Abi-Methode Beurteilen - Geschichte Leistungskurs 54
Heute geht es um einen Aufgabentyp, der euch in Klausuren und im Abitur immer wieder begegnen wird: die historische Beurteilung. Ich erkläre euch in dieser Folge, was dahintersteckt, wie ihr dabei vorgeht und worauf ihr achten müsst.
Ihr findet bei mir viele weitere Folgen, zum Beispiel zur Quellenanalyse, zum Schwerpunktthema 2 und zum Schwerpunktthema 1 für das Abiturjahr 2025.
Hallo und herzlich willkommen zum heutigen Deep Dive zur Abivorbereitung bei geschichtslehrer.net. Heute geht es um einen Aufgabentyp, der euch in Klausuren und im Abitur immer wieder begegnet. Und das ist die historische Beurteilung. Ich erkläre euch in der nächsten halben Stunde, was da drin, dahinter steckt und wie ihr dabei vorgeht und worauf ihr da achten müsst. Was ist denn diese Beurteilung überhaupt? Wenn ihr in der Aufgabe aufgefordert werdet, irgendwas zu beurteilen, dann sollt ihr eine Aussage oder eine Behauptung oder eine Maßnahme daraufhin überprüfen, wie stichhaltig die ist oder wie angemessen die ist. Das heißt, ihr sollt euch überlegen, ob das, was da behauptet wird, wirklich Sinn macht und aus eurer Sicht auch gerechtfertigt ist. Ihr müsst dabei immer die Kriterien nennen, nach denen ihr das beurteilt, also die Maßstäbe, die ihr anlegt. Das ist der Unterschied zwischen einer Beurteilung und zum Beispiel einer Erörterung oder einem Überprüfen oder sowas. Es geht um die Kriterien. So eine Beurteilungsaufgabe, die ist immer so aufgebaut, dass man eine bestimmte historische Entwicklung oder einen bestimmten historischen Prozess oder irgendeinen Fachbegriff vorgeworfen bekommt und dessen Bedeutung für irgendwas anderes soll man dann beurteilen oder dessen Wichtigkeit oder sowas. Ein Beispiel wäre die Aufgabe, beurteilen Sie die Bedeutung des Marshall-Plans für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands.Da soll man also rauskriegen, wie wichtig ist denn der für die Entwicklung Deutschlands oder für die wirtschaftliche Entwicklung. Die Antwort ist dann immer in drei Teile gegliedert, ganz klassisch wie bei der Erörterung auch, Einleitung, Hauptteil und Schluss. In der Einleitung nennt man die Aussage nochmal und erklärt die Fachbegriffe, die da vorkommen. Also man erklärt kurz, was ist der Marshallplan, wo gehört der hin, in welchem Kontext und was für eine wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands ist damit gemeint. Da geht es dann natürlich um das Wirtschaftswunder und den Boom und so. Und ganz wichtig ist, bei der Beurteilung kommt dann noch das Kriterium dazu oder die Kriterien dazu. Das heißt, hier werden in der Einleitung dann schon die Kriterien genannt, an denen man das messen kann, ob dieser Marshallplan wichtig ist oder wie wichtig der ist. Und diese Kriterien, das können ganz unterschiedliche sein. Zum Beispiel die wirtschaftlichen Auswirkungen, die der hat, oder die politischen Folgen, die der hat, oder die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Marshallplan produziert, und so weiter. Im Hauptteil werden dann die einzelnen Argumente zu diesen Kriterien durchgespielt. Wir sagen ja zum Beispiel, jetzt kommt das Kriterium wirtschaftliche Entwicklung und dann kann ich für mich schlussfolgern, ja der Marshallplan, der hat dazu beigetragen, dass Deutschlands Wirtschaft nach dem Krieg geboomt hat oder ich kann Gegenargumente dafür finden. Das heißt, ich arbeite mich jetzt an den Kriterien entlang ab. Das ist kein Pro und Contra, sondern ich arbeite an bestimmten fachlichen oder sachlichen Feldern sozusagen eben an diesen Kriterien meinen Hauptteil nach und nach ab. Und am Ende gewichte ich dann diese Argumente, was ist meiner Meinung nach besonders wichtig.Und was ist eher weniger wichtig? Und dann kommt am Ende eine klare, eindeutige Stellungnahme. Und das soll keine, das kennt ihr schon aus der