Die "Soziale Frage" und die Arbeiterbewegung
In dieser Folge geht es um:
- Unternehmer
- Arbeiter
- Klassengesellschaft
- Soziale Frage
- Kommunismus
- Sozialdemokratie
- Gewerkschaften
- Sozialgesetzgebung
Willkommen bei geschichtslehrer.net. In diesem Podcast bereiten wir uns kurzweilig und fachkundig auf Klassenarbeiten im Fach Geschichte vor. Heute geht es um die Arbeiterbewegung und um die Folgen der sozialen Frage. Schön, dass du heute dabei bist.
Wenn wir über die Industrialisierung reden, dann müssen wir über zwei völlig verschiedene Welten sprechen. In der einen Welt leben die
Unternehmer
Unternehmer. Das sind so Typen wie zum Beispiel Gottlieb Daimler oder Robert Bosch, die Namen kennt man wahrscheinlich heute noch. Die hatten gute Ideen, haben Fabriken gebaut und sind damit dann steinreich geworden. Weil ihnen aber die Fabriken auch selber gehören, beherrschen sie den Markt. Keiner kann billiger oder besser als sie irgendwas produzieren. Dadurch konnten sich diese Unternehmer eine goldene Nase verdienen. Sie leben in super schicken Villen mit 100 Zimmern und Angestellten und goldenen Klodeckeln und was weiß ich alles und sind die Rockstars der Industriegesellschaft.
In der anderen Welt leben die
Arbeiter
Arbeiter, die in den Fabriken der Roxas stehen und den ganzen Tag Maschinen zusammenbauen oder Stahl zusammenrühren oder was auch immer sie machen. Und deren Leben ist nun wirklich kein Ponyhof. Die arbeiten so 12 bis 14 Stunden am Tag. Und zwar so richtig körperliche Schwerstarbeit. Kaum Pausen, lebensgefährliche Maschinen, wo schon mal der eine oder andere Finger oder Arm oder Bein drin verschwindet. Und zu Hause haben sie eine winzige, feuchte Wohnung mit einem einzigen Bett für die ganze Familie. Das klingt ganz schön hässlich.
Das ist die Geburtsstunde der
Klassengesellschaft
Klassengesellschaft. Oben gibt es ein paar wenige steinreiche Unternehmer und unten Millionen von armen Arbeitern. Das nennt man dann die Arbeiterklasse zum Beispiel. Diese riesige Lücke zwischen Arm und Reich, das Elend und die Hoffnungslosigkeit der Leute. Historiker nennen dieses Problem die
Soziale Frage
soziale Frage. Man kann die auch als echte Frage formulieren, zum Beispiel, wie kann man den riesigen Reichtum, den die Industrialisierung bringt, gerecht verteilen, sodass nicht nur ein paar wenige reiche Unternehmer davon profitieren. Wie kann man verhindern, dass die Arbeiter verhungern oder dass diese Ungerechtigkeit am Ende in einen Bürgerkrieg oder eine Revolution führt? Diese Frage, die soziale Frage, wird uns noch über Jahrhunderte hinweg begleiten. Bis in den Nationalsozialismus, den Kommunismus, den Stalinismus und eigentlich ist die soziale Frage eigentlich bis heute nicht richtig gelöst und wird immer wieder neu verhandelt. Oder findet ihr es gerecht, wenn so ein Elon Musk hunderte Milliarden besitzt? Das ist eine Zahl mit elf Nullen. Und eure Großeltern müssen von ein paar hundert Euro Rente leben.
Den Arbeitern geht es in der Hochindustrialisierung also eigentlich ziemlich mies. Und die sehen ja auch, wie reich die Unternehmer zum Teil geworden sind. Die Arbeiter haben sich dieses Elend natürlich nicht ewig gefallen lassen. Sie haben vor allem gemerkt, alleine bin ich zwar schwach, aber zusammen sind wir eine Macht, denn wir sind ja viel mehr als die. Das ist die Geburtsstunde der Arbeiterbewegung. Und die Leute, die da aktiv waren, die nannte man damals Sozialisten, weil sie zueinander sozial sein wollten oder so ähnlich. Die Sozialisten gründeten
Gewerkschaften
Gewerkschaften. Das ist so eine Art Bündnis mit vielen Arbeitern, die dann gemeinsam für bessere Löhne streiken können. Wenn keiner mehr zur Arbeit kommt, hat der Unternehmer dann ja doch ein Problem.
