Abi-Methode Quellenanalyse - Geschichte Leistungskurs 52
Der absolute Klassiker des Geschichtsunterrichts ist die Quellenanalyse. Heute besprechen wir im Detail, wie man Text- und Bildquellen sauber analysiert und welche Fallstricke ihr beachten müsst.
Beispielquelle “Alfred Krupp an seine Angehörigen”:
Zu dieser Folge passende Folgen von geschichtslehrer.net:
- Schwerpunktthema 2: https://open.spotify.com/episode/0kpEeLsMnL2C2qCjpGTVrM
- Schwerpunktthema 1: https://open.spotify.com/episode/4ACHNSUQ7hHIc4kwRhk59V
- Industrialisierung: https://open.spotify.com/episode/7Ij5a9hHEJH5lXBwsQ7Ci4
- Soziale Frage: https://open.spotify.com/episode/4uTS6J7cOZY7WoiOreeEd5
Willkommen zum heutigen Deep Dive für das bevorstehende Geschichtsabitur bei geschichtslehrer.net. Ein Deep Dive, das heißt ja eigentlich tief tauchen, aber damit meint man landläufig eine besonders genaue Analyse eines Themas. Und so sind die Folgen, die ab jetzt bis zum Abiturtermin ungefähr alle zwei Tage erscheinen werden, auch gedacht. Bevor wir anfangen, ein paar Sätze zur Sicherheit, so als Disclaimer. Ja, ich bin ein echter Geschichtslehrer, aber ich habe keine Ahnung, was in diesem Jahr im Abitur drankommt. Ich war noch nie an der Erstellung eines Geschichtsabiturs beteiligt und ich habe mich auch mit keinem unterhalten, der daran beteiligt ist. Also mehr als die Facherlasse, die man öffentlich ergoogeln kann, weiß ich über diese kommende Prüfung auch nicht. Ich kann euch also nicht verraten, welche Themenblöcke, welche Operatoren, welche Texte oder welche Karikaturen in eurer Prüfung nachher drankommen. Stattdessen werden wir uns in diesem und in den kommenden Deep Dives ein paar typische Aufgabenstellungen angucken und an einer typischen Abi-Aufgabe durchspielen, die ich mir so vorstellen könnte, wenn ich so ein Abitur erfinden müsste. Im Zweifelsfall gilt, wenn euer Lehrer euch was anderes erklärt hat, dann macht das, was der gesagt hat. Denn die Bundesländer haben immer noch so ein bisschen unterschiedliche Vorstellungen davon, was so ein Operator bedeutet und wie man bestimmte Dinge macht. Zum Einstieg nehmen wir uns heute einen Aufgabentyp vor, der eigentlich in jedem Geschichtsabi vorkommen sollte, und zwar die Quellenanalyse. Wir gucken uns also ganz konkret an, wie man Textquellen analysiert, aber im Prinzip funktionieren Bildquellen genau nach dem gleichen Schema. Darauf kommen wir am Ende nochmal kurz zurück. Quellen sind für uns als Historiker…Sowas wie Zeitmaschinen. Die lassen uns in vergangene Epochen reingucken und helfen uns zu verstehen, wie die Menschen damals gedacht und gefühlt und gehandelt haben. Um das aber richtig nutzen zu können, diese Zeitmaschine, müssen wir die auch bedienen können und das lernen wir heute. Bevor wir uns die Details angucken, machen wir das Wichtigste ganz kurz mal zusammen. Eine erfolgreiche Quellenanalyse im Geschichtsunterricht, die folgt immer dem gleichen Aufbau. Zuerst kommt die formale Analyse, dann kommt die Inhaltsanalyse, dann kommt die Interpretation im historischen Kontext und dann kommt die kritische Beurteilung bzw. Das Fazit. Also erstens Formanalyse, zweitens Inhaltsanalyse, drittens Interpretation historischer Kontext, viertens Fazit. Mit dieser Herangehensweise kannst du so gut wie jeden historischen Text zerlegen, das heißt ja analysieren. Und du bekommst so einen klaren Blick auf die Herkunft, auf die Aussage, auf die Entstehungsumstände und auf die Perspektive oder die Absicht des Textes. Also nochmal