Erörterung, das soll keine entweder oder oder keine kann man so und so sehen Beurteilung sein, sondern die Beurteilung ist ganz eindeutig entweder ja oder nein. Es ist wichtig oder es ist nicht wichtig. Aber es darf keine so eine Larifari-Antwort sein, die sich irgendwo in der Mitte bewegt. Also nochmal in kurz. Die Einleitung fasst kurz zusammen, was steht da in dieser These, die beurteilt werden soll und welche Kriterien wende ich an, um das zu beurteilen. Der Hauptteil orientiert sich an diesen Kriterien und füllt die mit Argumenten, mit Sachwissen, mit Fachbelegen und so weiter. Am Ende wird dann gewichtet. Und im Schluss wird klar und eindeutig Stellung bezogen, ist das Ding, was da beurteilt wurde, wichtig oder ist es nicht wichtig. Im nächsten Kapitel werden wir eine Beispielaufgabe durchspielen. Wer will, der kann jetzt gleich auf Pause drücken und das mal selber versuchen. Unsere Aufgabe heißt, beurteile inwieweit die Arbeiterschaft vom wachsenden Wohlstand durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert profitierte. Also auf gut Deutsch, hat die Arbeiterschaft auch von der Industrialisierung profitiert oder nicht? Das ist jetzt eure letzte Chance zum Pause drücken. Nach der Musik geht’s los.Kommen wir zunächst zur Einleitung. In dieser Aufgabe soll beurteilt werden, inwieweit die Arbeiterschaft vom wachsenden Wohlstand durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert profitierte. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns zunächst klar machen, wer mit der Arbeiterschaft gemeint ist und was mit der Industrialisierung gemeint ist. Unter der Arbeiterschaft verstehen wir im Wesentlichen die Fabrikangestellten im 19. Jahrhundert, die in den rasch wachsenden Fabriken der Industrialisierung angestellt sind. Punkt. Die Industrialisierung wiederum ist der Prozess, bei dem sich die Wirtschaft in Europa von der Handarbeit zur maschinellen Arbeit und zur Massenfertigung hin entwickelt. Um die Frage zu beantworten, orientieren wir uns an folgenden Kriterien. An der Frage der Entwicklung der Löhne und Arbeitsbedingungen der Arbeiterschaft. An der Frage der Lebensverhältnisse, also zum Beispiel Wohnen, Gesundheit und Sozialabsicherung. Am Anteil der Arbeiterschaft am gesellschaftlichen Wohlstand. Und an der Frage, inwiefern sich das Leben der Arbeiter langfristig verbessert hat, zum Beispiel durch politische und soziale Reformen. Also Entwicklung der Löhne und Arbeitsbedingungen, Lebensverhältnisse, Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand, politische und soziale Reformen. Zunächst brachte die Industrialisierung einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Da entstanden viele Arbeitsplätze in Fabriken und Städten, sodass viele Menschen vom Land in die Städte zogen, um dort Arbeit zu finden.Stichwort Urbanisierung. Trotz dieses wirtschaftlichen Wachstums war aber die Situation der Arbeiterschaft zunächst sehr schlecht. Die Löhne waren sehr niedrig, die Arbeitstage extrem lang, bis zu 16 Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche. Viele Familien lebten auf aller engstem Raum, oft nur in einem oder zwei Zimmern und mussten zusätzlich auf Kinder- und Frauenarbeit zurückgreifen. Man nennt das auch Pauperismus. Massenarmut. Die hygienischen Bedingungen in den Städten waren ebenfalls miserabel. Wir sind jetzt beim Thema Lebensverhältnisse. Krankheiten wie Tuberkulose haben sich sehr schnell verbreitet. Die Säuglingssterblichkeit war extrem hoch. Es gab keine soziale Absicherung, sodass Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Unfälle bei der Arbeit schnell zur Existenzbedrohung wurden. Jetzt kommen wir zur Frage, inwiefern die Arbeiter am gesellschaftlichen Wohlstand teilnehmen. Während das Bürgertum und die Unternehmer von diesem wachsenden Wohlstand extrem stark profitierten und ganz extremen sozialen Aufstieg erlebten, blieb