"Stunde Null" 1945 - Leistungskurs Geschichte 27
Im Sommer 1945 liegt Europa und insbesondere auch Deutschland in Trümmern - physisch, gesellschaftlich, moralisch. Wie kann es weitergehen, und wie erinnert man sich damals und heute an das so katastrophal untergegangene “Dritte Reich”? Wir sprechen heute über:
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Ausgangssituation in Europa 1945,
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Zusammenbruchsgesellschaft,
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Flucht und Vertreibung
Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle, Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen. Der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa. Diese Auszug aus Richard von Weizeckers Rede aus dem Jahr 1985 zeigt die extreme Bedeutung, die das Ende des Zweiten Weltkrieges in der Erinnerungskultur nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt und insbesondere in Europa hat. Wir sprechen heute über die Lage in Europa im Jahr 1945 und wie es danach weitergehen kann.
Ausgangssituation in Europa 1945
Willkommen bei geschichtslehrer.net. Mit meinem Podcast möchte ich dabei helfen, euch fachlich fundiert und unterhaltsam aufklassen arbeiten und das Abitur im Fach Geschichte vorzubereiten. Am 8. Mai 1945 kapituliert Deutschland und der Zweite Weltkrieg in Europa ist mehr oder minder zu Ende, zumindest für Deutschland. Das tatsächliche Ende des Zweiten Weltkrieges ist ausgesprochen unterschiedlich. In Frankreich ist zum Beispiel Ende 44 bereits das Territorium im Wesentlichen durch die Alliierten befreit. Japan kämpft noch bis in den August gegen die USA bis die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki fallen. Der Zweite Weltkrieg hinterlässt ein Schlacht und Trümmerfeld. Es gibt ungefähr 80 Millionen Tote auf der Welt, ungefähr 40 Millionen sogenannte displaced persons, also Menschen, die nicht mehr in ihrer Heimat sind, sondern aus unterschiedlichsten Gründen woanders und insgesamt ist auch der Friede in Europa, der hier eingekehrt ist, äußerst brüchig und die Zeichen des kalten Krieges, die werden schon langsam sichtbar. Die Saison an den displaced persons, das sind vor allem Zwangsarbeiter, die zum Beispiel von den Nationalsozialisten gezielt eingesetzt werden, um die Friedensindustrie oder die auch die Herstellung der Waffen in der Heimat zu garantieren, während ein großer Teil der Männer im Schlachtfeld unterwegs ist und kämpft. Zugleich haben wir da eben auch zum Beispiel die KZ-Insassen in den deutschen Konzentrationslagern und auch in anderen Konzentrationslagern, die nun im Prinzip ihrer Heimat entrissen irgendwo im polnischen oder deutschen Einflussgebiet sind und für die sich nur die Frage stellt, wie man wieder nach Hause kommt. Parallel dazu steht die rote Armee im Wesentlichen in allen Staaten zwischen der Sowjetunion und Deutschland und umgekehrt stehen die Alliierten in den Staaten zwischen Frankreich und Deutschland und die treffen sich im Grunde in der Demokationslinie in Berlin oder in Deutschland, ungefähr da, wo später die Berliner Mauer stehen wird. Damit haben wir also ein hohes Maß an Besetzung und Chaos in Europa und die rote Armee, die geht eine ganze Reihe von katastrophalen Verbrechen an der Zivilbevölkerung auf ihrem Weg durch Europa, was natürlich mit der hohen Brutalisierung zu tun hat, die der Zweite Weltkrieg mit vielen Soldaten vorgenommen hat oder an vielen Soldaten vorgenommen hat. In Osteuropa wird auch deutlich, dass der Stalinismus in viele Staaten exportiert werden soll, dass die Sowjetunion versucht, viele der Staaten aus Europa unter ihre Fuchtel zu bekommen und da sozialistische Marionettenstaaten zu errichten und nicht wenige Menschen fliehen vor dieser bedrohlichen Kulisse der drohenden Stalinisierung in den Westen.
