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Dekolonisierung Indiens - Geschichte Leistungskurs 47

Staffel 1, Folge 50 17.03.2025 00:12:50

Gewaltloser Widerstand - ein Konzept, das in den aufbegehrenden Kolonien des 20. Jahrhunderts Schule machen wird. “Erfunden” wird es in Indien durch Mahatma Ghandi. Wie es ihm gelingt, die 300 Jahre alte britische Kolonialherrschaft abzuschütteln, wie dieses Erbe Indien aber auch bis heute prägt, davon erzählt unsere heutige Folge.

I regard myself as a soldier, though a soldier of peace. Na, kennt ihr den? Das ist die Stimme eines Mannes, den man heute vor allem als Mahatma Gandhi kennt, der sich hier als ein Soldat des Friedens beschreibt, als ein Soldat, der keine Gewalt anwendet, der aber alles einsetzt, sogar sein Leben, um sein Ziel friedlich zu erreichen. Dieser Gandhi, von dem habt ihr bestimmt ein Bild vor Augen. So ein klappriges Männchen in einem weißen Leinenkittel, grauer Schnurrbart, schlechte Zähne, runde Brille, meistens am Lächeln. Gandhi ist das Gesicht des friedlichen Widerstands gegen die Kolonialherrschaft in Indien. Seinen Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft und die Spuren, die die Kolonialzeit bis heute in Indien hinterlassen hat, die schauen wir uns heute an. Wie konnte Indien nach fast 200 Jahren britischer Kolonialherrschaft die Unabhängigkeit erringen und zu welchem Preis? Herzlich willkommen bei geschichtslehrer.net. Ich bin Jens und in diesem Podcast bereiten wir uns kurzweilig und fachkundig auf Klassenarbeiten und das Abitur im Fach Geschichte vor. Schön, dass du dabei bist.Bereits seit dem 17. Jahrhundert streckten die ersten britischen Expeditionen ihre Fühler in Indien aus. Mit der Gründung der britischen East-Indian Company, spätestens mit der Herrschaft der Queen Victoria als Kaiserin von Indien ab den 1870er Jahren, wandelte sich Indien von einer Ansammlung von Fürstentümern und Königreichen in ein offizielles gemeinsames Zusammenhängen des Kolonialreichs, zu dem damals auch Pakistan und Bangladesch gehörten. Die britischen Herrscher führten damals ein Wirtschaftssystem ein, das in erster Linie auf die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und der Arbeitskraft der Bevölkerung zielte. Landwirtschaftliche Produkte wurden für den Export umgeleitet und gleichzeitig wurden die lokalen Industrien zugunsten britischer Fertigung verdrängt. Letztlich ist es eine Form von wirtschaftlicher Ausbeutung. Traditionelle Strukturen wurden durch administrative Eingriffe und neue Rechtssysteme zum Teil ziemlich aufgebrochen. Die Ausbeutung der Ressourcen ohne jede Rücksicht auf die Bevölkerung, die brachte wiederkehrend Hungersnöte. So hatte zum Beispiel die Ostindien-Kompanie in den 1760er Jahren den Anbau von Nahrungsmitteln ganz radikal reduziert. Um stattdessen Exportprodukte, zum Beispiel Färbemittel und Opium anzubauen, mit denen sich die Briten jede Menge Gewinn versprachen. In der Folge kam es dann zu einer Hungersnot mit 10 Millionen Todesopfern. 