Abitur 2026 - 1.1 - Sowjetkommunismus
Diese Folge bezieht sich auf das schriftliche Abitur 2026 (Leistungskurs).
In dieser Folge besprechen wir den ersten Block des Schwerpunktthema 1: das antiliberale Modernisierungskonzept des Sowjetkommunismus.
- Kommunismus
- Klassenkampf
- Kaderpartei
- Antipluralismus
- „Diktatur des Proletariats“
- klassenlose Gesellschaft
- sozialistische Revolution
- Sozialistischer Realismus
- Antiindividualismus Reader für das Abitur 2026: https://geschichtslehrer.net/schwerpunkkthemen-fuer-das-abitur-2026/
Willkommen bei geschichtslehrer.net. Ich bin Jens und bei geschichtslehrer.net bereiten wir uns kurzweilig und kreativ auf Klassenarbeiten und das Abitur im Fach Geschichte vor. Die heutige Folge ist der erste Teil des Schwerpunktthemas für das Jahr 2026 fürs Abitur im Leistungsfach in Geschichte. Ich orientiere mich hier an der baden-württembergischen Version des Facherlasses, aber das ist wahrscheinlich für die meisten Bundesländer ähnlich oder gleich. Das Schwerpunktthema 1, das heißt, die Schülerinnen und Schüler können die politische Entwicklung in Europa im Spannungsfeld von liberalen Demokratien und antiliberalen Diktaturen bis 1945 analysieren und bewerten. Und das ist wieder so eine Formulierung, da fragt man sich erstmal, worum geht es denn hier? Nun, es geht um politische Entwicklung in Europa und es geht um das Spannungsfeld, also sozusagen den Konflikt zwischen liberalen Demokratien und antiliberalen Diktaturen. Ja, also Demokratie auf der einen Seite, Diktatur auf der anderen Seite und bis 1945 bedeutet bis Ende des Zweiten Weltkriegs natürlich. Diese politische Landschaft Europas zwischen 1918 und 1945, das ist ein ständiges Hin und Her zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Nach dem Ersten Weltkrieg entstehen viele neue Länder, wie Frankreich, das Deutsche Kaiserreich in seiner Weimarer Republik, als demokratische Experimente. Das heißt, sie stehen einerseits demokratisch aufgestellt da politisch, sind also liberale Demokratien, aber gleichzeitig haben sie jede Menge Probleme, zum Beispiel wirtschaftlich.Krisen, einen radikalen Nationalismus oder andere radikale Bewegungen. Gleichzeitig rücken in vielen anderen Regionen der Welt Diktaturen vor. Hitler in Deutschland, Mussolini in Italien, Franco in Spanien. Die zerstören die demokratischen Strukturen ihrer liberalen Staaten und ihre Wertvorstellungen sind eher von Stärke und Gleichschaltung und Ideologie geprägt.
Kommunismus
Der Kommunismus in der Sowjetunion unter Stalin ist eine andere Form von Machtverteilung, aber auch hier ist es eine Diktatur, aber hier halt in einer neuen, noch totaleren Form. Diese Gegensätze, Demokratie und Diktatur, die prägen nicht nur die Kriege, sondern auch einen Kampf um Vorstellungen davon, wie eine Gesellschaft eigentlich sein sollte. Wer heute die Ursprünge des Zweiten Weltkriegs oder die Ideologien des 20. Jahrhunderts verstehen will, der muss sich diese Spannung zwischen demokratischen Werten und autoritären Vorstellungen klar machen. Nun geht es in diesem Schwerpunktthema also insgesamt um Demokratie und Diktatur und es hat eigentlich fünf Unterkapitel. Einmal natürlich die Idee des Faschismus, einmal die Idee des sowjetischen Kommunismus und dann nicht zuletzt natürlich auch noch den Stalinismus, der dabei nachher rauskommt. In der heutigen Folge gucken wir uns dann zunächst mal den Sowjetkommunismus an. Wenn wir heute über Sowjetkommunismus sprechen, dann geht es nicht nur um den Mauerfall oder um den Weltkrieg, sondern eben auch um die Frage, wie die Sowjetunion ab dem Jahr 1917 versucht, sich zu modernisieren.Aber eben ohne ein demokratisches oder freiheitliches Modell. Wie kann denn das sein? Das ist ja eigentlich im Gegenteil von dem, was wir für modern halten. Wir reden zunächst mal über den Kommunismus. Der Kommunismus, so wie er in der Sowjetunion umgesetzt wurde, war