Dekolonisierung Südafrikas - Geschichte Leistungskurs 45
Heute sprechen wir über die Dekolonisierung am Fallbeispiel Südafrika. Es geht unter anderem um
- Dekolonisation/Dekolonisierung,
- Unabhängigkeitsbewegung,
- gewaltloser Widerstand, und die
- Dekolonisation “von oben”.
What we have is the reality of a racist system which has to be ended without delay. What impels us to act is the daily picture we see of black children who are dead when they should have been alive. We do not pursue any goals which would result in some emerging as winners and others as losers. We are striving to proceed in a manner and towards a result which will ensure that all our people, both black and white, emerge as victors. 1990 hielt Nelson Mandela, ein Oppositionspolitiker aus Südafrika, diese Rede im Europäischen Parlament. Die letzten 40 Jahre hatte er in Südafrika im Gefängnis gesessen. Und trotzdem spricht er von Versöhnung, nennt seine Gegner anständige Männer und fordert zugleich einen radikalen Umbau seines Heimatlandes. Was war da los in Südafrika im Jahr 1990? Herzlich willkommen zu geschichtslehrer.net und unserer heutigen Folge über die Geschichte Südafrikas und das späte Ende der Kolonialherrschaft. Ich bin Jens und in diesem Podcast bereiten wir uns kurzweilig und fachkundig auf…Klassenarbeiten und das Abitur im Fach Geschichte vor. Schön, dass du zuhörst. Um Südafrikas Geschichte zu verstehen, müssen wir eine kleine Zeitreise in die Anfänge des Kolonialzeitalters machen. In der Mitte des 17. Jahrhunderts gründeten Niederländer, das war damals eine große Seemacht, die erste Kapkolonie im heutigen Südafrika. Der Wettlauf um Afrika, der europäischen Großmächte, nahm damals erst so langsam an Fahrt auf. Die niederländische Ostindien-Kompanie, also eigentlich eine private Firma, die errichtete diese Siedlung in Südafrika eigentlich nicht mit dem Ziel, hier eine große Kolonie zu gründen, sondern da ging es eher darum, eine Proviant- und Reparaturstation für Handelsschiffe zu schaffen, die dann auf dem Weg von Europa nach Indien um Afrika den langen Weg um das Horn herum nehmen mussten. Denn heute könnte man ja die Abkürzung durch den Suezkanal in Ägypten nehmen, aber den gab es damals ja noch nicht. Diese strategische Position für den Welthandel machte den südlichen Zipfel Afrikas, das eben sogenannte Kapp, zu einem super wichtigen Stützpunkt für den Handel von Gewürzen und Stoffen mit Indien. Und bald schon merkten die Europäer, dass man mit anderen Waren noch deutlich mehr Geld verdienen konnte, nämlich mit menschlicher Ware. Vom sogenannten Dreieckshandel habt ihr bestimmt schon mal gehört. Das Dreieck, das besteht dann aus Europa, Afrika und Amerika, sozusagen ein Dreieck um den Atlantik herum. Amerika, vor allem das, was später die USA werden, aber auch der Südamerika, startet in dieser Zeit so richtig durch. Und da braucht man…Man hat jede Menge Arbeitskräfte für Baumwollfarmen, Plantagen und Minen. Bisher haben die Siedler in erster Linie in die Indianer versklavt und in die Minen geschickt, aber von denen sind nun so viele gestorben, dass das nicht mehr reicht. Daraus entwickelt sich also ein neues Handelssystem. Die Europäer bringen Waffen, Textilien und andere schöne Sachen nach Afrika. Diese Sachen tauschen sie dann gegen versklavte Menschen ein. Viele afrikanische Stämme und Gruppen beteiligen sich auch an diesem Geschäft, überfallen verfeindete Gruppen, fangen dort Leute ein und verkaufen sie dann an die Europäer. Diese Menschen, diese Sklaven, werden dann über den Atlantik in die neue Welt, nach Amerika, vor allem nach Brasilien und in die USA verschifft. Wenn sie die Fahrt überleben, dann werden sie in Amerika als super billige Arbeitskräfte auf die Plantagen und in die Minen gezwungen und die Europäer bekommen für diese Sklaven Zuckerprodukte und andere