zu merken, formale Analyse, inhaltliche Analyse, historischer Kontext, Fazit. So, Schritt 1, diese formale Analyse. Was ist denn das für ein Text? Ihr stellt euch vor, ihr bekommt irgendwie eine mysteriöse Nachricht und als erstes überlegt ihr euch, ja, wer hat denn die geschickt und wann hat er die geschickt und an wen war denn die? Und so geht es bei historischen Quellen auch. Zuerst müsst ihr also rauskriegen, für die formale Analyse, was ihr da vor euch habt, was das für eine Quellengattung ist. Also ist es zum Beispiel…Beispiel ein privater Brief, ist das ein Zeitungsartikel, eine Rede oder ein Gesetzestext? Jede Quellenart hat so ihre eigenen Spezialitäten. Im nächsten Schritt identifiziere den Verfasser. Wer hat denn das Ding geschrieben? Was weiß man denn über diese Person? War das ein Politiker, ein einfacher Bürger, ein Journalist oder so? Die Position des Autors, die kann schon viel über die Perspektive des Textes für nachher verraten. Genauso wichtig wie der Verfasser sind auch die Adressaten. Für wen ist denn dieser Text? Ist er für die breite Öffentlichkeit, für eine bestimmte Gruppe, ist er für eine einzelne Person? Im Zweifelsfall kann man häufig schreiben an die Öffentlichkeit, wenn es eben für alle ist. Zum Abschluss kommen wir dann zur zeitlichen und räumlichen Einordnung. Wann und wo ist denn dieser Text entstanden? In welchem historischen Kontext steht er denn im Großen und Ganzen? War das kurz nach einem Krieg oder in einer Revolution oder in einer Wirtschaftskrise? Das war jetzt relativ viel auf einmal, aber ihr müsst das nicht alles auswendig wissen, denn meistens gibt es direkt auch Infos zum Text, meistens steht drunter, der Autor ist Journalist bei der großen deutschen Tageszeitung XY oder sowas. In der Regel geben die Ersteller des Abiturs euch da ein paar Hinweise. Manchmal kann man aber auch sein Hintergrundwissen nutzen und manchmal kann man auch aus dem Text selber Rückschlüsse für sich ziehen, was das für ein Text ist. Also nochmal, die formale Analyse, die braucht die Quellengattung, den Verfasser, den Adressat, die Zeit und den Ort.
Industrialisierung
Der zweite Schritt ist die Inhaltsanalyse. Was steht denn da eigentlich? Nachdem ihr also jetzt wisst, mit welcher Art von Text ihr es da zu tun habt, geht es jetzt darum zu verstehen, was da eigentlich drin steht. Ihr lest euch den Text erstmal komplett durch, aber mit einem Stift in der Hand. Bei diesem ersten Lesen, da geht es noch nicht um die Details, sondern um so einen grundsätzlichen Überblick. Markiert euch vor allem Sachen, also unbekannte Wörter, Passagen, die man nicht versteht. Am Rand kritzelt man sich am besten schon mal hin, was einem so durch den Kopf geht. Wenn irgendwo was unklar ist oder manipulativ ist, glatt gelogen ist, pathetisch formuliert ist oder sowas. Solche ersten Eindrücke, die verschwinden relativ schnell, weil man sich an die Sprache gewöhnt und beim zweiten Mal fallen einem die komischen Sachen schon nicht mehr so ganz so stark auf. Das heißt gleich mit dem Stift überall hinkringeln oder ein Hä an den Rand schreiben oder sowas, einfach um sich klar zu machen, hier ist was komisch, da muss ich aufpassen. Beim zweiten Durchgang geht ihr dann ein bisschen tiefer und notiert euch mögliche Zwischenüberschriften für die einzelnen Absätze, arbeitet die Hauptaussagen des Textes raus und da streicht euch die, überlegt euch, welche Argumente werden denn da verwendet, gibt es bestimmte Themen, die immer wieder auftauchen und so kriegt