Die Gesellschaft des Kaiserreichs
In dieser Folge beschäftigen wir uns mit:
- Urbanisierung
- Judenemanzipation
- Frauenemanzipation
- Radikalnationalismus
- Antisemitismus
- Militarismus
Das 19. Jahrhundert ist eine Zeit radikaler Umbrüche in Europa und vor allem in Deutschland. Heute gucken wir uns an, wie sich in Deutschland die Gesellschaft infolge der Industrialisierung verändert hat. Willkommen bei geschichtslehrer.net. Ich bin Jens und in diesem Podcast bereiten wir uns fachkundig und unterhaltsam auf Klausuren im Fach Geschichte vor. Schön, dass du heute dabei bist. Stellt euch mal vor, in Bochum gründet ein schlauer Mensch ein kleines Kohlebergwerk. Das ist wahnsinnig erfolgreich, weil die Firmen gerade verrückt nach Kohle sind. Man braucht deswegen ständig mehr Arbeiter. Die Firma schickt sogar schon extra Leute aufs Land oder ins Ausland, um dort irgendwelche armen Bauern in das wachsende Bergwerk nach Bochum zu locken. Bochum wächst dann innerhalb weniger Jahrzehnte von einem beschaulichen Dorf zu einer Millionenmetropole heran.
Urbanisierung
So was nennen wir Urbanisierung, das ist schon wieder Latein und heißt Verstädterung. Überall schießen jetzt riesige billige Mietshäuser für die ganzen armen Arbeiter aus dem Boden. Die Stadt wächst eigentlich ungebremst, überall wird gebaut und trotzdem reicht der Platz nie für alle, die da ankommen. Diese moderne Stadt, die war laut, hektisch, es gab elektrisches Licht, die ersten Autos knattern herum. Willkommen in der Moderne. Diese modernen Städte, die bieten den Leuten ganz neue Möglichkeiten. In diesen Massen von Menschen finden sich neue Grüppchen zusammen, die gemeinsam für ihre Interessen kämpfen können, die sich vorher auf dem Land nie kennengelernt hätten.Traditionelle Lebensmuster, die wurden auf dem Dorf ganz stark von der Familie bestimmt. In der Stadt sind die plötzlich unwichtig, weil die Familie da ja auch unwichtiger wird. Man hat ja andere Menschen um sich rum. Die Menschen wurden dadurch eigentlich deutlich freier.
Frauenemanzipation
Die Emanzipation der Frauen ist genauso eine Entwicklung. Jahrtausende lang war es völlig normal, dass man Frauen aus bestimmten Berufen und aus der Politik völlig rausgehalten hat. Jetzt fingen Frauen in Städten an, lautstark für ihre Rechte zu demonstrieren. Sie wollen auch studieren und wählen und so weiter.
Judenemanzipation
Auch für jüdische Mitbürger, die seit dem Mittelalter traditionell immer diskriminiert worden waren, ändert sich jetzt was. Die Judenemanzipation sorgt dafür, dass die Juden rechtlich endlich gleichgestellt wurden. Viele Juden wurden daraufhin erfolgreiche Anwälte, Kaufleute oder Wissenschaftler. Die moderne Millionenstadt war also ein gigantischer Schmelztitel, in dem die alten Traditionen ganz schnell an Bedeutung verloren. Aber es gab gleichzeitig auch Leute, die diesen rasanten Wandel völlig unmöglich fanden und an den Traditionen irgendwie festhalten wollten.Wo Licht ist, fällt auch Schatten. Viele Menschen fühlten sich im späten 19. Jahrhundert im Kaiserreich von der modernen Welt überfordert. Alles war zu schnell, zu fremd, zu unsicher. Wo konnte man da noch sicheren Halt finden?
Radikalnationalismus
Ein Konzept, um die Übersicht über sein Leben und seine traditionellen Vorstellungen von der Welt zu behalten, war der radikalen Nationalismus. Der Nationalismus war ja die Idee gewesen, einen gemeinsamen Staat zu haben und den gut zu finden. Kennen wir aus dem frühen 19. Jahrhundert. Der Radikalnationalismus war da radikaler, heißt ja schon so, denn er fand nicht nur den eigenen Staat gut, sondern auch alle anderen Staaten doof und alle Ausländer im eigenen Staat sowieso. Da kam also zum Nationalstolz noch so eine Art Hass auf alle anderen dazu.
Militarismus
Dazu kam dann auch im Kaiserreich ein krasser Militarismus. Wenn du im Kaiserreich was werden wolltest, dann musstest du Connections zum Militär haben. Und sowieso war jeder, der irgendwas auf sich hielt, Teil des Militärs. Der Soldat war dort das Idealbild und gehorsam wichtiger als selber zu denken. Schon in der Schule wurden die Kinder militärisch erzogen, die mussten im Sportunterricht marschieren üben und morgens zur Begrüßung des Lehrers stramm stehen, Befehl und Gehorsam, bla bla, kannst du dir bestimmt lebhaft vorstellen.