Wie macht man nun das System insgesamt gerechter? Das ist ja die Hauptfrage, sozusagen die soziale Frage. Darauf gab es in der Arbeiterbewegung zwei grundsätzlich unterschiedliche Antworten. Zwei Gruppen, die sich das gegenseitig unterschiedlich vorgestellt haben. Die beiden Gruppen nennen wir
Kommunismus
Kommunisten und
Sozialdemokratie
Sozialdemokraten. Der Kommunismus, den hat ein gewisser Karl Marx erfunden. Die Grundidee nennt man deswegen auch Marxismus. Die Anhänger des Kommunismus wollten das ganze System mit einer Revolution stürzen. Revolution, lateinisch, heißt Umsturz. Und so ist es auch gemeint. Wir schmeißen hier das ganze Wirtschaftssystem einfach um. Die Fabriken sollten allen gehören, die reichen Unternehmer, die knallen wir ab oder die sperren wir ein oder so. Und dann verwalten die Arbeiter die Firmen selber und entscheiden gemeinsam, was fair ist. Man braucht also ein bisschen Gewalt, um dieses ungerechte System abzuschalten.
Und das ist dann die Revolution. Und hinterher gehört uns allen alles gemeinsam. Das ist dann der Kommunismus. Eine schöne Welt, oder? Die Sozialdemokratie sah das ein bisschen entspannter. Das ist der andere Flügel der Arbeiterbewegung. Die wollten das Leben der Arbeiter durch Reformen und Gesetze Schritt für Schritt verbessern. Also ohne Gewalt, Revolution, Bürgerkrieg und so. Auch Reform ist lateinisch und heißt eigentlich Veränderung. Das ist also gerade kein Umsturz. Als Veränderung haben die Sozialdemokraten sich zum Beispiel gewünscht, dass der Staat Gesetze aufstellt, dass man nicht länger als acht Stunden am Tag arbeiten darf, dass man Leute nicht einfach kündigen darf, dass man an Maschinen, die einem den Arm abschneiden könnten, ein Schutzgitter dran machen muss, dass man verbietet, Maschinen zu bauen, an denen man sich den Arm abschneiden kann, dass man, wenn die Maschine einen den anderen abgeschnitten hat, kostenlos ins Krankenhaus kann und wenn man dann nicht mehr arbeiten kann, dass man dann eine Sozialhilfe kriegt und nicht verhungern muss. Das sind so Ideen der Sozialdemokraten. Das System insgesamt gerechter machen, ohne gleich alles ganz umzuschmeißen.
Tja, das ist die Arbeiterbewegung. Der Staat selber, seit 1871 war Deutschland ja ein gemeinsames, großes, deutsches Kaiserreich. Und der deutsche Reichskanzler, Otto von Bismarck, der hatte ziemlich Angst vor diesen Kommunisten und ihrer Revolution. Das hätte ja bedeutet, dass die Macht im Land sich völlig neu verteilt. Das wollen die Mächtigen ja normalerweise nicht. Also hat man versucht, die Kommunisten irgendwie zu bekämpfen und klein zu halten. Bismarck hat daraus die sogenannte Zuckerbrot- und Peitsche-Taktik gemacht. Mit der Peitsche, meint man,Er hat sozialistische Aktivitäten verboten. Kommunisten und Sozialdemokraten mussten in die Illegalität, mussten im Untergrund arbeiten und konnten dafür auch im Gefängnis landen. Auf der anderen Seite gab es Bismarcks Zuckerbrot. Er hat in Deutschland die erste
Sozialgesetzgebung
Sozialgesetzgebung der Welt eingeführt. Dazu gehören zum Beispiel eine Krankenversicherung, eine Unfallversicherung und eine Rentenversicherung. Und die haben wir alle heute noch, weil Bismarck die Arbeiter damals davon abhalten wollte zu rebellieren. Seine Idee war, dass die Arbeiter, wenn es ihnen ein bisschen besser geht, diese sozialistischen, kommunistischen, sozialdemokratischen Spinnereien vielleicht doch sein lassen würden und sich stattdessen darauf verlassen, dass der Staat das schon regeln wird. Das war eigentlich ziemlich clever, oder?
Heute haben wir über die Arbeiterbewegung und die soziale Frage gesprochen. Nächstes Mal geht es weiter mit dem langen 19. Jahrhundert. Da beschäftigen wir uns dann mit der Urbanisierung und den anderen Folgen dieser Entwicklungen in der Wirtschaft und Gesellschaft des Kaiserreichs vor allem. Ich danke euch fürs Zuhören und bleibt mir treu.