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Dekolonisierung Israel-Palästinas - Geschichte Leistungskurs 48

Staffel 1, Folge 48 24.03.2025 00:11:20

Der Nahostkonflikt ist wahrscheinlich das bekannteste Beispiel für eine katastrophal schiefgelaufene Dekolonisierung - auch wenn die wenigsten von uns auf dem Schirm haben, dass dieser Konflikt damit angefangen hat, dass hier eine Kolonie in die Unabhängigkeit entlassen werden sollte. Wir sprechen über das britische Mandat und den Zionismus, die Gründung Israels und den Sechstagekrieg, über die Fatah und die Hamas und die Frage, wie das alles jemals zu einem guten Ende finden soll.

Der Nahostkonflikt braucht eigentlich kein Intro. Er ist ja jeden Tag in den Nachrichten. Machen wir es kurz. Araber, Juden, Palästina, Israel. Eigentlich ein kleines Land, gerade mal so groß wie Brandenburg. Und trotzdem das Zentrum eines der langwierigsten und komplexesten Konflikte der Welt. Zwei Völker, die denselben Boden als ihre Heimat ansehen. Ein Kampf um Territorium und Identität, der schon mehr als 100 Jahre dauert. Wir reden über die Gründung Israels, die Vertreibung der Palästinenser, Raketenangriffe, illegale Siedlungen, Terroranschläge und Vergeltung und letzten Endes über die Frage, für wen das Selbstbestimmungsrecht der Völker eigentlich gilt. Willkommen bei geschichtshier.net. Ich bin Jens und in diesem Podcast bereiten wir uns verständlich und kurzweilig auf Klassenarbeiten und das Abitur im Fach Geschichte vor. Schön, dass du dabei bist.Das ganze Drama beginnt 1920. Der Völkerbund, Vorläufer der UN, übergibt Großbritannien das Mandatsgebiet Palästina. Mandatsgebiet heißt sowas wie Auftragsgebiet. Großbritannien soll also im Grunde gucken, wie diese palästinensische ehemalige Kolonie jetzt in die Unabhängigkeit geschickt werden soll. Also offiziell soll London die Region also zur Selbstverwaltung führen. Aber der Auftrag ist ein bisschen doppeldeutig. Denn die Balfour-Deklaration von 1917, die verspricht schon damals eine jüdische Heimstätte in Palästina, gegen den Willen der arabischen Mehrheit. Woodrow Wilsons 14 Punkte von 1918, die betonten das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Aber die Realität sieht ein bisschen anders aus. Die Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien, die teilen den Nahen Osten nämlich geheim untereinander auf. Palästina wird dadurch im Grunde zu einem Experimentierfeld. Im frühen 20. Jahrhundert entwickelte sich gleichzeitig der Zionismus, eine religiös begründete jüdische Bewegung, die für einen jüdischen Staat in Palästina war, weil dort ja auch die mehr oder weniger historische oder sagen wir mal biblische Heimat des Judentums liege. Dass dort zu diesem Zeitpunkt aber eigentlich kaum Juden und vor allem jede Menge Araber lebten, das spielte in der religiös verbrämten Werbung der Zionisten keine richtige Rolle. Großbritannien fiel, kann man sagen, auf die Lobbyarbeit der Zionisten.und versprach jüdischen Gemeinden, dass in Palästina ein jüdischer Staat entstehen sollte, was die Rechte der dort bereits lebenden Araber natürlich völlig ignorierte. Dieses Versprechen steht in der sogenannten Balfour-Deklaration von 1917, die wir eben schon gehört haben. Und diese Deklaration findet man sogar 100 Jahre später noch als Bezugspunkt im Programm der Hamas. Aber über die reden wir später noch. In den 1930er Jahren wählten immer mehr Staaten in Europa faschistische Herrscher. Und der vielerorts latente Antisemitismus schlug nun in gewaltsamer Verfolgung um bis hin zum Holocaust. Hunderttausende Juden fliehen in diesen Jahren vor Unterdrückung und Ermordung. Und ein Ziel dieser Flüchtenden ist eben Palästina. Hier herrschen zwar die Briten immer noch mit einem Mandat des Völkerbundes, sie verwalten sozusagen die ehemalige Kolonie noch auf dem Weg zur Unabhängigkeit, aber die jüdische Zuwanderung nach Palästina nimmt so richtig an Fahrt auf. Von 83.000 im Jahr 1922 auf 630.000 im Jahr 1948. Das ist dann fast ein Drittel der Bevölkerung. Landkäufe durch zionistische Organisationen verdrängen arabische Landbesitzer. Es gibt erst bewaffnete Aufstände gegen die immer weiter wachsende jüdische Bevölkerung. Die Araber fühlen sich durch die massive Zuwanderung von Juden, die vor der Verfolgung in Europa flüchten und zum Teil von einem jüdischen Staat träumen, immer mehr wie Fremde im eigenen Land.1947 beschließt die UN die Teilung Palästinas. 