Flucht und Vertreibung
Das führt dazu, dass viele Menschen in die Staaten westlich von da, wo sie herkommen, auswandern, dass aber auch Zwangsumsiedlungen vorgenommen werden, die Sowjetunion verlegt, auch die Grenze Polens weiter nach Westen und dadurch entstehen im Prinzip ganz große Gebiete, die ethnisch einheitlich werden sollen, wo man also Menschen versucht zu vertreiben oder ganz gezielt umzusiedeln, die da von ihrer kulturellen oder ethnischen Gruppe hier eigentlich nicht hingehören in den Augen der Machthaber. Und diese Zwangsumsiedlungen, die führen natürlich dazu, dass es auch weiterhin in Europa unruhig bleibt. Eine Gruppe, die von diesen Zwangsumsiedlungen besonders drastisch betroffen ist, das sind die sogenannten Volksdeutschen in osteuropäischen Staaten, zum Beispiel in Rumänien, aber auch in Polen, die also von ihrer Kultur her eigentlich Deutsche sind, die aber dort aus Sicht der Machthaber nicht mehr hingehören. Und deswegen vertreibt man diese Menschen in Richtung Deutschland, man siedelt sie um, man spricht hier von den sogenannten Vertriebenen und die haben später auch eine ganze Lobby in Deutschland, weil es eben doch sehr viele sind, die dann in das nach wie vor deutsche Territorium übersiedeln. Dort aber keine Wohnung, keine Arbeit, keinen Besitz und nichts haben. Das heißt, diese Menschen muss man erstmal unterbringen und das stellt auch eine große Herausforderung für die Organisation in Deutschland dar. Die Leute werden dann zum Beispiel zwangsweise in Wohnungen von anderen Familien einquartiert, was natürlich auch bei den Familien, die da schon gewohnt haben, nicht nur für Freude sorgt und natürlich auch Konflikte mit sich bringt. Wir haben außerdem eine große Zahl von Kriegsgefangenen, allein ungefähr 12 Millionen Deutsche und Verbundete, die in Kriegsgefangenen Lagern vor allem in der Sowjetunion sitzen. Wir haben aber auch zahlreiche Kollaborateure vor Ort, die zum Beispiel mit den Besatzungsmächten kollaboriert haben, die unterstützt haben, für die als Übersetzer gearbeitet haben oder als Aufseher oder sowas. Diese Leute werden jetzt von der Bevölkerung, die sich von denen zuvor unter Druck gefühlt hat, natürlich ganz gezielt gejagt. Es gibt auch noch einzelne verstreute Soldaten hier und da, die nach und nach alle gefasst werden und in die Kriegsgefangenen Lager gesteckt werden. Wir haben in Osteuropa insbesondere ganz stark zerstörte Städte und Gebiete, teilweise bis zur Unkenntlichkeit regelrecht vernichtete Städte. Der Historiker Timothy Snyder hat das die Bloodlands genannt, die Blutstaaten, sozusagen in denen am Ende des Zweiten Weltkriegs kaum noch ein Stein auf dem anderen steht.
Zusammenbruchsgesellschaft
Diese große Armut und diese große Not in ganz Europa, die führt auch zur Verbreitung von Seuchen, von Hungersnöten und auch Obdachlosigkeit, das wie gesagt ein großes Problem, das heißt insgesamt haben wir eine ganz intensive soziale Krise. Die Infrastruktur der Staaten bericht im Wesentlichen zusammen, das betrifft vor allem Deutschland, das heißt die Wasserversorgung, die Eisenbahn, die Post, die Stromversorgung und so weiter. All diese eigentlich lebensnotwendigen Infrastruktur, Maßnahmen oder Institutionen, die funktionieren einfach nicht mehr und damit hat man im Prinzip so ein bisschen so das Gefühl, man ist in die Steinzeit zurückgefallen, man hat das Gefühl, hier ist eigentlich die ganze Gesellschaft am Ende und man spricht da von der Zusammenbruchsgesellschaft, also eine Gesellschaft, die quasi nach dem Zusammenbruch der Zivilisation, wenn man so will, so am Boden sich befindet dessen, was so menschlich möglich ist. Zumindest empfindet man das in Deutschland so. Wir haben zugleich, so ähnlich wie wir das heute kennen, Staaten in denen große Krisen herrschen, so eine humanitäre Organisation in Deutschland, zum Beispiel die UNRAA, glaube ich, die versuchen die schlimmste Not zu lindern, aber natürlich können die nur in Tropfen auf den heißen Steinen sein, die können nicht ganz Europa retten, dafür fehlt ihnen jede Kapazität an Personal, an Geld, an Ausstattung und so weiter. Wir haben auch einen weitgehenden Zusammenbruch der Währung, stattdessen handelt man vor allem auf dem Schwarzmarkt und eine Währung, die da sehr gut funktioniert, sind Zigaretten, das heißt, man nimmt dieses rare Gut und verwendet das wie heute zum Beispiel den Euro als Währung für alle anderen Dinge, die man so handeln möchte. Wie man diesen 8. Mai 1945 interpretiert, das ist eine ganz komplexe Diskussion. Ist das eine Niederlage? Ist das eine Befreiung vom Nationalsozialismus? Ist es eine Stunde null, nach der man sozusagen auf Reset drückt und einen neuen Staat und eine neue Gesellschaft begründen kann? Ist es der Beginn eines Wiederaufbaus oder ist es das Ende und die Katastrophe? Diese Diskussion darum, welche Rolle der 8. Mai 