Rohstoffe, die sie dann zurück mit nach Europa nehmen können. Damit ist das Dreieck dann fertig. Diese Darstellung ist natürlich super vereinfacht. Die Schiffe sind natürlich nicht ständig im Dreieck Europa, Afrika, Amerika hin und her gesegelt, sondern dieses Dreieck beschreibt eher so den weltweiten Gesamtwarenstrom, wenn man so will. Sozusagen, wenn man die Waren auf all den tausenden von Handelsschiffen zusammenrechnet, die auf den Meeren herumschippern, dann wäre das eben dieses Dreieck. Mit diesem Dreieckshandel boomte also der Welthandel nun so richtig und obwohl Südafrika selber kein echter Hotspot dieses Sklavenhandels war, war auch in der südafrikanischen Kolonie Sklavenhaltung und Sklavenarbeit an der Tagesordnung, allerdings damals noch vor allem von Sklaven aus Indonesien, Indien und Madagaskar, später auch aus Mosambik. Diese bunte Mischung von Menschen aus allen möglichen Regionen der Welt, Weiße, Schwarze, Inder und so weiter, werden wir später im System.Thema der Apartheid wiederfinden. Die Sklaverei war also nicht nur das wirtschaftliche Fundament dieser Kolonie, sondern die prägte auch eine extrem vielfältige und extrem ungerechte und extrem rassistische Gesellschaft, deren Nachwirkungen wir bis heute in Südafrika sehen können. Wie ganz Afrika war Südafrika in den folgenden Jahrhunderten immer weiter unter die Kontrolle europäischer Staaten gekommen. Großbritannien, Frankreich, Belgien, aber eben auch die Niederlande, Deutschland, Portugal und Spanien und Italien wollten alle einen sogenannten Platz an der Sonne haben. So nennt man damals die afrikanischen Kolonien, das ist so ein bisschen beschönigend. Im 19. Jahrhundert ging dann der Wettlauf um Afrika, der sogenannte Scramble for Africa, so richtig los. Jetzt ging es nicht mehr nur um Handel oder um Sklaven, sondern es ging eigentlich um Land und um politische Macht und militärische Macht, sozusagen darum, ein Stück Afrika für die eigenen Nationen zu sichern. Zwischen 1850 und 1900 geriet dann auch der letzte Flecken afrikanischer Erde unter europäische Herrschaft. Wir haben vorhin schon gehört, dass Südafrika 1650 von der niederländischen Ostindien-Kompanie kolonisiert worden ist, also gaben hier die Niederländer den Ton an, bis zur britischen Eroberung um 1800. Deswegen sprechen heute noch viele Weiße in Afrika, in Südafrika, die Sprache Afrikaans. Und das ist eigentlich ein Dialekt des Niederländischen. Nach 1800 waren dann die Briten die Kolonialherren in Südafrika, was man auch daran merkt, dass dort bis heute Englisch eine der am weitesten verbreiteten Sprachen ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der europäische Staaten über Kolonien aller Welt herrschten, die bröckelt ab ungefähr 1918 nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Denn nach dem Ersten Weltkrieg…zerfielen einige mächtige Imperien, vor allem das Osmanische Reich. Und dadurch entstand ein Machtvakuum, in dem erste
Unabhängigkeitsbewegung
auftauchten, also so Bürgerbewegungen, die gegen koloniale Herrschaft protestiert haben und versucht haben, eine Eigenverwaltung durchzusetzen. Und das wirkte natürlich für andere Kolonien, die noch unter europäischer Kontrolle standen, wie Südafrika, wie ein Vorbild. Und war natürlich dadurch irgendwie gefährlich für die Kolonialherren. Ein Schlüsseldokument aus der Zeit sind die sogenannten 14 Punkte des US-Präsidenten Wilson. Diese 14 Punkte, die enthielten unter anderem ein Selbstbestimmungsrecht der Völker, also so eine Idee, dass jedes Volk doch selber entscheiden sollte, wie es seinen Staat organisiert oder zu welchem Staat es gehören will. 1926 bis 1931 erhielt Südafrika dann auch von seinen britischen Kolonialherren eine immer weiter fortschreitende Souveränität bis hin zur formalen Unabhängigkeit. Und damit war Südafrika von seinem Kolonialherrn frei.