nicht nur so ein Idealbild, wie wir das häufig in der marxistischen Lehre unterrichten, sondern es ist eigentlich eine radikale Modernisierungsstrategie, also ein Versuch, das Land radikal zu modernisieren. Und diese Strategie will das, was im Westen gut läuft, eigentlich aus einer neuen Perspektive denken. Das heißt, man will diese krasse Modernisierung, wie sie eben auch im Westen passiert, aber ohne diesen liberalen demokratischen Kram. Während westliche Demokratien nach dem Ersten Weltkrieg auf Wettbewerb und Freiheit und parlamentarische Rechte der Bevölkerung und sowas setzen, stellen die Sowjets diesen liberalen Kern der Veranstaltung in Frage. Nicht, weil sie altmodisch sind oder so, sondern weil sie glauben, nur durch einen autoritären, also einen staatlich gesteuerten Umbau der Gesellschaft könnte man echte Gleichheit und echte industrielle Überlegenheit erreichen. Kommunismus heißt da also kollektiv statt privatwirtschaftlich arbeiten, Planwirtschaft statt Marktfreiheit und eben eine Gesellschaft, die nach den Regeln der Partei, aber nicht nach dem Willen der Bürger funktioniert. Das bedeutet, hier geht man davon aus, der Mensch ist nicht in der Lage, selber durch eine Demokratie so schlaue Entscheidungen zu treffen, dass er die richtigen Entscheidungen trifft, sondern stattdessen braucht es…brauchen wir eben eine
Kaderpartei
, die diesen Laden lenkt und zusammenhält. Diese Vorstellung, die erkennt man besonders deutlich im Stalinismus, eben diese Vorstellung, dass der Staat besser weiß, was gut ist als der Bürger oder dass die Partei besser weiß, was gut ist als der Bürger. Man sieht es zum Beispiel in der Zwangsindustrialisierung, in den Landreformen, in einer Ideologie, die nicht nur Kapitalismus, sondern auch liberale Grundwerte wie Meinungsfreiheit oder individuelle Rechte als Probleme, als Gegen… Faktoren der echten moderne Brandmarkt. Im Unterschied zu anderen Bewegungen, zum Beispiel dem Nationalsozialismus, liegt beim Kommunismus der Fokus nicht auf Rassismus oder auf Expansion oder sowas, sondern auf der Veränderung der ganzen Gesellschaft, auf der Umerziehung eigentlich der ganzen Gesellschaft, eben nach den kommunistischen Prinzipien. Das ist ein Projekt, das bis heute Diskussionen anheizt über was kostet Moderne und was für eine Rolle spielt Freiheit in der modernen Entwicklung und so weiter. Also es geht eigentlich im Kern um die Frage, wie man eine Gesellschaft fair und gleichberechtigt hinbekommt. Und die Idee im Kommunismus ist, das geht nicht, indem man die Leute… Dazu berechtigt, daran mitzubestimmen, sondern es braucht eine kleine, intelligente Elite, die das entscheidet. Berufsrevolutionäre hätte ein Lenin dazu gesagt. In der Sowjetunion unter Stalin wird daraus dann der Begriff
Klassenkampf
etwas umgeformt. Bei Marx ist das noch der klassische…Konflikt zwischen eben Arbeitern und Kapitalisten und so, das kennt man, also Marxismus geht davon aus, dass der Klassenkampf sich abspielt zwischen den reichen Bourgeoisie-Kapitalisten oder wie auch immer die nennen will und eben den Arbeitern und dem Proletariat. Im Stalinismus verändert sich das so ein bisschen. Da wird aus den Klassenfeinden eine immer größere Gruppe, nicht nur die wenigen Reichen, sondern im Stalinismus sind dann die Klassenfeinde zum Beispiel auch Bauern, die sich der Kollektivierung widersetzen, die heißen dort Kulaken oder angebliche Saboteure in der Industrie, die den Modernisierungskampf der Sowjetunion sozusagen sabotieren in irgendeiner Weise, indem sie nicht richtig mitmachen, indem sie zu spät zur Arbeit kommen und so weiter. Das dehnt sich immer weiter aus in die unterschiedlichsten Kleinigkeiten hinein. Stalin nutzt also diesen Klassenkampfbegriff, um innenpolitische Widerstände zu bekämpfen und die eigene Macht zu sichern. Im Unterschied zum Nationalsozialismus, wo die Feinde meistens nach ethnischen oder eben rassischen