die Arbeiterschaft von diesem Wohlstand weitgehend ausgeschlossen. Die Schere zwischen Arm und Reich vergrößerte sich also rapide, was zum Beispiel ein Karl Marx als Klassenkampf bezeichnete und als extreme Ungerechtigkeit empfunden wurde. Erst im Lauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu Verbesserungen. Die wachsende politische Organisation der Arbeiterschaft in Gewerkschaften, Arbeitervereinen usw. Und auch die ersten Sozialgesetze, zum Beispiel unter Bismarck in den 1880er Jahren, führten zu einer langsam sich verbessernden Arbeitsbedingungen, zu höheren Löhnen und zu einer gewissen sozialen Absicherung, wenn auch nicht auf dem Niveau, wie wir das heute uns vorstellen.Ab Mitte der 1850er Jahre stiegen auch die Löhne langsam an, sodass auch die Arbeiter sich einige Konsumgüter leisten konnten. Aber dennoch blieb ihr Anteil am Gesamtwohlstand im Vergleich zum Beispiel zu Fabrikbesitzern sehr gering. An dieser Stelle gewichten wir jetzt unsere Argumente. Die negativen Aspekte, schlechte Arbeitsbedingungen, schlechte Lebensbedingungen, Ausbeutung durch die Fabrikbesitzer, geringe Teilhabe im Wohlstand, die überwiegen, besonders in der ersten Phase der Industrialisierung, ganz massiv. Nur langfristig, durch politische und soziale Reformen, können die Arbeiter ganz langsam, sehr allmählich und in sehr begrenztem Umfang von dem wirtschaftlichen Fortschritt profitieren. Damit haben wir die Gewichtung und eigentlich schon unser Fazit vorweggenommen, aber das formulieren wir jetzt. Jetzt kommt nämlich der Schluss. Insgesamt profitierte die Arbeiterschaft von dem wachsenden Wohlstand durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert nur äußerst eingeschränkt. Zwar verbesserten sich die Lebensumstände im Laufe der Zeit durch steigende Löhne, soziale Reformen, aber in den ersten Jahrzehnten überwogen Ausbeutung, Armut und schlechte Lebensbedingungen. Erst durch den Druck der organisierten Arbeiterschaften, der Gewerkschaften usw. Und durch staatliche Eingriffe konnten auch Arbeiter allmählich am Wohlstand teilhaben, aber nach wie vor deutlich weniger als das Bürgertum oder die Unternehmer.Das war unsere Beispielaufgabe zum Thema Beurteilen. Ich hoffe, euch ist klar geworden, wie das Ganze funktioniert. Im Wesentlichen hat es große Ähnlichkeit mit einer historischen Erörterung, aber es unterscheidet sich vor allem dadurch, dass man eben kriteriengestützt arbeiten muss, dass man also nicht nach Pro und Contra eine These analysiert, sondern sie anhand bestimmter Sachkriterien aufdröselt und danach strukturiert. Eben zum Beispiel der Frage, wie stark die Arbeiter wirtschaftlich profitiert haben, wie es ihnen gesellschaftlich geht und so weiter. Der heutige Deep Dive, der war sozusagen ein tiefer Tauchgang in eine bestimmte Aufgabensorte. Und zum Schluss möchte ich noch ein paar Sätze zur Sicherheit sagen, so als Disclaimer. Ich bin zwar ein echter Geschichtslehrer, aber ich habe keine Ahnung, was in diesem Jahr im Abitur drankommt. Ich war noch nie an der Erstellung eines Geschichtsabiturs beteiligt und ich habe mich auch mit niemandem unterhalten, der daran beteiligt ist. Mehr als die Facherlasse, die man öffentlich googeln kann, weiß ich also auch nicht über die kommende Prüfung. Also kann ich euch auch nicht verraten, welche Themenblöcke, welche Operatoren, welche Texte, welche Karikaturen in eurer Prüfung nachher drankommen. Stattdessen haben wir uns hier ein typisches Beispiel angeguckt, das immer wieder im Abitur vorkommen kann. Im Zweifelsfall gilt aber, wenn euer Lehrer euch was anderes erklärt hat, dann macht das, was der gesagt hat. Denn die Bundesländer sind sich immer noch nicht einig darin, was bestimmte Operatoren bedeuten und wie man diese Dinge macht. Das war’s für heute. Ich danke euch fürs Zuhören und wünsche euch…Ich wünsche euch ganz viel Erfolg beim Abitur.