Dekolonisation/Dekolonisierung
beendet. Danke fürs Zuhören. Doch nicht. Denn bei Südafrika geht es nach der Unabhängigkeit 1931 erst so richtig los mit dem kolonialen Desaster. Und das kam so. Politisch ging es in Südafrika in den 1920er Jahren, also in dieser Zeit, als das Land unabhängig wird, neben der Loslösung von Großbritannien vor allem immer wieder um die Rassenfrage, in Anführungszeichen. Also um die Frage, wie das Verhältnis zwischen der weißen und der nicht-weißen Bevölkerung aussehen sollte. Die indischstämmige, die schwarze und die sogenannte Colored-Bevölkerung, das sind so verschiedene Kategorien, die man da aufmacht, je nach ethnischer Zugehörigkeit.Die gewann in diesen Jahrzehnten an Selbstbewusstsein. Die suchte nach politischer Mitbestimmung und sie begann auch sich in Gewerkschaften zu organisieren. Und die Weißen sahen das nachvollziehbarerweise als eine Bedrohung ihrer Privilegien, denn die Weißen lebten sehr, sehr gut in diesem Südafrika, in dem sie wirtschaftlich deutlich mehr Macht hatten, politisch deutlich mehr Macht hatten und so weiter. Bei den Wahlen von 1948 trat dann die Nationale Partei mit dem Versprechen an, eine Rassentrennung einzuführen, auf Afrikaans sagt man Apartheid. Und das bedeutete eigentlich, dass sie natürlich das Programm hatte, die Privilegien der Weißen zu zementieren. Ziemlich überraschend gewann sie auch die Wahlen und setzte ihr Programm dann in den nächsten Jahren tatsächlich auch um, indem sie die Ausbeutung und die Unterdrückung der nicht-weißen Bevölkerung durch eine Reihe von Gesetzen festschrieb, institutionalisierte. Die Apartheid war nun also eine offizielle Staatspolitik in Südafrika.Apartheid, das heißt zunächst mal Getrenntheit oder im Kontext der USA sagt man häufig Segregation, Segregation. Gemeint ist damit, dass verschiedene, in Anführungszeichen, menschliche Rassen, zum Beispiel schwarze, weiße, inder und colored, getrennt bleiben sollen. Diese Getrenntheit lässt sich auf alles Mögliche beziehen, zum Beispiel auf die Wohnorte oder auf die Kindergärten und Schulen, wo die Kinder erzogen werden, aber auch auf Berufe, auf Eheschließungen und so weiter. In den Jahren nach dem Wahlsieg der Nationalen Partei erließ dann die Regierung auch eine Reihe von Gesetzen mit genau diesem Ziel. Da gibt es zum Beispiel den Population Registration Act von 1950, bei dem man versucht hat, die Menschen nach rassischen Gruppen einzuteilen und das dann eben auch in offiziellen Dokumenten festgelegt hat. Und dann wurde aus einem südafrikanischen Bürger einfach ein Schwarzer oder ein Weißer oder eben ein Colored oder ein Inder. In den nächsten Jahren legten dann weitere Gesetze fest, inwiefern diese Rassen zum Beispiel in verschiedenen voneinander getrennten Wohngebieten leben mussten. Der sogenannte Group Areas Act, der zwang dann schwarze Südafrikaner in Homelands oder Townships zu leben. Weiße Südafrikaner bewohnten dagegen