Kriterien definiert sind, ist es hier die Klasse, die den Unterschied zwischen Freund und Feind ausmacht. Aber in der Praxis wird dieser Begriff Klasse ganz anders angewandt, als das noch bei Marx ist. Es wird sehr willkürlich über Klassen gesprochen. Also die sozusagen Klassenfeinde können überall sitzen, je nachdem, was gerade den Herrschern unangenehm ist. Und so kann man Kritiker jeglicher Herkunft mundtot machen. Der extreme Fall davon ist dann im Stalinismus die sogenannte große Säuberung, der große Terror in den 30er Jahren. Und die zeigt, wie wir…radikal dieser Klassenkampf dann wird. Millionen von Menschen werden da verfolgt, um die gesellschaftlichen Strukturen der Sowjetunion so zu gestalten, wie Stalin sich das vorstellt. Ohne Freiheit, aber mit einer ganz brutalen Effizienz und einer ganz großen Brutalität natürlich. Wir haben eben schon darüber gesprochen, dass wir eine kleine Elite brauchen, um in diesem stalinistischen System sozusagen entscheiden zu können, auf einer sinnvollen Basis, wo die Reise hingehen soll, weil wir das eben nicht demokratisch entscheiden können, weil wir den Leuten misstrauen. Wir brauchen also eine Partei, die nicht nur regiert, sondern eigentlich die ganze Gesellschaft neu strukturiert. Die sogenannte Kaderpartei. Anders als heute, wo Parteien aus ganz vielen Mitgliedern bestehen und auch froh sind um jeden, der Mitglied wird und sich engagiert, war die kommunistische Partei in der Sowjetunion eine ganz kleine und streng kontrollierte und ausgesuchte Elite. Diese sogenannten Kader, also das sind ausgebildete, treue Parteimitglieder, eben eine Elite, die wurden nicht nur politisch, sondern eher so wie… So eine Art Regierungsmitglieder geschult, um die Vision des Kommunismus umzusetzen. Die hatten also die Aufgabe, die Gesellschaft von oben nach unten hierarchisch, quasi diktatorisch zu modernisieren, mit Zwangselementen, sowohl in der Industrie, als auch bei der Kollektivierung der Landwirtschaft, als auch im Alltag. Das heißt, diese Kader, die waren… Nicht sehr viele waren schon, also natürlich nicht sehr viele,Sehr viel im Sinne von der gesamten Gesellschaft, aber die gab es schon an allen möglichen Schalthebeln. Und die hatten ganz viel Macht, vor allem informelle Macht, über ihre Mitmenschen und konnten so die Gesellschaft im Sinne dessen, wie die Partei oder die Parteiführung das wollte, beeinflussen. Der Staat brauchte diese Leute, um die Masse der Menschen eben zu lenken, Widerstände zu brechen und so eine liberale Vielfalt, so eine Art Pluralismus, wie sie in liberalen Gesellschaften existiert, zu ersetzen durch eine einheitliche, staatlich von oben nach unten geplante Ordnung. Das heißt, wo in liberalen Demokratien ein
Antipluralismus
herrscht, also viel Meinungs- oder Meinungsvielfalt und die Leute sich über Sachen austauschen können und so eine sinnvolle Struktur entsteht, ist es im Steinismus genau umgekehrt. Die Kaderpartei gibt vor, was für Dinge zu denken und zu vertreten und zu machen sind. Und das wird dann von oben nach unten hierarchisch in die kleinen Bereiche gestreut, indem die Kader das eben umsetzen. Im Unterschied also zu anderen Parteien, die mehr Bürger mit einbeziehen, ist hier klar, es gibt einen inneren Kreis, die Kader, und die haben großen Einfluss und die anderen nicht. Und diese Struktur, die sehr, sehr klar hierarchisch strukturiert ist, die hilft Stalin dann natürlich, die Modernisierung rasant voranzutreiben, eben weil diese Kaderpartei wie eine, fast wie eine Maschine funktioniert, die die Wirtschaft und die Gesellschaft in Richtung eines totalen staatlichen Kontrollsystems lenken kann. Jetzt haben wir eben schon darüber gesprochen, dass diese Kaderpartei,eigentlich das Gegenstück zu einer pluralistischen Gesellschaft ist. Und deswegen ist eben der Antipluralismus auch ein zentrales Charakteristikum dieser stalinistischen Herrschaft. Im Sowjetkommunismus