10 Millionen ist eine unfassbare Zahl.eigentlich relativ unbeeindruckt in Kauf genommen hat. Denn das ist ein typisches Beispiel für das Selbstverständnis der Kolonialherren, eigentlich in aller Welt, die bei der Ausbeutung ihrer Kolonien auf die lokale Bevölkerung eigentlich nie Rücksicht genommen haben. Die Briten installierten in Indien ein System aus direkt regierten Provinzen auf der einen Seite und sogenannten Fürstenstaaten auf der anderen Seite. Diese Fürstenstaaten, das sind so eine Art Satellitenkönigreiche, in denen lokale Herrscher formal an der Macht sind, aber letztlich doch den kolonialen Interessen Großbritanniens untergeordnet sind. Das heißt, die regieren zwar formal selbstständig, aber in der Praxis sind sie ziemlich direkt abhängig von den Briten, zum Beispiel, weil sie ihre Macht denen verdanken und weil die Briten die eben auch ganz schnell absägen könnten, wenn sie wollten. Diese zentralisierte Kontrolle, die führt also dazu, dass Großbritannien in Indien eigentlich weitgehend frei schalten und walten kann, wie es will. Jede Form von abweichendem oder oppositionellem politischen Engagement wird da zügig unterdrückt. Meinungs- oder Versammlungsfreiheit gibt es nicht. Widerstand wurde in Indien in der Zeit häufig mit Demütigung oder Gewalt oder mit Kollektivstrafen geahndet. Die Briten verfolgten so eine Strategie, die könnte man als Teile und Herrscher beschreiben. Sie haben religiöse und ethnische Gruppen identifiziert und dann gegeneinander ausgespielt und dadurch konnten sie Bündnisse zwischen diesen verschiedenen Gruppen gegen ihre Kolonialherrschaft ganz gut verhindern. Zum Teil haben die Briten aber auch durch nackte Gewalt auf Widerstand reagiert. Ein Beispiel dafür ist das,Massaker von Jalyan Wala Bach in 1919, bei dem mehrere hundert Menschen bei einer friedlichen Versammlung oder Demonstration im weitesten Sinne von britischen Truppen quasi ohne Vorwarnung erschossen wurden und in Massengräbern verscharrt wurden. Diese Repression und Ausbeutung über Jahrzehnte hinweg, die weckten natürlich den Widerstand in der Bevölkerung. Mahatma Gandhi, der später erst Mahatma genannt wurde, der entwickelte die Philosophie des Satyagraha. Das ist eine Philosophie, die im Prinzip gewaltfreien Protest und zivilen Ungehorsam in ihren Mittelpunkt stellt, mit dem Ziel, massenweise Verhaftungen wegen absurdem Kleinkram zu provozieren. Und dadurch das Herrschaftssystem an seine Grenzen zu bringen und die Willkürherrschaft und die Ungerechtigkeit dieses kolonialen Systems sichtbar zu machen. Ein Beispiel dafür wäre der sogenannte Salzmarsch von 1930. Weil Salz von den Briten sehr hoch besteuert wurde, konnten viele Inder sich kaum noch Salz leisten, obwohl es im eigenen Land hergestellt wurde. Salz durfte dort nämlich nur von britischen Unternehmen gefördert werden. Das war natürlich irgendwie unfair. Also veranstaltete Gandhi einen großen Marsch mit vielen tausend Anhängern, einen ganzen Monat lang bis zur Meeresküste und sammelte dort dann ein paar Körnchen mehr Salz ein, was natürlich für Inder ja illegal war, weil das ja nur von britischen Unternehmen gefördert werden durfte. Und das ist ein klassisches Beispiel von gewaltlosem Widerstand und war natürlich ein Vorbild für alle anderen Inder, die mit der Kolonialherrschaft unzufrieden waren.frieden waren. Die Briteten verhaften in der ganzen Kolonie fast 50.000 Inder für solche Umgehungen der Salzsteuer, nennen sie das, und für ähnliche Aktionen. Das befeuert natürlich den Widerstand gegen die Briten noch weiter. Solche Kampagnen und solche Aktionen, insbesondere unter Gandhi, wurden zu Symbolen des gewaltlosen Widerstands und die mobilisierten Millionen von Indern gegen die Kolonialherrschaft. Aber schon in den Aktionen Gandhis zeigte sich die Spaltung der