die allerbesten Wohngebiete, die es in der Gegend so gab. In den Ausweisen der Menschen wurde auch festgeschrieben, in welchen Teilen des Landes sie sich aufhalten durften und wo nicht, was natürlich eine ganz radikale Begrenzung.der Freiheit ist. Dazu kommt dann noch der Bantu Education Act, der dafür sorgt, dass schwarze Afrikaner, Südafrikaner nur eine minderwertige Bildung erhielten. Das heißt, die nicht die gleiche Bildung genießen konnten wie ihre weißen Mitbürger. Und das bedeutete letztlich, dass sie von Berufen, die eine gewisse Qualifikation, vielleicht ein Studium erforderten, ausgeschlossen wurden und damit auch nicht so viel Geld verdienten wie viele Weiße. Außerdem wurden natürlich Beziehungen und Ehen zwischen Menschen verschiedener Rassen kriminalisiert, um diese Trennung weiter zu verstärken. Und ein Stück weit natürlich auch, weil in Anführungszeichen Mischehen ja das ganze Konzept der Apartheid auf den Kopf stellen würden, weil das ja dann das Problem aufwerfen würde, was ist denn dieser Mensch und ist er nun weiß oder ist er nun schwarz? Ihr könnt euch bestimmt vorstellen, dass die nicht-weiße Bevölkerung mit diesen Gesetzen ziemlich unglücklich war. Und in diesem Umfeld entstand dann eine Widerstandsbewegung, vor allem in der gebildeten schwarzen Elite, deren Sprachrohr wurde der African National Congress oder ANC oder ANC abgekürzt. Das ist eine Organisation, die sich damals für die Rechte von Schwarzen einsetzte. Dieser ANC war damals zunächst mal eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die auf
gewaltloser Widerstand
, und die auf Verhandlungen mit der Regierung setzte. Aber unter dem Druck der zunehmenden Rassentrennung, der sich verstärkenden Apartheid, da radikalisierte sich eine Gruppe von jungen, eher jüngeren Vertretern des ANC rund um einen Mann namens Nelson Mandela, den wir vorhin schon gehört haben.Und diese Gruppe mobilisierte die schwarze Mehrheit im Land zu Widerstand gegen dieses rassistische Regime der Apartheid. Tausende von Aktivisten, darunter auch zum Beispiel Mandela selbst, ließen sich etwa ganz gezielt verhaften, indem sie offen gegen das Passgesetz und andere diskriminierende Gesetze verstießen. Das heißt, die sind zum Beispiel ohne einen Ausweis zu einer Polizeistation gegangen und haben das auch allen erzählt, sodass man die eigentlich hätte festnehmen müssen. Und dadurch wollte man die Ungerechtigkeit dieses Apartheid-Systems ganz sichtbar machen, eben weil in Gegenwart von Presse und Kameras und so weiter dann plötzlich eben aufgrund dieser bescheuerten oder bescheuerten Anführungszeichen auf diese diskriminierenden Gesetze jemand verhaftet wurde. Und das zielt natürlich darauf, letztlich Widerstand zu mobilisieren und die Aufmerksamkeit auch anderer Staaten auf das Unrechtssystem dieser Apartheid zu lenken. Die Regierung reagierte auf den Widerstand der Freiheitsbewegung mit immer krasserer Polizeigewalt. Im