bedeutet also der Antipluralismus, dass jede Form von politischer Vielfalt oder Meinungsverschiedenheit, zum Beispiel wie sie mehrere Parteien vertreten würden, von vornherein eigentlich nicht gehen ist, wird als abgelehnt. Also Pluralismus, politische Vielfalt ist eigentlich ein Feindbild. Während westliche Demokratien auf so einen pluralistischen Meinungsaustausch ja gerade setzen und verschiedene Parteien haben wollen, die sich auch über Themen streiten sollen, damit man dann nachher entscheiden kann, welche Lösung die beste ist, sieht das der Kommunismus oder der Sowjetkommunismus genau anders. Stalin, aber auch schon Lenin sehen so eine Vielfalt eigentlich als Schwäche an, die den Aufbau einer einheitlichen modernen Gesellschaft behindere. Stattdessen etabliert der Kommunismus eine Einparteiordnung, eine Einparteienherrschaft, in der nur die KPDSU, die Kommunistische Partei der Sowjetunion, als Hüterin der in Anführungszeichen reinen Lehre, der wahren Ideologie gilt. Kritik oder unabhängige Organisationen, sowas wie NGOs oder andere politische Parteien oder Strömungen, sind nicht nur verboten, sondern werden auch ganz brutal unterdrückt. Das heißt, sie dürfen sich auch nicht mal im Geheimen treffen und wenn sie es tun, dann werden sie vom Geheimdienst aufgespürt und bestraft oder sogar ermordet. Das kann man sich zum Beispiel bei der linken Opposition angucken oder bei den Dissidenten.Diese Haltung ist nicht nur Machtstrategie, sondern das ist Teil eines Plans, um die Gesellschaft umzukrempeln. In der Vorstellung der Sowjetkommunisten ist nur eine einheitliche, ideologisch eigentlich indoktrinierte Masse, so stellen wir uns das vor, die ist in der Lage, die riesigen Modernisierungsprojekte wie die Industrialisierung der Sowjetunion oder die Kollektivierung der Landwirtschaft dann stemmen können. Im Gegensatz zum Nationalsozialismus, der diesen Antipluralismus eigentlich nur so zum Erhalt der Herrschaft benutzt, also um seine Diktatur zu festigen, ist es im Stalinismus ein echtes Stück des Plans. Da ist es kein Werkzeug, sondern es ist ein Ziel. Dieser Antipluralismus soll eine neue Menschengruppe formen, soll neue Menschen bilden. Eigentlich sozusagen anders denken, als die Menschen früher gedacht haben. Dieser neue Mensch, das ist die Vorstellung, dass alle verstehen, dass der Kommunismus die richtige Lösung ist. Antipluralismus ist also sozusagen der Kern dessen, wie die kommunistische Partei sich vorstellt, wie der Mensch sein muss. Er darf eben nicht pluralistisch denken. Er darf nicht der Meinung sein. Die eigene Meinung könnte stimmen. Sondern der moderne neue Mensch der Sowjetunion, der versteht, dass die Kaderpartei so schlau ist, dass sie recht hat. Und wenn ich was anderes glaube, dann muss ich an mir selber arbeiten und meine Meinung verändern und das verstehen, was die Kaderpartei gemacht hat.vorgibt. Denn dann verstehe ich das, was eigentlich stimmt. Die Idee ist, die Partei hat immer recht und ich habe nicht immer recht. Und deswegen ist meine Meinung, die ja ein Beispiel für plurale Meinungen wäre, falsch, wenn sie davon abweicht. Das ist die Vorstellung vom neuen Menschen und die Umsetzung des Antipluralismus in der Sowjetunion. Die Sowjetunion hat also nicht nur die Vorstellung zu regieren, sondern sie hat die Vorstellung, die Menschen umzuformen. Dafür braucht es aber keine Pluralität, sondern es braucht stattdessen eine ziemlich absolute Kontrolle über die Menschen und ihr Denken. Die sogenannte
„Diktatur des Proletariats“