56% des Landes sollen nun an einen jüdischen und 43% des Landes an einen arabischen Staat gehen. Obwohl Juden bisher nur 33% der Bevölkerung ausmachen und nur 7% des Landes besitzen. Aus der Sicht der Araber in Palästina ist das also ein völliges Desaster und ganz krass ungerecht. Für Israel ist dieser 14. Mai 1948, der Tag, an dem Israel gegründet wird, der lang ersehnte Tag der Unabhängigkeit. Für die Palästinenser ist er eine Katastrophe. Und deswegen spricht man auch bis heute im arabischen Kulturkreis von der Nakba, wenn man von der Staatsgründung Israels spricht. Und das heißt eben auf Arabisch Katastrophe. Die Nakba führt zu erheblichen Unruhen. Der Teilungsplan der UN hatte ja vorgesehen, zwei Staaten zu gründen, eben einen jüdischen und einen arabischen. Aber aus dem arabischen Staat wurde bis heute nichts. Rechtlich bleibt der Status der palästinensischen Gebiete irgendwie unklar. 700.000 Palästinenser werden in den Monaten und den Jahren nach der Gründung Israels von israelischen Siedlern und Fanatikern aus ihrer Heimat vertrieben. 500 Dörfer zerstört. Palästinensische Dörfer werden dem Erdboden gleichgemacht, um eine Rückkehr unmöglich zu machen oder aber um Platz für neue israelische Siedlungen zu schaffen. Diese Vertreibung, die legt den Grundstein für den ethnopolitischenKonflikt in Israel, der bis heute andauert. 1967 schaukeln sich dann die Spannungen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn weiter hoch. Mit einem beispiellosen Überraschungsangriff besiegt Israel seine ganzen umgebenden arabischen Staaten, Ägypten, Syrien und Jordanien. In nur sechs Tagen erobern die Israelis den Gazastreifen, das jordanisch beherrschte Westjordanland, die ägyptische Sinai-Halbinsel und die syrischen Golanhöhen. Es ist ein Sieg auf ganzer Linie. Eine Million Palästinenser leben nun auf israelisch besetztem Gebiet und das hat sich bis heute eigentlich nicht geändert. Es gibt im Gazastreifen Menschen, die jetzt bald 60 Jahre lang unter militärischer Besatzung durch Israel leben. Dieser Sechstagekrieg ist ein Wendepunkt, eine Eskalation des Konflikts im Nahen Osten. Aus den Grenzstreitigkeiten wird nun eine gewaltsame Besatzung, die die Lebenswirklichkeit von Millionen von Palästinensern bis heute prägt und den Hass auf Israel in der arabischen Welt weiter schürt. Was die israelische Besatzung für die Palästinenser bedeutet, das sieht man besonders deutlich in Ost-Jerusalem. Hier werden palästinensische Familien regelmäßig aus ihren Häusern vertrieben, weil jüdische Siedler angebliche historische Ansprüche auf das Land erheben. Für viele Palästinenser ist das eine Form von Kolonialismus, nur halt eine, die jetzt noch stattfindet. Israels Siedlungspolitik hat das Westjordanland in einen Flickenteppich verwandelt. Palästinensische Gebiete werden durch Straßen, Militärzonen und Mauern zerschnitten. Menschenrechtsorganisationen sagen, dass es sich dabei eigentlich um ein System der systematischen Ent…Eignung und der Kontrolle handelt. Weil diese Enteignungen und die Unterdrückung nur eine bestimmte ethnische Gruppe treffen, eben die Araber, wird Israel häufig Apartheid vorgeworfen. Das heißt, ein System errichtet zu haben, das gezielt eine bestimmte Volksgruppe ausbeutet und unterdrückt. Dieser Begriff, der kommt von dem südafrikanischen Apartheidsregime. Und Apartheid ist heute ein völkerrechtlicher Straftatbestand. Dieser Vorwurf wird zurzeit vom Internationalen Strafgerichtshof geprüft. Israels rigides Vorgehen gegen die Palästinenser hat verschiedene Widerstandsgruppen hervorgebracht. In den 60er, 70er und 80er Jahren gab dabei