ihr schon den Text so ein bisschen aufgedröselt. Ihr kriegt den Text ja normalerweise in einer Form, in der schon optisch klare Absätze zu erkennen sind und dann könnt ihr daran schon so eine gewisse Struktur ablesen. Bei dieser inhaltlichen Analyse, die ihr dann schreibt, da geht es nicht darum, den kompletten Text zu paraphrasieren. Das kostet ganz viel Zeit und das bringt auch nichts. Stattdessen sollt ihr die Kerngedanken rausarbeiten, also die wichtigsten Ideen und Aussagen dieses Textes.Textes und das zeigt ihr dann am Text aber nicht mit langen wörtlichen Zitaten, sondern nur mit so einer Zeilenangabe. Also meinetwegen, der Autor redet darüber, wie schlecht die SPD in seinen Augen Politik macht, Klammer auf, Zeile 3 bis 5, Klammer zu. Schlüsselwörter kann man auch mal wörtlich zitieren. Also wenn das Wort Elends, Baracken oder was weiß ich darin vorkommt und ihr wollt das erwähnen, weil es um den Pauperismus, um die soziale Frage geht, um die Lage der Arbeiter, dann kann man das in Anführungszeichen einmal dahin werfen, Klammer auf, Zeile 5, Klammer zu, abgefrühstückt. Aber wirklich nur kleine Versatzstücke zitieren, sonst läuft euch in der Prüfung die Zeit davon. Zu dieser inhaltlichen Analyse gehört auch die Sprache dazu. Ist das eine sachliche oder eine emotionale Sprache, eine pathetische Sprache? Werden bestimmte Wörter sehr auffällig oder sehr oft verwendet? Gibt es bestimmte Metaphern, rhetorische Fragen, Aufforderungen oder andere sprachliche Besonderheiten? Da kann man dann oft schon ziemlich gut rauslesen, was der Verfasser bei seinem Adressat eigentlich bezwecken will. Der dritte Schritt ist dann die Interpretation im historischen Kontext, also was steckt hinter dieser Quelle. Der historische Kontext ist eine fancy Beschreibung für die Geschichte drumherum, um diese Quelle. Bei der Interpretation im historischen Kontext geht ihr also über das ausdrücklich im Text Gesagte hinaus und fragt euch stattdessen, was will denn dieser Verfasser eigentlich mit seinem Text bezwecken? So ein Text aus dem Jahr 1871 ist anders zu bewerten als einer aus dem Jahr 1918. Die Menschen haben andere Informationen, andere Wertvorstellungen, andere Sorge.Fragt euch also, was sagt dieser Text über die damalige Zeit aus? Welche Werte, welche Normen, welche Denkweisen erkenne ich denn da drin? Da könnt ihr euer ganzes historisches Wissen jetzt einbringen. Und diese Interpretation im historischen Kontext, die wird oft mit der Hälfte der Punkte gewertet. Das heißt, die ist wichtig, die darf ausführlich sein. Benutzt hier die ganzen Fachbegriffe, die ihr im Unterricht gelernt habt. Wenn der Text zum Beispiel die Lage der Arbeiter in der Industrialisierung behandelt, dann gehören da eben auch
Soziale Frage
Klassenkampf, Bourgeoisie, Proletariat, Reform, Revolution, Arbeiterbewegung, solche Konzepte rein. Wenn es um die Gesellschaft, um das Jahr 1900 geht, dann muss man halt über Hochmoderne und Fortschrittsoptimismus und die Modernisierungsverlierer usw. Reden. Hier helfen euch diese Begriffscluster, die ihr im Bildungsplan findet. Aus diesem historischen Kontext ergibt sich dann im nächsten Schritt die Frage, welche Absicht könnte denn hinter dem Text stehen, wie passten der Text und dieser Autor in den historischen Kontext, den ihr gerade erklärt habt? Will der Autor seinen Adressat von was überzeugen oder über etwas informieren oder manipulieren oder sogar provozieren? Kurzum, es geht darum rauszukriegen, was der Autor mit seinem Text bewirken