, die kennen wir schon als Begriff aus dem Marxismus. Und auch im Sowjetkommunismus ist das ein ganz zentraler Gedanke. Und diese Diktatur des Proletariats, die beschreibt nicht nur die Machtübernahme der Arbeiterklasse, so wie bei Marx, sondern die Vorstellung ist eigentlich, dass es eine ganz radikale und staatlich erzwungene Umgestaltung der Gesellschaft geben muss. Also man muss die gesamte Gesellschaft völlig verändern, damit man diese bourgeoisen Strukturen, wir sind wieder bei Marx, dass man die beseitigen kann, um ein modernes, industrialisiertes… Russland oder eine industrielle Sowjetunion herzustellen. Unter Stalin verwandelt sich dann diese Idee in eine echte Herrschaftsform. Das heißt, Stalin sieht seine Phase der Herrschaft als eine Form der Diktatur des Proletariats. Und das macht er sowohl sozial als auch wirtschaftlich.durch ganz brutale Methoden. Die Diktatur des Proletariats, die war auch schon beim Marx so ein bisschen angelegt als eine Phase des Übergangs, wo man halt sozusagen im Sinne von der Zweckheilig die Mittel relativ brutal vorgeht, um die moderne gleichberechtigte Gesellschaft des Kommunismus herzustellen. Das ist also eine Phase, in der, im Sinne von, wo gehobelt wird, da fallen Späne, schon mal was schief gehen kann, Brutalität stattfinden kann, Gewalt stattfinden kann, damit dann nachher das Ideal erreicht werden kann. Und anders als in anderen Bewegungen wie dem Nationalsozialismus liegt der Fokus nicht auf ethnischen oder rassischen Hierarchien bei dieser Veränderung, sondern auf der Idee der Zwangsindustrialisierung und des Endes des Privateigentums. Das heißt, da geht es eher um einen sozusagen Besitzklassenunterschied und nicht um eben einen rassistischen oder sowas Unterschied. Und das Ganze zielt dann eben auf die Schaffung dieser neuen Menschen, über die haben wir eben schon gesprochen, durch eine ideologische und physische Umerziehung aller Menschen in der Gesellschaft. Das heißt, wenn ich alle dazu erzogen habe, zu verstehen, dass der Kommunismus das einzig wahre Ziel der Gesellschaft ist, dann bin ich an dem Punkt, wo der Kommunismus auch erreicht werden kann. Im Kommunismus, wenn wir da sind, dann haben alle Menschen verstanden, dass der Kommunismus das richtige Gesellschaftsbild, die richtige Gesellschaftsform darstellt. Dann brauchen wir keine Diktatur des Proletariats mehr, weil dann sind ja alle…Dann gibt es ja quasi keine Klassen mehr und kein Proletariat, das sich von den anderen unterscheidet. Das ist die Idee, die hinter dieser Diktatur des Proletariats steht. Das ist eine Übergangslösung, die dazu führen soll, dass am Ende alles gut wird. Um es mal so leicht zu überspitzen. Die Kommunistische Partei stellt sich dann eben in dieser Phase als der alleinige Repräsentant des Proletariats dar. Nur die Kommunistische Partei vertritt das Proletariat und alle anderen haben eben nicht recht, wenn sie behaupten, sie wüssten, was die Arbeiter bräuchten. In Wirklichkeit wird aber die Macht über die Arbeiterklasse, die die Partei hat, durch Geheimdienste und durch Säuberungen und durch Terror gesichert. Das heißt, diese Diktatur des Proletariats ist zugleich eigentlich eine Diktatur über das Proletariat. Da herrschen einige wenige, die sich für die Repräsentanten des Proletariats halten, über die komplette Gesellschaft mit Brutalität und Gewalt und Terror. So wird also die Diktatur des Proletariats, wir sind jetzt schon deutlich bei den Anführungszeichen, weil da ist ja vom Proletariat nicht mehr viel zu sehen. Wir sind also bei einer Diktatur, die ein Instrument wird, die den Übergang in eine
klassenlose Gesellschaft
erzwingen soll. Und das ist eigentlich ein Widerspruch. Hier herrschen angeblich die… Vertreter des Proletariats mit Gewalt über das Proletariat. Also da gibt es irgendwie ein Problem. Und dieser Widerspruch zwischen dem Anspruch, die Leute zu vertreten und der Realität, dass die Leute unterdrückt werden, dieser Widerspruch, der zeigt, oder es ist ganz typisch für diese Antiliebe,liberale Modernisierungsphase im Stalinismus. Das ist eigentlich ein typisches Kriterium des Stalinismus. Die Behauptung, wir vertreten eure Interessen und die Realität, dass man die Leute massiv unterdrücken muss. Die Idee einer sogenannten klassenlosen Gesellschaft, die