März 1960 demonstrierten ungefähr 6000 Schwarze in Sharpville gegen diese Passgesetze, die wir gerade besprochen haben. Die Polizei erschoss beim Versuch, diese Demonstration aufzulösen, 69 Demonstranten, darunter sogar Kinder. Im Gegenzug radikalisierte sich auch die schwarze Freiheitsbewegung immer weiter. Mandela rief nun zum bewaffneten Kampf auf, weil der friedliche Protest nicht ausgereicht hat. In seinen Augen. Nelson Mandela wurde 1963-64 wegen seiner Aktivitäten zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und nach Robben Island verschifft. Das ist eine Insel außerhalb des Kernlandes, wo man sozusagen die gefährlichstenStrafmärkte oder die gefährlichsten politischen Gegner festgesetzt hat. Mandela war damit zwar irgendwie aus der Öffentlichkeit in den Zeitungen verschwunden und er blieb es fast 30 Jahre lang bis 1990, aber er wurde umso größer eine Art überlebensgroßer Mythos des schwarzen Widerstands in Südafrika. Man hat den nie mehr gesehen, der war aus der Öffentlichkeit vollkommen ausgeblendet. Es gab keine Bilder von ihm und nichts, aber man wusste, es gibt diesen Nelson Mandela und das ist so ein Freiheitskämpfer für unsere Rechte. Und dadurch bekam er so einen, man könnte sagen, einen Heiligenschein oder sowas. Er wurde dadurch zu einer Überfigur. Andere Führungsfiguren des ANC gingen ins Exil und versuchten von dort, zum Beispiel mit Hilfe anderer Staaten, durch Boykotte und Sanktionen, Druck auf das südafrikanische Apartheidsregime auszuüben. Der Widerstand war aber mit Mandelas Festnahme nicht verschwunden. Zum Beispiel demonstrierten 1976 in Soweto über 10.000 Schüler gegen diese miserable Bantu Education und auch hier schlug die Polizei diesen und folgende Aufstände blutig nieder mit zahlreichen toten Kindern und anderen Menschen.In den 1980er Jahren geriet das Apartheid-Regime unter zunehmenden internationalen, aber auch innenpolitischen Druck. Das rassistische Regime wurde vor allem von anderen Staaten zunehmend geächtet. 1990 begann die damalige Regierung unter Präsident Friedrich Wilhelm de Klerk mit Reformen und entließ auch Nelson Mandela aus dem Gefängnis. 1994 fanden dann die ersten freien demokratischen Wahlen statt, bei denen er zum Präsident gewählt wurde. Und damit war die Apartheid zumindest als politische Praxis Geschichte. Wie sieht es denn nun aus mit dieser Dekolonisierung Südafrikas? Formal war der Staat ja eigentlich seit 1948 unabhängig. Doch die Kolonialherren von damals, eine kleine weiße Elite, weniger als 10% der Bevölkerung, dominierten während der Apartheid die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft des Staates, beutete die unterdrückten Schwarzen wirtschaftlich aus und unterdrückte sie durch rassistische Gesetze und einen brutalen Polizeiapparat. Also irgendwie war dieses unabhängige Südafrika dann doch ganz schön kolonial, oder? Dekolonisierung und Dekolonisation sind nicht das Gleiche.