indischen Gesellschaft entlang vor allem religiöser Grenzen und religiöser Gruppen. Denn der allergrößte Teil der Aktivisten und insbesondere die Gandhi unterstützt haben, waren Hindus. Und das ist die große Mehrheit in Indien, das sind etwa 75% der Bevölkerung. Muslime gibt es da aber auch jede Menge, nämlich ungefähr 20% der Bevölkerung. Die sind die größte, mit Abstand die größte Minderheit Indiens. Und die beteiligten sich kaum an den Protesten gegen die Kolonialmacht.Der Zweite Weltkrieg stellte dann einen Wendepunkt in der Geschichte Indiens dar. Dieser Krieg schwächte Großbritannien wirtschaftlich und politisch und diese Kriegsanstrengungen führten dazu, dass die Aufrechterhaltung des Kolonialreichs zunehmend in Verruf geriet und nicht mehr als zeitgemäß empfunden wurde. Innerhalb Indiens radikalisierte sich dann auch diese Unabhängigkeitsbewegung. Die sogenannte Quit-India-Bewegung, die trieb ab 1942 die Briten immer stärker vor sich her. Und die reagierten durch die Verhaftung der Anführer dieser Bewegung. Aber der Geist war nicht mehr in die Flasche zu bekommen und mit dem Ende des Weltkriegs war Großbritannien militärisch dermaßen ausgelaugt, dass der Kontrollverlust in Indien eigentlich nur noch eine Frage der Zeit war. Am 15. August 1947 endete dann offiziell die britische Herrschaft in Indien. Wir haben eben schon über den Konflikt zwischen der hinduistischen Mehrheit und der muslimischen Minderheit in Indien gesprochen. Die Muslime, die vor allem im heutigen Pakistan und im heutigen Bangladesch lebten, hatten durchaus berechtigte Sorgen, dass ihre Interessen in einem unabhängigen, demokratischen Indien unter einer erdrückenden hinduistischen Mehrheit ziemlich unter den Tisch fallen würden. Gandhi und Nehru als die Anführer des Nationalkongresses, also sozusagen des Gremiums, das über eine Unabhängigkeit beraten.hat, die einigten sich mit der Muslimliga dann auf eine Aufteilung Indiens. Die mehrheitlich muslimischen Regionen wurden dann zu den heutigen Staaten Pakistan und Bangladesch. Die mehrheitlich hinduistischen Regionen wurden zum heutigen Indien. Aber wie das immer so ist, wenn man ethnisch einheitliche Staaten oder Gebiete formen will, lief das natürlich nicht ohne eine massenhafte Migration ab. Millionen von Menschen verließen ihre vorherige Heimat, teils auf eigene Faust, teils weil sie von ihren früheren Nachbarn vertrieben wurden, weil sie jetzt eben zu einer religiösen Gruppe gehörten, die nicht mehr in dieses Gebiet gehörte, in Anführungszeichen. Auch Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit wirken die Erbschaften dieser britischen Kolonialherrschaft immer noch irgendwie fort in Indien. Die Verfassung Indiens und viele der Institutionen basieren auf britischen Modellen. Zwar wurden diese Systeme an die lokale Rechtsprechung, an lokale Gegebenheiten usw. Angepasst, aber trotzdem sind die Wurzeln der Demokratie, der Verwaltung und des Rechts stark vom britischen Vorbild und von der Kolonialzeit geprägt. Auch die indische Bürokratie ist ganz klar von einer britischen Tradition geprägt. Die wirtschaftliche Ausbeutung während der Kolonialzeit hinterließ ein Land mit sehr ungleichen Entwicklungsniveaus. Während in manchen Regionen schon in kolonialer Zeit eine moderne Infrastruktur entstanden ist, wurden ländliche Regionen ziemlich vernachlässigt und verarmten. Das sieht man heute noch in indischen