will und das ist dann eben auch Schritt 4, das Fazit. Wie wertvoll ist denn meine Quelle? In diesem letzten Schritt geht ihr jetzt auf Abstand und guckt euch die Quelle nochmal kritisch an. Fragt euch, wie glaubwürdig ist denn die Quelle? Hat dieser Verfasser bestimmte Eigeninteressen, die er da verfolgt? Hat er überhaupt Zugang zu allen relevanten Informationen? Weiß der überhaupt Bescheid, was da passiert? Oder erzählt der irgendeinen Blödsinn? Kann man dieser Quelle glauben und vertrauen?Und überlegt euch auch, was erfahren wir durch diese Quelle über die damalige Zeit und was verschweigt die Quelle vielleicht sogar mit Absicht. Jede Quelle hat bestimmte blinde Flecken, die nicht erwähnt werden, obwohl die wichtig sein könnten. Wenn ihr noch andere Quellen aus der gleichen Zeit oder zum gleichen Thema kennt, dann könnt ihr zum Schluss ja auch einen kurzen Vergleich ziehen. Ihr werdet zu euren
Schwerpunktthema 1
in aller Regel andere Quellen im Unterricht oder in der Vorbereitung mal gelesen haben. Wenn ihr da einen Bezug herstellen könnt, dann ist das eine super einfache Möglichkeit, Fachkenntnis zu zeigen und die Quelle in den großen Zusammenhang einzuordnen. Zum Beispiel, wenn ihr eine Quelle habt, in der ein Nazi behauptet, er hätte nichts vom Holocaust gewusst, obwohl er ein hohes Tier bei der SS war, dann könnt ihr da einen Vergleich ziehen, zum Beispiel zu einer bestimmten Rede eines Offiziers, der ausdrücklich über den Holocaust spricht und sich da gut auskennt. Jetzt habt ihr schon relativ viele Infos gesammelt, aber wie bringt man das jetzt schriftlich auf Papier? Zunächst mal folgt ihr unbedingt dieser Struktur, die ich gerade erklärt habe. Formale Analyse, Inhaltsanalyse, historischer Kontext, Fazit. Wenn das für den Prüfer klar erkennbar ist, dann ist es für ihn auch viel leichter, euren Gedanken zu folgen. Nichts wäre blöder, als wenn ihr die richtigen Ideen habt, aber der Prüfer muss die beim Korrigieren erst mühsam zusammensuchen, weil ihr euch nicht an die Struktur gehalten habt. Dann findet er die nämlich vielleicht auch nicht. Zweitens benutzt Fachbegriffe, und zwar die, die im Bildungsplan zu diesem Thema drinstehen. Es ist wirklich immer ärgerlich, wenn Leute die Begriffe eigentlich kennen und gut gelernt haben, aber nur umschreiben und dann kommt das Wort soziale Frage nicht vor. Das ist ein echter Fehler.Drittens, belegt die Aussagen mit konkreten Textstellen. Zitiert bestimmte Schlagwörter direkt oder halt verweist auf die Zeilen, wenn ihr paraphrasiert. Nicht weglassen. Und ganz wichtig, es geht in der Inhaltsanalyse nicht darum, den Text komplett nachzuerzählen, sondern es geht nur um die Kerngedanken. Viertens, schreibt in der Gegenwart, wenn ihr über den Inhalt des Textes sprecht, also der Autor argumentiert und nicht der Autor argumentierte. Den historischen Kontext, den kann man in Gegenwart oder Vergangenheit formulieren. Ich persönlich finde immer, dass die Gegenwart knackiger klingt, aber das ist Geschmackssache. Fünftens vermeidet so persönliche Formulierungen, zum Beispiel ich denke oder meine Meinung nach, wenn man schreibt, es lässt sich feststellen, es deutet darauf hin, also unpersönlich formulieren, wie man das auch in der Wissenschaft macht. Es gibt noch so zwei häufige Fallen, die man immer wieder sieht. Das eine ist die sogenannte Verallgemeinerungsfalle. Nicht alle Briefe, nicht alle Quellen spiegeln die Meinung aller Menschen in der Zeit wieder. Also Vorsicht mit Verallgemeinerungen. Wenn