Dekolonisation “von oben”
ist nicht das Gleiche. Dekolonisation ist der Moment, in dem ein Staat offiziell unabhängig wird und keine Kolonie mehr ist. Die Dekolonisierung ist dagegen der Prozess, bei dem sich das Land nach und nach wirklich unabhängig von seinen fremden Mächten macht.1931 war zwar die formale Dekolonisation Südafrikas, also die politische Unabhängigkeit von Großbritannien, abgeschlossen. Aber bis hin zu einer echten Dekolonisierung, zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen und politischen Freiheit und Selbstbestimmung der Bevölkerung usw. War es noch ein ziemlich weiter Weg. Wie ein Staat sich dekolonisiert, dafür haben Historiker verschiedene Modelle entwickelt. Revolutionen, Unabhängigkeitskriege, gewaltloser Widerstand, nationale Befreiungsbewegungen und die sogenannte Dekolonisierung von oben sind unterschiedliche Modelle und viele davon können wir in Südafrika in irgendeiner Weise beobachten. Der gewaltlose Widerstand zum Beispiel, der auf Mahatma Gandhi in Indien zurückgeht, war eine zentrale Inspiration für diesen gewaltlosen Widerstand in den 50er Jahren. Diese Aktionen, über die wir gesprochen haben, bei denen sich Tausende festnehmen lassen wollten. Man kann den ANC aber auch als eine nationale Befreiungsbewegung sehen, als eine Bewegung, die Millionen von Menschen mobilisierte. Die Unabhängigkeit von 1931 dagegen kann man als Beispiel für eine Dekolonisierung von oben sehen, also eine Dekolonisierung, bei der sich zwar der Kolonialherr aus der Kolonie zurückgezogen hat, aber die rassistischen Machtstrukturen und die Privilegien einer weißen Minderheit, die ließ er bestehen. Man könnte also sagen, die Dekolonisation Südafrikas fand zwar 1931 statt, aber die Dekolonisierung zog sich danach nochmal mindestens 70 Jahre hin. Und wenn wir uns das heutige Südafrika anschauen, in dem nach wie vor eine krasse Ungleichheitder Vermögen, der Einkommen, der Bildung und der Lebensbedingungen insgesamt herrscht, dann kann man sicher sagen, dass diese Dekolonisierung immer noch lange nicht abgeschlossen sein wird. Wie lässt sich nun dieser Dekolonisierungsprozess in Südafrika heute bewerten? Einerseits war der Kampf gegen die Kolonialen und die rassistischen Strukturen im Land schon irgendwie erfolgreich. Die Apartheid ist heute Geschichte. Heute gibt es eine demokratische Gesellschaft in Südafrika, auch wenn die geprägt ist von Korruption und vor allem von starker wirtschaftlicher Ungleichheit. Andererseits zeigt aber auch diese sehr lange Übergangsphase, dass der Weg in die politische Freiheit ziemlich hart und mit viel Blut erkämpft werden musste. Von der wirtschaftlichen und der gesellschaftlichen Gleichheit brauchen wir gar nicht reden. Im Vergleich zur Dekolonisation in anderen afrikanischen Ländern sieht man in Südafrika einen ziemlich komplizierten Mischprozess aus verschiedenen Typen von Dekolonisierung. Wir haben Elemente des gewaltlosen Widerstands, des bewaffneten Kampfes, der Bürgerrechtsbewegung und auch von oben gesteuerter Dekolonisierung. Diese Mischung, die liegt natürlich auch darin begründet, dass die Dekolonisierung Südafrikas sich über mehr als 70 Jahre gezogen hat. Und das ist ein zäher und langwieriger Prozess, geprägt von rassistisch motivierter brutaler Unterdrückung, sodass es ganz verschiedene Ansätze eben gab, diese Dekolonisierung voranzutreiben, weil eben das so lange dauert und einfach viel Zeit für verschiedene Ansätze war. Wir haben heute über Südafrika als ein Beispiel für den Dekolonisierungsprozesse des 20. Jahrhunderts gesprochen. Der Bildungsplan in Baden-Württemberg, der gibt vor, dass ihr im Leistungskurs zwei solche Beispiele kennen müsst.Im Basisfach zumindest eins. Südafrika kann dazu gehören, aber man kann auch den Israel-Konflikt, die Dekolonisation Indiens, den Mittleren Osten oder Vietnam nehmen. Je nachdem, welche Beispiele ihr im Unterricht so besprochen habt, solltet ihr euch auch über die noch ein bisschen schlau machen. Wenn euch die Folge geholfen oder gefallen hat, dann lasst mir gerne einen Kommentar da, abonniert den Podcast, teilt ihn mit Freunden und Bekannten, die sich auch wie ihr auf Klassenarbeiten und das Abitur vorbereiten. Ich danke euch fürs Zuhören und bleibt mir treu.