ländlichen Regionen. Auch die von den Briten geschaffenenGesellschaftlichen Spaltungen, erinnert euch an Teile und Herrscher, sei es entlang religiöser Linien oder ethnischer Linien oder regionaler Linien, die wirken immer noch nach. Die Strategie des Teil und Herrscher, die hat bis heute ganz massive Folgen für das gesellschaftliche Zusammenleben und die politische Landschaft in Indien. Wenn man einmal Hass zwischen den Gruppen sät, dann ist es sehr schwer wegzubekommen. Das englische Bildungssystem und auch die Sprache haben in Indien eine etwas zweischneidige Rolle gespielt. Einerseits öffneten sie den Weg in die globale Weltordnung und in die globale Wirtschaft. Auf der anderen Seite verdrängt sie auch Teile der lokalen Kulturen. Der Kampf gegen die Kolonialherrschaft der Briten brachte ein ganz starkes nationales Bewusstsein hervor und hat auch zu einer ständigen Auseinandersetzung mit der Kolonialvergangenheit geführt, zum Beispiel in Literatur, in Filmen und in der öffentlichen Debatte.Wenn wir uns die Geschichte der Dekolonisierung insgesamt ansehen, dann ist Indien einer der ersten Staaten, in dem eine Unabhängigkeitsbewegung erfolgreich und gewaltfrei gegen seine Kolonialherrschaft aufbegehrt und diese am Ende abschütteln kann. Diese Dekolonisierung Indiens war ein schmerzhafter Prozess, begleitet von gewaltsamer Repression, von Verhaftungen und teilweise auch von Justizmorden. Aber sie lief insgesamt doch weitaus ziviler und unter dem Strich viel friedlicher ab als in ganz vielen anderen Staaten, wenn wir etwa nach Südafrika oder Vietnam schauen. Indiens Unabhängigkeitskampf zeigt, wie groß der Menschenwille zu Freiheit und zu Unabhängigkeit sein kann und wie viel einzelne charismatische Führungsfiguren wie zum Beispiel Gandhi bewirken können. Seine Agenda des gewaltlosen Widerstands hat nicht nur Indien in die Unabhängigkeit geführt, sondern auch Freiheitskämpfer in unzähligen anderen Kolonien und Staaten inspiriert. Und trotzdem, die Spaltungen und die strukturellen Probleme, die während der Kolonialzeit entstanden sind, die prägen bis heute die politische und gesellschaftliche Realität Indiens. Diese Probleme sind immer noch Gegenstand intensiver gesellschaftlicher Debatten, von der wirtschaftlichen Ungleichheit zwischen verschiedenen Volksgruppen bis hin zu kulturellen und identitären Fragen der Identität. Das Erbe der Kolonialzeit ist also ziemlich zwiespältig. Einerseits hat es den Weg zu einer modernen,Demokratie gebracht. Andererseits hat es aber auch Herausforderungen hinterlassen, deren Lösung bis heute eine riesige Baustelle in Indien ist. Wir haben heute über Indien als Beispiel für die Dekolonisierungsprozesse des 20. Jahrhunderts gesprochen. Der Bildungsplan in Baden-Württemberg gibt vor, dass ihr im Leistungskurs zwei solche Beispiele kennen müsst, im Basisfach zumindest einen. Indien kann dazu gehören, man kann aber auch den Israel-Konflikt oder die Dekolonisierung Südafrikas, den Mittleren Osten oder Vietnam nehmen. Je nachdem, welche Beispiele ihr im Unterricht besprochen habt, solltet ihr euch auch über diese hinaus noch ein bisschen schlau machen. Wenn euch die Folge geholfen oder gefallen hat, lasst gerne einen Kommentar da, abonniert den Podcast und teilt ihn mit Freunden und Bekannten, die sich ebenso wie ihr auf Klassenarbeiten oder das Abitur vorbereiten. Ich danke euch fürs Zuhören und bleibt mir treu.