ich einen Brief von einem Arbeiter habe, dann heißt das nicht, dass alle Arbeiter so denken wie der. Und der andere Fehler, den ich oft sehe, ist die sogenannte Faktenfalle, denn nicht alles, was in der Quelle steht, ist wahr. Sondern das ist ja eine subjektive Aussage. Deswegen bleibt ihr kritisch im Kopf und formuliert immer subjektive Aussagen auch als subjektive Aussagen, das heißt im Konjunktiv. Die indirekte Rede ist eigentlich der beste Freund bei der inhaltlichen Analyse. So, jetzt habt ihr die Theorie verstanden. Wie sieht das nun in der Praxis aus?Lasst uns mal gemeinsam eine Beispieltextanalyse machen. Ich habe hier eine total klassische Quelle mitgebracht, eine Rede von Alfred Krupp, diesem Stahlunternehmer, an die Arbeiter in seinen Fabriken. Die Chancen sind ziemlich gut, dass ihr diese Quelle schon mal im Unterricht behandelt habt oder einen Teil davon. Ich verlinke den Text trotzdem in den Shownotes. Wenn ihr wollt, könnt ihr jetzt Pause drücken, euch den Text der Quelle durchlesen, die vier Schritte dann durchspielen und hinterher weiterhören, um zu gucken, ob ihr zum gleichen Ergebnis gekommen seid oder ob ihr was übersehen habt. Wenn ihr beim Thema Industrialisierung und soziale Frage inhaltlich nicht mehr so ganz sicher seid, dann könnt ihr euch vorher nochmal die Folge 2 Industrialisierung und die Folge 5 Soziale Frage anhören. Ich verlinke die auch in den Show Notes. Letzte Chance zum Pause drücken. Nach der Musik geht’s los.Erstens, formale Beschreibung. Bei der vorliegenden Quelle handelt es sich um eine Rede mit dem Titel Ein Wort an meine Angehörigen, die Alfred Krupp, ein Industrieller und Inhaber der Krupp-Werke, am 11. Februar 1877 verfasst hat. Die Ansprache richtet sich ausdrücklich an die Angehörigen, Zitat, seiner gewerblichen Anlagen, namentlich, Zitat, der Gussstahlfabrik, der Gruben und der Hüttenwerke, Zitat Ende. Wobei Krupp ausdrücklich betont, dass sie vertraulich ausdrücklich beschränkt, Zitat Ende, sei auf den Verband von Arbeitern, Meistern und Beamten des obigen Privatbesitzes, Zitat Ende. Die Quelle wurde später in Sammlungen seiner Briefe und in Quellenwerken zur sozialen Frage veröffentlicht. Zweitens Inhalt und Sprache. Die Ansprache behandelt also ein zentrales Thema, Krupps Positionierung gegen die Sozialdemokratie und die Verteidigung seiner unternehmerischen Autorität. Krupp stellt sich entschieden gegen sozialistische Ideen, die er als Bedrohung für sein Unternehmen und die bestehende gesellschaftliche Ordnung begreift. Die Kernaussagen lassen sich unter folgenden übergeordneten Aspekten zusammenfassen. Erstens die Gefahr der Sozialdemokratie. Krupp warnt eindrücklich vor der in Anführungszeichen sogenannten Sozialdemokratie, deren Vertreter die Aufhebung des Privatbesitzes anstreben würden. Er malt ein Schreckensszenario, falls die Sozialdemokratie zur Herrschaft gelange, was seiner Meinung nachzum wirtschaftlichen Ruin seines Unternehmens führen würde. Er bezeichnet die sozialistischen Ideen als Angriff auf Thron, Regierung, Religion, Eigentum und Moral. Zweitens Legitimation des Unternehmertums. Krupp rechtfertigt seine Position als Unternehmer durch die Schilderung seiner eigenen Erfolgsgeschichte und er betont, dass er 1826 in Anführungszeichen ohne Vermögen begonnen habe und Anführungszeichen mit wenigen Leuten die verfallene Gussstahlfabrik übernahm und da großen persönlichen Entbehrungen gearbeitet habe. Er hebt hervor, dass er vielen Menschen Arbeit gegeben und für deren