← Alle Episoden

Migration und Einigung des Kaiserreichs 1871

Staffel 8, Folge 03 09.01.2026 00:06:05
Fachbegriffe: MigrationReichsgründung „von oben“alter Nationalstaat / junger Nationalstaat

In dieser Folge geht es um die Migration und die Einigung Deutschlands zum deutschen Kaisereich im Jahr 1871. Wir sprechen über:

  • Migration
  • Reichsgründung „von oben“
  • alter Nationalstaat / junger Nationalstaat

Was würdest du machen, wenn zu Hause alles schief geht, wenn du für deine Träume von Freiheit verfolgt wirst oder schlichtweg verhungerst? Millionen Menschen im 19. Jahrhundert sehen aus diesem autoritären, unterdrückerischen, von Armut und Hungersnot gebeutelten Europa nur einen Ausweg.

Migration

Migration, das ist das lateinische Wort für Wandern oder in diesem Fall für Auswandern. Amerika war damals das Ziel der Träume der meisten Leute, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und so. Es gab zwei Hauptgründe für diese große Auswanderungswelle. Erstens die miese Wirtschaftslage. Durch ganz schlechte Ernten und Überbevölkerung auf dem Land gab es in vielen Dörfern keine Zukunft mehr für viele Menschen. Ganze Familien kratzten also ihr letztes Geld zusammen für eine lebensgefährliche Überfahrt in der stickigen Zwischendeckklasse irgendeines Segelschiffs. Zweitens gab es da aber auch noch die Politik, denn nach der gescheiterten Revolution von 1848,1948 flohen die sogenannten Forty-Eighters, 48er, gebildete Leute, die in Deutschland für die Freiheit gekämpft hatten, aber keine bekommen hatten. Manche von diesen Revolutionären wurden in Deutschland hingerichtet, andere flohen und oft eben dann in die USA. Viele von ihnen wurden dann dort später sehr erfolgreiche Politiker oder Geschäftsleute. Diese Menschen, die ließen alles hinter sich, aber sie blieben vernetzt. Sie schrieben Briefe nach Hause, schickten Geld und berichteten von der neuen Welt. Das war eine frühe Form von dem, was wir heute Globalisierung nennen. Wenn ihr in der Klausur nach der Bedeutung von Auswanderung gefragt werdet, könnt ihr an dieses Doppelpack denken. Wirtschaftliches Elend und politische Unterdrückung trieben die Menschen weg. Aber sie bauten gleichzeitig ja auch irgendwie eine Brücke über den Ozean, die wir heute noch spüren. Selbst der heutige amerikanische Präsident Donald Trump hat bekanntlich deutsche Vorfahren. Das ist kein Zufall, sondern Einwanderung aus Europa war jahrhundertelang die Lebensader der USA.

Am Ende kam die deutsche Einheit dann doch noch, aber ganz anders, als die Revolutionäre von 1848 sich das vorgestellt hatten. Nicht durch Reden und Mehrheitsbeschlüsse und in Form einer schönen, liberalen, demokratischen Ordnung, sondern von Adligen kontrolliert und gelenkt und durch Machtpolitik und Kriege durch Eisen und Blut. Das ist das Motto von Otto von Bismarck, dem preußischen Ministerpräsidenten. Der trieb das voran, was wir heute als die

Reichsgründung „von oben“

Reichsgründung von oben beschreiben. Von oben heißt dann, nicht das Volk oder ein Parlament hat entschieden, dass man in Deutschland gründet, sondern die Fürsten und das Militär haben diese Einheit durch drei gewonnene Kriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich eigentlich als Machtmittel benutzt. Bismarck hat das so angestellt. Er zettelte einen Krieg nach dem anderen an, um Preußen zum ersten Mal zum mächtigsten Staat im deutschen Raum zu machen. Dann zettelte er nochmal einen Krieg mit Frankreich an, damit sich alle Deutschen sozusagen gemeinsam verteidigen mussten. Denn schon Bismarck wusste, nichts bringt die Leute so zusammen wie eine gemeinsame Gewalterfahrung. Am 18. Januar 1871, nach dem Sieg über Frankreich eben, wurde dann also der preußische König, Wilhelm I., im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen. Merkst du was? Der preußische König wird Kaiser von Deutschland. Da weiß man also schon, wie die Macht zwischen diesen verschiedenen deutschen Staaten verteilt ist. Preußen hat da eine ganz klare Sonderrolle. Und dann machen die das noch ausgerechnet in Frankreich, ausgerechnet in Versailles, im Schloss der französischen Könige.

Vielleicht habt ihr mal das Bild von Louis XIV. Gesehen, wie der so in so einem komischen Tanzschritt vor einem Spiegel steht. Das ist genau dieses Schloss. Das war also eine bewusste Demütigung der Franzosen, dass man dort ausgerechnet Deutschland gegründet hat. Deutschland war also endlich ein Nationalstaat. Weil es damit 1871 ziemlich spät dran war, nennt man es einen

junger Nationalstaat

junger Nationalstaat im Vergleich zu einem alten Nationalstaat, wie zum Beispiel Frankreich. Das war schon seit Jahrhunderten ein gemeinsamer Staat. Jetzt würde man ja denken, am Ende haben die Revolutionäre von 1848 ja doch noch ihren Willen bekommen, oder? Nationalismus und Liberalismus haben also gesiegt, oder wie sieht das aus? Naja, dieser neue Staat war von Anfang an extrem militaristisch und militärisch und autoritär geprägt. Das war eben wieder ein Obrigkeitsstaat, wo die Adligen mächtig und die Bürger total unwichtig waren. Bismarck hatte Deutschland also geeint, aber er hat die Liberalen, die Freiheit, das Bürgertum politisch total klein gehalten. Dazu gibt es ein Zitat, Bismarck hat Deutschland größer, aber die Deutschen kleiner gemacht. Und das trifft es ganz gut auf den Punkt. Bismarck schuf einen unheimlich mächtigen deutschen Staat. Aber diese Freiheit und die Demokratie, von der man 1848 geträumt hatte, die blieb völlig auf der Strecke. Der gemeinsame Nationalstaat war nun zwar da, aber es war ein Obrigkeitsstaat, in dem von Freiheit wenig zu spüren war. Das war heute die letzte Folge unsererReihe zur deutschen Einigung. Nächste Woche erscheint dann die Klausurfolge mit einem Zusammenschnitt aus allen Folgen aus dieser Reihe, mit der man besonders gut auf eine Klausur zum Thema lernen kann. Danach werden wir uns der Industrialisierung zuwenden, die im Wesentlichen zeitgleich läuft, aber eben doch ganz andere Schwerpunkte hat. Ich freue mich über jeden, der diesen Podcast hört und ich freue mich auch, wenn ihr den Podcast weiterempfehlt an eure Freunde und Mitschüler, wenn ihr ihn bewertet, einen Kommentar da lasst und ihn abonniert. Ich danke euch fürs Zuhören und bleibt mir treu.