war im sowjetischen Kommunismus mehr als nur ein theoretisches Ziel. Sie ist das Zentrum des ganzen Plans, eine moderne Gesellschaft zu schaffen, ohne die gesellschaftlichen Spaltungen, die der Westen eben durch Kapitalismus und Arbeiterbewegung und so erlebt hat. Das heißt, die klassenlose Gesellschaft ist das Ziel, das am Ende dieser Diktatur des Proletariats oder des Stalinismus oder wie auch immer stehen soll. Anders als bei den liberalen Modellen für Modernisierung, die zum Beispiel Wirtschaftsfreiheit machen oder individuelle Rechte für den Menschen definieren oder sowas, will die Sowjetunion die Klassenunterschiede mit einem Schlag quasi mit einer massiven Umverteilung beseitigen. Dazu wurden dann nicht nur die Bourgeoisie, also die reichen Unternehmer entmachtet und enteignet, sondern auch die Arbeiterklasse und die Bauernschaft, die wurden in so staatlich beherrschte Kollektive gepresst, also in so Gemeinschaftseinrichtungen. Zum Beispiel die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft steht dafür. Der Kommunismus stellt sich also nicht als Schutz der Armen gegen die Reichen dar, sondern als ein System, das alle Klassen verschwinden lassen soll. Das heißt, der Parteistaat, dieser Kaderpartei, der beseitigt alle Klassen voll.ständig und alle werden ganz gleich. Und es geht nicht mehr nur um die Aufhebung des Unterschieds zwischen Reich und Arm, sondern es geht um die Gleichmachung aller. Stalin benutzt dann diese Vorstellung, um die Industrialisierung und die Landreformen so zu rechtfertigen. Wer nicht in die neue, klassenlose Ordnung reinpasst, der ist dann eben ein Feind dieses Fortschritts. Die Wirklichkeit ist natürlich eine andere, denn statt Gleichheit entsteht hier eine neue Hierarchie, in der die Partei-Elite, die Kader-Partei-Eliten, die Funktionäre der KPDSU, die alleinigen Machtträger werden. Und alle anderen werden entmachtet. Diese Klassenlosigkeit, die bleibt also eine ideologische Fassade, die bleibt eigentlich ein Schauspiel. Denn in Wirklichkeit ist dieses System zutiefst ungerecht und hat eben zwei Klassen, die Partei-Elite und die Nicht-Partei-Elite, die normalen Leute. Und diese Hierarchie, die wird natürlich immer unter den Teppich gekehrt. Aber sie ist überall spürbar. Und daraus entsteht eben so ein System von Zwang und Kontrolle, dass eben die Partei-Elite über die Bevölkerung ausüben können. Und umgehen dabei diese liberalen Freiheitsideale der Sowjetunion, die Idee, dass der Mensch da eben besonders frei wird durch die Klassenlosigkeit, die umgehen sie damit völlig. In der Sowjetunion stand der Begriff
sozialistische Revolution
nicht so sehr für die Machtübernahme der Bolschewiki von 1917, sondern vor allem für die radikale Umgestaltung der Gesellschaft unter Stalin. Hier geht es darum, diealte Welt mit ihrer kapitalistischen Wirtschaftsordnung und ihren traditionellen Gesellschaftsstrukturen, Religionen usw. Durch eine neue staatlich gesteuerte planwirtschaftliche Ordnung zu ersetzen. Der Fokus liegt dabei auf zwei Säulen. Zum einen auf der schnellen Industrialisierung durch Zwang und auf der anderen Seite auf der Auflösung von bäuerlicher Eigenwirtschaft, also von diesen, was man Kulaken nennt, durch die Kollektivierung der Landwirtschaft. Also nochmal auf der einen Seite schnelle Industrialisierung, zum Beispiel durch Fünf-Jahres-Pläne, andererseits Auflösung von jeder Form von Eigenwirtschaft. Diese sogenannte sozialistische Revolution ist aber keineswegs friedlich oder freiheitlich oder sowas, sondern sie erzwingt soziale Gleichheit durch eine Form von staatlichem Terror. Sie unterdrückt jeden Form von Widerstand, ignoriert jede Form von individuellen Rechten. Das heißt, wer sich dagegen wehrt, der wird knallhart abserviert in Form von den Geheimdiensten oder den Parteieliten. Da wird dann ein kurzer Prozess gemacht, teilweise werden die Leute an die Wand gestellt, teilweise