Lebensunterhalt gesorgt habe. Drittens, das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Krupp vertritt eine strikt hierarchische Auffassung des Arbeitsverhältnisses, wonach der Arbeiter für seinen Lohn abgefunden sei und keinerlei Anspruch an den Gewinn habe. Er begründet das mit seinem unternehmerischen Risiko und seiner geistigen Leistung. Wenn mein Gedanke also mein ist, so ist auch meine Erfahrung mein und die Frucht derselben. Viertens, soziale Fürsorge als freiwillige Leistung. Krupp betont seine freiwilligen sozialen Leistungen, wie den Bau von Wohnungen für seine Arbeiter und von Schulen, stellt aber klar, dass diese Fürsorge mit Bedingungen verknüpft ist, nämlich Friede und Eintracht. Und das heißt letzten Endes mit Gehorsam der Arbeiter. Letztens Appell an die Arbeiter. Der Industrielle fordert seine Arbeiter auf, sich von politischen Aktivitäten völlig fernzuhalten und sich stattdessen auf ihr Privatleben zu konzentrieren. Zitat, genießt, was euch beschieden ist.Verbleibt im Kreise der Eurigen, das sei eure Politik. Er spricht also den Arbeitern die Fähigkeit ab, politische Zusammenhänge zu verstehen. Zitat, Politik treiben erfordert mehr freie Zeit und Einblick in die Verhältnisse, als dem Arbeiter verdient ist. Letzten Endes warnt er zum Schluss unmissverständlich, dass jeder, der nicht, Zitat, von Herzen ergeben mit uns geht, Zitat Ende, das Unternehmen verlassen soll. Damit kommen wir zur sprachlichen Analyse. Krupp verwendet eine autoritäre, patriarchalische Sprache, die seine Machtposition unterstreicht. Er spricht zu den Arbeitern von oben herab, was er in ständigen Imperativen zum Ausdruck bringt, zum Beispiel genießt, verbleibt, sind, erspart euch und so weiter. Krupp bedient sich häufig einer Metaphorik, um seine Argumentation zu stärken. Zum Beispiel, man erwärmt keine Schlange an seiner Brust oder mit Feuer und Schwert würden die Sozialdemokraten die politischen Gegner bekämpfen. Rhetorisch arbeitet er außerdem noch mit starken Kontrasten, wenn er seine eigene Erfolgsgeschichte dem angeblichen Chaos der Sozialdemokratie gegenüberstellt. Oder wenn er die Verbesserung der Lebensverhältnisse unter seiner Führung betont, vor 50 Jahren lebte kein Arbeiter so gut in Nahrung, Wohnung und Kleidung als heute. Der Sprachstil ist ziemlich pathetisch, zum Beispiel in der Formulierung, es wird eine Bestimmung meines letzten Willens sein oder sowas, das hat schon religiöse Züge. Gleichzeitig gibt er sich an manchen Stellen sehr väterlich und fürsorglich, was ja auch seinem patriarchalischen Selbstverständnis entspricht.Jetzt kommen wir zur Erklärung im historischen Kontext, Schritt 3. Die Rede Krups entstand 1877 in einer Phase tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen. Nach der Reichsgründung 1871 unter Bismarck erlebte Deutschland eine Phase der Industrialisierung mit rasantem wirtschaftlichem Wachstum, aber auch mit erheblichen sozialen Spannungen. Das ist die sogenannte Phase des Take-off oder der Hochindustrialisierung. Die Arbeiterbewegung gewann zunehmend an Bedeutung, was sich zum Beispiel in der Gründung und Stärkung von sozialdemokratischen Organisationen zeigt. Besonders bedeutsam ist, dass die Rede zwischen der Vereinigung der beiden sozialdemokratischen Parteien zur SPD und kurz vor dem Erlass der Sozialistengesetze durch Bismarck gehalten wird. In dieser Zeit nehmen die Spannungen zwischen Arbeiterbewegung und staatlichen unternehmerischen Kräften stark zu. Krupps Rede spiegelt also die Furcht