Bürgerbeteiligung - Geschichte Leistungskurs 36
Heute geht es bei geschichtslehrer.net um den Kampf der Zivilgesellschaft für gesellschaftlichen Fortschritt in Ost und West. Wir sprechen über
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Emanzipation,
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“Mehr Demokratie wagen”,
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Neue Soziale Bewegungen,
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Pluralisierung,
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die Charta 77 und
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die Dissidentenbewegung.
Ein Polizist erschießt in West-Berlin 1967 einen Studenten bei einer Demonstration. Diese Tat politisiert eine ganze Generation, treibt sie auf die Straßen und zum Protest gegen den westdeutschen Staat. Auch auf der anderen Seite der Mauer schöpfen die Menschen Mut sich gegen die Unterdrückung durch die sozialistischen Herrschaften zu wehren. Heute tauchen wir in die wilden 1970er und 1980er Jahre ein. Eine Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche und eines krassen Konflikts zwischen den Generationen. Die Menschen in Ost und West kämpfen für individuelle Freiheit und politische Mitbestimmung.
Emanzipation
Was treibt diese Menschen an? Willkommen bei geschichtsseher.net. Ich bin Jens und in diesem Podcast bereiten wir uns verständlich und kurzweilig auf Klassenarbeiten und das Abitur im Fachgeschichte vor. Schön, dass du dabei bist. 1969 steht die Bundesrepublik Deutschland vor einem historischen Wendepunkt. Nach 20 Jahren konservativer Regierung unter der CDU stellt jetzt erstmals die SPD den Kanzler. Wie die Brand steht für Erneuerung und eine liberalere Demokratie. Politik soll für die Menschen zugänglicher und transparenter werden, unabhängig von ihrer Herkunft oder Sozialanstellung. Dieses sogenannte große Gespräch zwischen Regierung und Regierten soll die Demokratie in der BRD tiefer verwurzeln, soll ihr neue Legitimation verschaffen, den Menschen direkten Einfluss auf die Politik ermöglichen, mehr Nähe zwischen Politik und Bürgern schaffen. Brand selbst nennt das in seiner Regierungserklärung
“Mehr Demokratie wagen”
Schon Brands Wahl ist ein klares Anzeichen eines Generationenwechsels in der BRD. Die CDU hatte von 1949 bis 1969 den Bundeskanzler gestellt. 20 Jahre lang. Doch die bürgerliche, konservative, christlich geprägte Wählerschaft der CDU bekommt nun Konkurrenz von einer Generation, die Nationalsozialismus und Krieg nicht mehr selbst miterlebt hat, mit neuen Werten aufgewachsen ist. In ihren Augen soll die Gesellschaft so gestaltet sein, dass jeder Mensch gleiche Chancen hat, unabhängig von Geschlecht, Religion oder Herkunft. Ein Beispiel dafür ist das 1971 eingeführte BAföG, das allen Deutschen unabhängig von der finanziellen Situation ihrer Familie Zugang zu den Universitäten erbnen soll. Eine gerechtere Gesellschaft soll entstehen, in der jeder die Freiheit hat sein Leben selbst bestimmt zu gestalten. Ganz im Sinne von Willy Brandts Aufruf, mehr Demokratie zu wagen, entstehen in den 70er Jahren eine ganze Reihe von Bürgerbewegungen, die dann Missstände beseitigen wollen, ohne sich von den etablierten Parteien vertreten zu lassen.