1945 spielt, die führt im Prinzip in so eine mythische Erklärung des Datums schon durch die Zeit genossen. Da werden zum Beispiel die Trümmerfrauen ganz früh zu einem Mythos, die dieser Gedanke, dass die Frauen der Krieger, die im Krieg gefallen sind, natürlich, oder noch in Kriegsgefangenschaft sitzen, im Prinzip jetzt Deutschland alleine wieder aufbauen. Das ist eigentlich historisch nicht ganz richtig, denn viele von den Arbeitern, die da unterwegs waren, die waren eben auch Männer und viele von diesen Trümmerfrauen-Trupps wurden wiederum von Männern angeführt, das heißt, das stimmt eigentlich so nicht, aber der Mythos der Trümmerfrau, der hat sich ganz fest in Deutschland etabliert, auf der 50 Pfennigmünze aus der Zeit vor dem Euro kann man die sogar bewundern. Zugleich ist dieser Begriff der Stunde null geprägt worden, der Gedanke, dass man jetzt noch mal ganz von vorne anfängt, was natürlich zugleich so ein bisschen so eine Verdrängung des vorhergehenden, eben das Nationalsozialismus mit sich bringt, was für die Zeit genossen vielleicht ganz bequem war, aber natürlich dem Historiker ein Dorn im Auge ist. Es gibt ja keine Möglichkeit irgendwie mal die Geschichte sozusagen sein zu lassen und einfach ganz von vorne anzufangen. Das ist ja historisch und menschlich überhaupt nicht möglich. Bis heute ist die Diskussion, ob dieser 8. Mai eine Niederlage und eine Befreiung ist, in vielen Staaten noch nicht zu Ende geführt. In Deutschland ist sie eigentlich erledigt, spätestens seit der berühmten Rede von Eben Richard von Weitzsäcker 1985, die wir am Anfang gehört haben. Er spricht von einem Tag der Befreiung von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Aber wir müssen uns auch vergegenwärtigen, dass 1945 und in den folgenden, sagen wir mal, 10 bis 15 Jahren ganz viele Kriegsgefangene noch nach Hause kommen oder Kriegsveteranen existieren, die diesen Krieg verloren haben. Und die wollen natürlich nicht für ein menschenverachtendes System gekämpft haben und auch die Menschen, die im Nationalsozialismus gelebt haben, die wollen zum großen Teil eben nicht wahrhaben, dass das ein menschenverachtendes System gewesen sein könnte. Also kann man damals noch nicht in dieser Form von einer Befreiung ausgehen, sondern man empfindet diesen verlorenen Krieg natürlich in erster Linie als eine katastrophale Niederlage. Bis heute ist in Russland der 8. Mai 1945 ein ganz besonderes Datum, das eine ganz gigantische soziale und gesellschaftliche Wirkung hat. Bis heute wird nämlich in Russland dieser 8. Mai 1945 eigentlich als der Moment der Legitimation der insbesondere kommunistischen Herrschaft empfunden. Das heißt, der Stalinismus, der so viele Verbrechen begangen hat, der glänzt an diesem 8. Mai 1945 eben durch seinen Sieg über das verbrecherische, faschistische Deutschland und kann sich dann eben als Befreier der Welt von Hitler-Deutschen und vom Nationalsozialismus inszenieren. Und diese Inszenierung der Sowjetunion als der antifaschistische Staat in einer finsteren Welt, als sozusagen die Guten, die hält bis heute ein Stück weit an, wenn in Russland zum Beispiel über die Endnazifizierung der Ukraine schwadroniert wird im Zusammenhang mit dem 8. Mai 1945 und der aktuellen Ukraine-Krise. Wir haben heute über die Ausgangssituation in Europa 1945 diskutiert und die Begriffe Zusammenbruchsgesellschaft, Flucht und Vertrieben und Vertreibung kennengelernt. Diese Begriffe sind Teil des Bildungsplans für das dritte Halbjahr im Leistungsfachgeschichte in Baden-Württemberg. Die Bildungspläne sind überall relativ ähnlich, aber wenn ihr in einem anderen Bundesland lernt, dann werft einen Blick in euren eigenen Bildungsplan, damit ihr keine wichtigen Fachbegriffe für euer Abitur verpasst habt. Ich danke euch fürs Zuhören und bleibt mir treu. Bei uns ist eine neue Generation in die politische Verantwortung hereingewachsen. Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah, aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird. Wir Älteren schulden der Jugend nicht die Erfüllung von Träumen, sondern Aufrechtigkeit. Wir müssen den Jüngeren helfen zu verstehen, warum es so lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten. Wir wollen ihnen helfen, sich auf die geschichtliche Wahrheit nüchtern und ohne Einseitigkeit einzulassen, ohne Flucht in utopische Heils lehren, aber auch ohne moralische Überheblichkeit. Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feinschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder gegen Türken, gegen Alternative oder gegen Konservative, gegen Schwarz oder gegen Weiß. Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander. Ehren wir die Freiheit, arbeiten wir für den Frieden, halten wir uns an das Recht, dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit, schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.