeinander aufbauen, direkt aufeinander reagieren. Diese direkte Reaktion vieler Ereignisse aufeinander, die zeigt, wie politische Erinnerung an Geschichte sein kann, wie politisch und bedeutsam und machtpolitisch relevant Erinnerung an Geschichte tatsächlich ist und wieso Erinnerungskultur eben doch alle was angeht. Wir haben heute über den 9. November der deutschen Geschichte gesprochen, darüber was eigentlich Erinnerungskultur sein kann und warum der 9. November kein Feiertag ist. Wir haben über den 9. November 1918 die sogenannte Novemberrevolution gesprochen, über das Ende des Kaiserreichs und die Gründung der Weimarer Republik. Wir haben über den 9. November 1923 gesprochen, über den sogenannten Hitler-Putsch, über den 9. November 1938, der der Auftakt zur Reichspogromnacht oder zu den Novemberpogromen ist und über den 8. November 1939 an dem Georg Elsa versucht, die nationalsozialistische Führungselite in die Luft zu sprengen und nicht zuletzt über den 9. November 1989, an dem der Mauerfall stattfindet. Ich bin sicher, dass ihr von manchen dieser Ereignisse schon mal gehört habt und von anderen wahrscheinlich auch noch nicht. Wenn euch eins dieser Ereignisse besonders interessiert, dann schreibt es in die Kommentare. Vielleicht lässt sich darüber ja auch mal eine Folge machen. Ich danke euch fürs Zuhören und bleibt treu.