werden sie enteignet, teilweise werden sie mit Gewalt dazu gezwungen und so weiter. Das heißt, diese sozialistische Revolution ist vor allem ein Mittel, um die Gesellschaft zu deliberalisieren und einem totalitären staatlichen Modell von Moderne zu unterwerfen. Das heißt, hier wird Totalitarismus betrieben vor der Fassade einer sozialen Gleichmacherei.einer gewissen Gerechtigkeit. Die Folge ist natürlich, dass es Millionen von Opfern gibt, von teilweise mehr oder weniger geplanten, teilweise in Kauf genommenen Hungersnöten und anderen Katastrophen und nackter Gewalt. Aber es entsteht eben auch eine neue, wenn auch durch Brutalität geformte Wirtschaftsmacht. Die Sowjetunion ist kein Modell. Des Misserfolgs, sondern dieser Prozess der sozialistischen Revolution, der führt tatsächlich auch dazu, dass die Sowjetunion sehr krass wirtschaftlich modernisiert wird und aufholt. Und so Projekte wie Magnitogorsk und so weiter, in denen erkennt man ja, wie extrem der Fortschritt in der Sowjetunion auch stattfindet, was für gigantische Projekte an Industrie und so weiter in der Sowjetunion auf die Beine gestellt werden können durch dieses Zwangssystem. Der Erfolg, der ist nicht zu diskutieren, aber die Methoden sind natürlich grauenvoll. Jetzt kommen wir zu einer etwas witzigen Episode dieses Bildungsplans und dieses Sternchenthemas zum
Sozialistischer Realismus
. Der sozialistische Realismus, das ist eigentlich eine Kunstrichtung, aber es ist in der Sowjetunion auch mehr als das. Es ist nicht nur eine von vielen Richtungen, sondern es ist die staatlich vorgeschriebene und geförderte Form der Kunst. Das Ding heißt sozialistischer Realismus, weil es eine Vision eines gerechten kommunistischen vollendeten Lebens in dem kommunistischen Ideal vermitteln soll. Das heißt, sozialistischer Realismus beschreibt das, was der Kommunismus ist.erreichen will und die Ideale und Ideologien ein Stück weit dieses Systems. Im Sinne dieses stalinistischen Denkens dient der sozialistische Realismus dazu, die Gesellschaft auch zu verändern, genauso wie all die anderen Faktoren, nur nicht durch Gewalt hier, sondern durch Kunst. Maler und Schriftsteller und Musiker dürfen hier nicht mehr abstrakt oder individualistisch sein oder irgendwie so kreativ arbeiten, sondern ihre Aufgabe ist es, die Realität darzustellen und zwar so, wie der Staat sie sich vorstellt und meistens ziemlich idealisiert. Das heißt, so heldenhafte Arbeiter, glückliche Bauern, Ingenieure, die die Sowjetunion in eine bessere Zukunft führen, in der die Werte der Revolution dann endlich durchgesetzt sind. Da wird so heroisch dann aufgebaut, wie die Helden der Arbeit und so da eben den Kommunismus voranbringen. Im Gegensatz zu dem westlichen Modernismus, der Zweifel, Individualität und sowas thematisiert. Charlie Chaplin kann man sich zum Beispiel vorstellen. Da gibt es diesen Film, wo der eine arme Arbeiter in der Fabrik so überrannt wird. Stattdessen wird hier in der Sowjetunion im sozialistischen Realismus alles an der Gesellschaft gelobt, was dem Plan der kommunistischen Partei dient. Also da wird alles sehr positiv aufgeladen, sehr idealisiert. Auch wenn die Wirklichkeit natürlich anders aussieht, muss die Kunst dieses Gefühl von kommunistischer Utopie,verstärken. Das ist ein Beispiel dafür, wie die Sowjetunion nicht nur die Technologie und die Wirtschaft modernisieren will, sondern eben auch die Denkweise der Menschen, um die an das neue sozialistische Menschenbild zu gewöhnen. Der letzte Fachbegriff, mit dem wir uns hier im Zusammenhang mit der Sowjetunion beschäftigen, ist der
Antiindividualismus