der Industriellen vor dem Wachstum der Sozialdemokratie wider. Das Unternehmen von Krupp hat zu diesem Zeitpunkt schon sich zu einem der größten Industriekonzerne in Deutschland entwickelt, besonders bekannt für Stahl und Rüstung. Alfred Krupp hat das Unternehmen schon 50 Jahre lang betrieben. Seine Erfolgsgeschichte verkörpert eigentlich den Aufstieg der deutschen Industrie im 19. Jahrhundert. Die im Text erwähnten sozialen Maßnahmen, Wohnungsbau für die Arbeiter, waren Teil eines patriarchalischen Unternehmenskonzepts, bei dem der Industrielle umfassende Fürsorge für seine Arbeiter übernahm, aber gleichzeitig absolute Loyalität und politische Enthaltsamkeit fordert. Diese Form des Herr-im-Haus-Standpunkts, das war unser…unter industriellen dieser Zeit weit verbreitet. Krupps Argumentation gegen das Mitspracherecht der Arbeiter und seine Verteidigung des unangeschränkten unternehmerischen Eigentums stehen im direkten Gegensatz zu den Forderungen der Arbeiterbewegung nach mehr Partizipation und gerechteren Verhältnissen. Die von ihm beschriebenen angeblichen Ziele der Sozialdemokratie sind total überzeichnet und entsprechen eher den zeitgenössischen Klischees und den Ängsten der bürgerlichen Schicht als den tatsächlichen Programmen der Arbeiterbewegung. Da gehören dann noch so Fachbegriffe hier und da gedroppt wie soziale Frage, Bourgeoisie, Proletariat und so weiter.Viertens kommen wir zum Fazit. Die analysierte Rede zeigt Alfred Grupp als typischen Vertreter eines patriarchalischen Unternehmertums des 19. Jahrhunderts. Seine Perspektive ist geprägt von der unbedingten Verteidigung des Privateigentums vor der Sozialdemokratie. Er sieht sich selbst als wohlwollenden, strengen Vater seiner Arbeiter, für die er sorgt, aber denen er auch jegliche politische Mitsprache verweigert. Die Gesamtaussage der Quelle lässt sich folgendermaßen zusammenfassen. Krupp warnt eindringlich vor der Sozialdemokratie, die er als existenzielle Bedrohung für sein Unternehmen und die Gesellschaftsordnung betrachtet. Er legitimiert seine unternehmerische Autorität durch persönlichen Erfolg und freiwillige soziale Leistung. Gleichzeitig fordert er von seinen Arbeitern absolute Loyalität und droht jedem mit Entlassung, der sich dem widersetzt. Die Quelle verdeutlicht exemplarisch den Klassenkampf im Deutschen Kaiserreich und die Abwehrhaltung der Industriellen gegen eine erstarkende Arbeiterbewegung. Sie ist ein wichtiges Zeugnis für das Selbstverständnis und die Rhetorik des Großbürgertums im Kontext der sozialen Frage des späten 19. Jahrhunderts.Nachdem wir uns jetzt intensiv mit der Analyse von Textquellen beschäftigt haben und ein Beispiel durchgesprochen haben, schauen wir uns zum Abschluss noch zwei Varianten an, nämlich die Bildquellen und die Vergleiche. Zunächst mal schauen wir uns an, inwiefern sich Bildquellenanalysen denn von Textquellenanalysen unterscheiden. Ob ihr einen Text oder ein Bild untersucht, das ist im Grundprinzip eigentlich immer das Gleiche. Ihr nähert euch der Quelle systematisch und mit einem kritischen Blick. Und bei Bildquellen funktioniert das eigentlich nach dem gleichen Schema. Erstens, formale Analyse, also was ist das für eine Quellensorte, Karikatur, Foto, Gemälde oder so. Wer hat es gezeichnet, wann hat es gezeichnet, wo ist es erschienen und für wen. Zweitens, inhaltliche Analyse. Was sieht man auf dem Bild? Was ist im Vordergrund? Was ist im Hintergrund? Was ist im Zentrum? Was steht an den Rändern? Welche Details fallen