die Fatah den Ton an. Das war eine demokratische, man könnte wahrscheinlich sagen linke, sozialdemokratische, irgendwie palästinensische Partei unter Yasser Arafat, die sich vor allem für einen palästinensischen Staat und gegen Israel engagierte. Aber das klingt jetzt so politisch, das war auch immer wieder eine Form von Terror, in Form von zum Beispiel Raketenangriffen und viel mehr. Ab 1990 mäßigte sich die Fatah immer mehr. Sie erkannte nun das Existenzrecht Israels an und sie verzichtete auch auf Terror. Aber seitdem machte dann auch eine andere palästinensische Partei immer mehr Schlagzeilen. Die Hamas nämlich, die wurde 1987 gegründet. In ihrem Programm von 87 setzt sie vor allem auf Islamismus, also auf religiös radikale Argumente. Sie erklärt zum Beispiel die Befreiung Palästinas vom Zionismus zu Gottes.Wenn aus dem Gazasteifen Raketen auf israelische Siedlungen geschossen wurden, dann waren das in aller Regel Kämpfer der Hamas. Dieser gewaltsame Widerstand, den man auch einfach Terror nennen könnte, der führte zu einer immer weiteren Radikalisierung der israelischen Gesellschaft, die sich von der Hamas akut bedroht sah. Seit den Massakern der Hamas an israelischen Zivilisten am 7. Oktober 2023 schlägt das israelische Militär nun wieder mit gigantischem Aufwand zurück, hat zahlreiche Anführer der Hamas getötet, die gesamte Organisation stark geschwächt. Aber wie man in diesem nun immer weiter verschärften Konflikt jemals eine friedliche Lösung finden soll, daran zerbricht sich in diesen Tagen die ganze Welt den Kopf. Die meisten Politikwissenschaftler sehen die Hamas als ein Produkt der israelischen Besatzung und der Hoffnungslosigkeit vieler Palästinenser. Wo politische Lösungen scheitern, da gedeihen eben Gewalt und Radikalisierung auf beiden Seiten des Konflikts.Dekolonisierung in Israel und Palästina bedeutet heute mehr als nur die Forderung nach der Rückkehr palästinensischer Flüchtlinge in ihre früheren Siedlungen. Es geht um ganz fundamentale Fragen der Gerechtigkeit und der Rechtsstaatlichkeit. Warum herrscht Israel seit 60 Jahren militärisch über mehrheitlich arabische Gebiete? Warum dürfen Palästinenser in Israel kein Land kaufen? Warum kontrolliert Israel den Zugang zu Trinkwasser im Westjordanland? Aus völkerrechtlicher Sicht ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht diskutabel. Aber Israels illegale Siedlungspolitik im Westjordanland verhindert einen funktionsfähigen Palästinenser-Staat. Viele Juristen sehen Israels Vorgehen dort als einen Verstoß gegen internationales Recht. Die Lösungen, die sind umstritten. Ein demokratischer Staat Israel, in dem beide Volksgruppen gleichberechtigt leben könnten, so wie es in der Verfassung Israels ja auch steht? Oder doch zwei Staaten und die israelischen Siedlungen müssten dann eben wieder weichen? Beide Szenarien sind zur Zeit ziemlich unrealistisch. Der Konflikt zwischen Israel und der Hamas wird so blutig ausgefochten wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Eine friedliche Einigung erscheint heute sehr, sehr weit weg.Dekolonisierung, das ist in Israel-Palästina ein Prozess, der immer noch lange nicht abgeschlossen ist, denn der heutige Konflikt, der ist ein direktes Erbe der kolonialen Vergangenheit. Wir haben heute über Israel-Palästina als ein Beispiel für die Dekolonisierung im 20. Jahrhundert gesprochen, über das britische Mandat unter Aufsicht des Völkerbundes und später der UN, über höchstens 14 Punkte, das Selbstbestimmungsrecht der Völker und über ein Paradebeispiel für einen ethnopolitischen Konflikt. Diese Begriffe sind Teil des Bildungsplans für das vierte Halbjahr der Kursstufe in Geschichte. Wenn euch die Folge geholfen oder gefallen hat, dann lasst gerne einen Kommentar da, abonniert den Podcast und teilt ihn mit Freunden oder Bekannten, die sich ebenso wie ihr auf Klassenarbeiten oder das Abitur vorbereiten. Für mich ist das eine große Motivation zu sehen, dass Leute die Podcasts anhören. Ich danke euch fürs Zuhören und bleibt mir treu.