. Da steckt wieder das Wort Anti davor, das heißt, es ist etwas, was sich gegen den Individualismus richtet und Individuum, das kennen wir, das ist so der einzelne, sozusagen der einzelne Mensch. Und die Idee des Antiindividualismus, die bedeutet, dass man sich gegen den bürgerlichen Individualismus stellt, der wird dann so als egoistisch, kapitalistisch gesehen. Und die Idee also, dass der Einzelne im Zentrum des Staates stehen soll, die wird dann vom Kommunismus schon bei Marx, Grundsätzlich abgelehnt, weil stattdessen über Klassenidentität und sowas nachgedacht wird, über Kollektiv. Und eben in der Sowjetunion wird diese Form des Antiindividualismus dann in allen möglichen Facetten deutlich. Das haben wir jetzt auch schon vielfach besprochen. Zum einen in der Kollektivierung der Landwirtschaft, in diesen Kolchosen, in Form der Fünf-Jahres-Pläne wird das Privateigentum abgeschafft. Also das heißt, das Individuum spielt da gar keine Rolle, sondern es geht alles um den Staat und das Kollektiv. Auch in der Propaganda und in der Erziehung der einzelnen Menschen fördert der Staat den Kollektivgeist, wir statt ich, Helden der Arbeit, die Stachern auch auf Arbeiter, die Pioniere sind.Vorbilder, die sich selbstlos für das Gemeinwohl einsetzen und gerade dieser Gedanke der Selbstlosigkeit, der Einzelne ist nicht das Wichtige, sondern das Kollektiv ist das, was mir wichtig ist. Das ist die Idee des Anti-Individualismus. Und das bedeutet natürlich zugleich, haben wir auch schon besprochen, dass der Einzelne seine Meinung auch zurückzustellen hat gegenüber dem Kollektiv. Wenn also die Parteikader eine bestimmte Meinung vorgeben, dann muss ich davon ausgehen, dass die schon Recht haben werden und dass ich wahrscheinlich Unrecht habe. Das heißt, der Mensch lernt seinen eigenen Vermutungen, Gedanken, Gefühlen zu misstrauen, weil er eben nicht individualistisch denken soll, sondern kollektivistisch denken soll, also glauben soll, dass die Mehrheit schon Recht haben wird. Und dieser Gedanke, der bedeutet natürlich zugleich, dass man hier immer leichter in Form einer Diktatur, in den Bereich einer Diktatur rutscht, wenn der Einzelne ebenso unwichtig ist in der Logik dieses Staates. Da kann man ganz verschiedene Folgen drin sehen. Die Gleichschaltung der Menschen so ein Stück weit, die Einschränkung von Freiheit bei der Berufswahl, bei der Reise und so weiter, das ist alles was, was man im Sinne des Gemeinwohls dann einschränkt. Die Überwachung und das Misstrauen gegenüber den anderen, der Geheimdienst und so weiter, aber auch der Kult und die Partei, die sozusagen Vertretung des objektiven Willens der Geschichte heißt das durch die KPDSU. All diese Gedanken, die zeigen eben den Grundgedanken, dass das Individuum nicht im Zentrum stehen muss, sondern dass das Kollektiv immer recht hat und der Einzelne eh.Eben nicht. Am Ende ist es aber eine Form von Entmündigung des Einzelnen und ein Herrschaftsinstrument für diese kleine politische Elite der Kaderpartei. Und so ist es ja eben auch, der Stalinismus ist eben eine Diktatur letzten Endes. Heute haben wir gesprochen über die Fachbegriffe Kommunismus, Klassenkampf, Kaderpartei, Antipluralismus, Diktatur des Proletariats, klassenlose Gesellschaft, sozialistische Revolution, sozialistischer Realismus und Antiindividualismus. Diese Begriffe gehören in den ersten Block. Die antiliberalen Modernisierungskonzepte des Sowjetkommunismus fürs erste Schwerpunktthema im Abitur 2026. Wenn euch das geholfen oder gefallen hat, dann hört euch gerne auch die nächsten vier Folgen zum ersten Schwerpunktthema an, die in den kommenden Stunden und Tagen online gehen werden. Wenn euch das Ganze gefällt, was ich hier mache, dann gebt gerne den Podcast weiter an eure Kollegen und Bekannten, die sich auch aufs Abitur in Geschichte vorbereiten, denn ich freue mich über jeden, der diesen Podcast hört. Ich sehe ja im Wesentlichen nur eure Kommentare und eben die Statistiken und meine Motivation ziehe ich vor allem daraus, dass ich das Gefühl habe, jemand hört sich den Kram an, den ich hier die ganze Zeit aufnehme, denn dann habe ich auch Lust, noch weiter zu machen. Ich danke euch fürs Zuhören und bleibt mir treu.