mir sonst so auf? Worauf wird die Aufmerksamkeit gelenkt? Und ganz wichtig, steht irgendwo noch Text dabei, der mir das Ding näher erklärt. Drittens, historischer Kontext, also in welche Zeit und zu welchen historischen Ereignissen, Prozessen, Fachbegriffen usw. Gehört diese Quelle? Und viertens, Fazit, welche Wirkung hat der Autor beabsichtigt? Informiert er den Betrachter oder manipuliert er den Betrachter oder lässt er irgendwas weg, übertreibt? Wie steht der Autor selber zu diesen historischen Prozessen, die er zeigt und wie glaubwürdig ist er denn? Im Wesentlichen könnt ihr also die gleichen Fragen wie bei der Textquelle stellen. Nur, dass ihr statt auf Sprache eben auch…auf Bildsprache, Farben, Perspektiven, Symbole und so weiter achtet. Eine andere Variante der Quellenanalyse sind solche Aufgaben, die heißen Analysiere Quelle 1 und vergleiche sie mit Quelle 2. Das ist ganz wörtlich genau so gemeint. Analysiere nur Quelle 1. So wie vorhin. Die Quelle 2 nicht. Die ist nur für den Vergleich da. Ihr schreibt also eine ganz normale Analyse der ersten Quelle, aber ihr lasst das Fazit weg und vergleicht an der Stelle stattdessen die beiden Quellen miteinander. Diese beiden Quellen gehören eigentlich immer in denselben historischen Zusammenhang, aber sie kommen meistens aus zwei verschiedenen Perspektiven auf das Thema und bewerten deswegen das Thema irgendwie unterschiedlich. Zum Beispiel kriegt ihr eine Karikatur über das Elend der Arbeiter zu analysieren und bekommt dann eine Textquelle zum Vergleich, wo ein Arbeitgeber beschreibt, wie super er seine Arbeiter behandelt. Und im Vergleich sollt ihr dann am Schluss diesen Unterschied klar machen, ohne die zweite Quelle nochmal komplett von vorne aufzudröseln. Was sagen diese Quellen inhaltlich aus? Welche Perspektive haben die beiden Autoren? Was will der Autor mit seiner Quelle bewirken? Der Knackpunkt ist also, dass er hier nicht auf den Details der Quellen rumreitet, sondern abstrakte Kriterien benutzt. Zum Beispiel eben, welche Perspektive hat er oder was sagt er inhaltlich aus oder welche Intention verfolgt diese Quelle. Also, egal ob das jetzt ein Text, ein Bild oder ein Vergleich ist, wichtig ist, dass ihr immer systematisch vorgeht, kritisch bleibt und den historischen Zusammenhang im Blick habt. So könnt ihr die Geschichte dann wirklich klar begreifen und analysieren, was diese Quellen sollen.
Schwerpunktthema 2
Das war’s für heute mit unserem Podcast rund um die Quellenanalyse im Geschichtsunterricht. Ich hoffe, ihr fühlt euch jetzt ein bisschen sicherer, wenn es darum geht, historische Texte und Bilder zu entschlüsseln und Vergleiche zu ziehen. Merkt euch, formale Analyse, Inhaltsanalyse, historischer Kontext, Fazit. Damit kommt ihr bei Quellenanalysen eigentlich immer gut durch. Wenn euch die Folge geholfen oder gefallen hat, dann abonniert gerne den Podcast, schreibt mir gerne einen Kommentar bei Spotify oder per E-Mail an jens.geschichtslehrer.net. Da könnt ihr mir auch gerne Themenwünsche und Feedback schicken. Im nächsten Deep Dive werden wir uns die historische Erörterung näher ansehen. Ihr findet inzwischen mehr als 50 Folgen von mir zu allen Themenbereichen der Kursstufe in Geschichte. Außerdem gibt es zwei eigene Folgen zu den Schwerpunktthema des Abiturs 2025, in denen ich alle zentralen Themen und Fachbegriffe nochmal ganz konkret und einzeln besprochen habe. Ich freue mich, wenn ihr wieder reinhört. Bis dahin, viel Erfolg bei der Vorbereitung und bei den Prüfungen.