Pluralisierung
Diesen Prozess beschreiben wir heute als Pluralisierung. Das Ergebnis davon ist dann der Pluralismus. Die unterschiedlichsten Teilgruppen einer Gesellschaft, diese Teilgruppen gab es schon immer, von denen hat man aber bisher politisch nicht so viel gehört, die werden nun sichtbar und kämpfen für ihre Interessen. Die Pluralisierung, in der das Wort Plural drin steckt, die Vielzahl, die beschreibt also, dass in einer Gesellschaft viele unterschiedliche Interessen eine Rolle spielen und gehört werden können. Zu den bekanntesten dieser sogenannten
Neue Soziale Bewegungen
gehören die Antiatomkraftbewegungen, die sich gegen Risiken der atomaren Rüstungen und der Atomenergie auflehnte, die Umweltbewegung, die gegen Umweltverschmutzung und Ressourcenverschwendung protestierte, die Friedensbewegung, die sich im kalten Krieg für eine Welt ohne nukleare Bedrohungen einsetzt und die Frauenbewegung, die für eine tatsächliche Gleichberechtigung der Geschlechter und gegen patriarchale Strukturen kämpft. Die 1980 gegründeten Grünen, die zurzeit den Vizekanzler stellen, wurden zum politischen Arm dieser Bewegungen. In vielen Punkten kann man in der heutigen Partei Bündnis 90 die Grünen noch die Ursprünge wahrnehmen, z.B. in der Frauenquote bei der Vergabe von Wahlistenplätzen, in der Umweltpolitik oder auch in der feministischen Außenpolitik, wie Annalena Baerboxy postuliert. Während in Westdeutschland die Rufe nach mehr Demokratie laut werden, entsteht auch in Osteuropa ein Ansatz des Widerstands gegen die kommunistischen Regime. Da spricht man von
die Dissidentenbewegung
die sich für Menschenrecht und mehr Freiheit einsetzt. Dissident bedeutet wörtlich ungefähr einer, der nicht einverstanden ist oder der anders denkt. Aber wir verwenden das heute in erster Linie für Leute, die sich gegen Diktaturen im eigenen Land wenden. Ein Beispiel für eine Aktion der dissidenten Bewegung ist
die Charta 77 und
die so genannte CARTA 77, schreibt mit CH. Die CARTA 77, die heißt so, weil sie 1977 entstanden ist, erinnert euch an die KSZE-Schlussakte von 1975, über die wir vergangenen Folge gesprochen haben. Darin verpflichten sich die Unterzeichner, zu denen auch die kommunistischen Staaten gehören, zur Achtung der Menschenrechte. Super erdenken sich einige 100 Intellektuelle in der Czechoslovakie und veröffentlichen eben 1977 die CARTA 77 und darin fordern sie die Einhaltung der Menschenrechte auch in ihrem Staat. Am nächsten Morgen machen sie auf und stellen fest, dass sie zu Helden des friedlichen Widerstands geworden sind. Bei aller Kritik an bestimmten Punkten in den kommunistischen Staaten sind die allermeisten dissidenten nicht daran interessiert, den Kommunismus ganz abzuschaffen. Sie wünschen sich eher schrittweise Reformen von innen heraus, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, wie das Alexander Dubcek 1968 formuliert hatte, dessen Reformversuch war 1968 noch nach wenigen Monaten von sowjetischen Panzern blattgeweist worden. Die kommunistischen Regierungen, die reagieren aber auch in den späten 70ern nicht begeistert auf Reformforderungen, die sind im Vergleichsweise unflexibel. Dissidenten erhalten z.B. Berufsverbote, werden verhaftet oder werden zwangsweise ausgebürgert, d.h. letztlich werden sie aus dem eigenen Land abgeschoben, könnte man sagen. Aber die Dissidenten-Bewegung wird mit den Jahren zu einem echten Machtfaktor und wird auch beim Zusammenbruch des Ostblocks keine kleine Rolle spielen. Der Kampf der 1970er und 1980er Jahre um Demokratie, Emanzipation und Pluralisierung hat unsere Gesellschaft grundlegend verändert. Heute sind gleiche Bildungschancen, Umweltbewusstsein, Gleichberechtigung und die Wertschätzung von Vielfalt zentrale Werte der europäischen Gesellschaften. Die Dissidenten-Bewegungen in Osteuropa haben bewiesen, dass Veränderung auch in repressiven Systemen möglich sein kann und die neuen sozialen Bewegungen in Westdeutschland haben die Rolle der Zivilgesellschaft gegenüber der Politik deutlich gestärkt. Gesellschaftlicher Fortschritt wird erst durch Mut und Engagement der Bürger dieser Gesellschaft möglich. Wir haben heute über Willi Brandts mehr Demokratie wagen, über die neuen sozialen Bewegungen, die Pluralisierung und die Emanzipation im Westen gesprochen. Im Osten haben wir mit der CARTA 77 und der Dissidenten-Bewegung Meilensteine der zivilgesellschaftlichen Entwicklung kennengelernt. Sie alle sind Teil des Bildungsplans für das dritte Halbjahr der kursstufigen Geschichte. Welches Thema würde dich als nächstes interessieren? Lasst mir gerne einen Kommentar auf Spotify oder auf www.geschichtsleerad.net da. Ich danke euch fürs Zuhören und bleibt miträumen.