Antisemitismus
Und in diesen Topf der hässlichen Eigenarten des Kaiserreichs gehört dann noch der Antisemitismus. Wobei das ein doofes Wort ist, weil es wissenschaftlich klingt und deswegen wurde es auch damals erfunden. Eigentlich meint es nämlich Judenhass, also Hass auf Juden.Juden wurden von einigen Hetzer zum Sündenbock für eigentlich alles gemacht, was in der modernen Welt ihrer Meinung nach irgendwie schief lief. Zum Beispiel für Wirtschaftskrisen, für den angeblichen Sittenverfall in diesen modernen Städten und so weiter. Diese drei Dinge, Radikalnationalismus, Militarismus und Antisemitismus, das war eine brandgefährliche Mischung. Das ist ja schon eine schräge Sache. Auf der einen Seite haben wir super moderne Ideen, persönliche Freiheit, die Emanzipation der Frauen und so weiter. Und auf der anderen Seite haben wir Leute, die diese modernen Ideen völlig kategorisch ablehnen und diesen giftigen Hass auf andere.Das war unsere Folge zu den Entwicklungen in der Gesellschaft des Kaiserreichs infolge der Industrialisierung. Nächstes Mal geht es darum, wie sich Staaten an ihre eigene Geschichte erinnern und wir schauen uns die Erinnerungskultur in Deutschland und in Frankreich im 19. Jahrhundert an und werfen noch einen kleinen Blick in die Welt hinaus, in die Globalisierung, die im späten 19. Jahrhundert so langsam richtig Anfahrt aufnimmt. Ich danke euch fürs Zuhören und bleibt mit Träumen.Wie ein Land tickt, das sieht man besonders gut daran, wofür es sich feiert. Wie ein Land auf seine eigene Geschichte blickt, nennt man Erinnerungskultur. Also woran die Menschen im Land so denken, wenn sie sich an früher erinnern. Im Deutschen Kaiserreich, das ist ein typischer Obrigkeitsstaat, da feierte man den Sedan-Tag. Und das war der Tag des Sieges über Frankreich. Oder halt den Kaisergeburtstag. Da gab es dann Flaggen und Paraden und Jubel für den Kaiser. Die Botschaft dieser Feiern ist ja völlig klar. Sei brav und still und treu und ein netter Untertan, diene dem Kaiser und stell keine dummen Fragen über Gerechtigkeit oder so. Das sagt schon relativ viel über einen Staat aus, wenn das die Message ist, die er seinen Bürgern vermitteln will. Ganz anders sieht das in Frankreich aus. Frankreich ist damals schon lange eine Republik. Seit der französischen Revolution war Freiheit eigentlich ein Teil vom französischen Staatsprogramm und Staatsverständnis. Der französische Nationalfeiertag ist heute genauso wie damals der 14. Juli. Da feiern die Franzosen aber nicht den Geburtstag irgendeines Königs oder sowas, sondern den Sturm auf die Bastille, also den Moment, als die französische Revolution anfing, als sich das Volk die Freiheit geholt hat. Das zeigt einen riesen Unterschied. In Deutschland demonstrative Unterwürfigkeit unter den Kaiser.In Frankreich stolz auf die eigene Nation und Demokratie. Das sind zwei völlig verschiedene Konzepte davon, auf was man stolz ist. Das sind zwei verschiedene Formen von Nationalstolz. Einmal auf den Kaiser, Hurra, man nennt das auch Hurra-Patriotismus, und in Frankreich ein Stolz auf die Freiheit und die Demokratie, also auf bestimmte Werte. Eine völlig andere Vorstellung davon, wofür ein Staat gut ist und wofür man einen Staat feiert. Da prallen eigentlich unterschiedliche Vorstellungen von der Welt aufeinander und zeigen, wie unterschiedlich die beiden Staaten, Deutschland und Frankreich, im 19. Jahrhundert ticken. Zum Abschluss des Kapitels müssen wir noch über das Fenster zur Welt reden. Das ist so eine Spezialität des Bildungsplans in Baden-Württemberg. Die Welt am Ende des 19. Jahrhunderts ist schon ziemlich gut vernetzt. Natürlich jetzt nicht so wie heute, man konnte keine WhatsApp-Nachricht an seine Cousine in Amerika schicken und sich ein Video von chinesischen TikTokern ansehen oder so. Aber im Vergleich zu vorher war das schon was. Durch das Dampfschiff konnte man Waren in wenigen Wochen über den Atlantik schippern und durch den Telegrafen konnte man Informationen unterm Atlantik in ein paar Minuten übertragen. Das war schon beeindruckend. Wenn im Jahr 1800 in den USA was passiert ist, dann dauert es vier bis acht Wochen, bis die Nachricht auf irgendeinem Segelschiff in Europa ankommt. Jetzt gibt es ein dickes Kabel quer durch den Atlantik, mit dem man primitive Stromsignale übertragen kann, so ähnlich wie Morse-Code. Und damit kann man dann langsam Buchstaben und Sätze übertragen. Das war schon eine andere Welt und ständig kamen neue Erfindungen wie das Telefon nach, mit denen die Welt dann immer noch enger vernetzt wurde.den sogenannten Weltausstellungen, haben die Länder damit angegeben, was sie alles erfunden haben. Vom Telefon bis zum Eiffelturm. Die Leute hatten das Gefühl, dass die Technik jeden Tag neue Wunder vollbringt, dass bald alle Probleme gelöst sein würden, wenn es nur so weiterging. Plötzlich war es ganz normal, dass man in Deutschland Kaffee aus Südamerika trinken konnte oder Tee aus Indien. Das war die erste echte Globalisierung. Alles rückt ein Stück weit zusammen. Aus vielen getrennten Kontinenten und Ländern wird eine Welt, in der alles irgendwie miteinander zusammenhängt. Aber in der nächsten Folge werden wir sehen, diese enge Vernetzung und das Wettrennen um Macht und Ressourcen führt dann am Ende auch zum großen Knall in den Ersten Weltkrieg. Aber das ist eine andere Geschichte.Das war unser Deep Dive in die Welt der Industrialisierung und der Moderne, das lange 19. Jahrhundert. Ich hoffe, ihr habt verstanden, warum die Industrialisierung nicht nur eine technische, sondern eine gigantische soziale Veränderung war. In den Shownotes findet ihr wie immer die wichtigsten Fachbegriffe. In den nächsten Folgen schauen wir uns dann an, wie der Hunger nach Weltmacht im Imperialismus und den Weltkriegen endet. Teilt die Folge mit euren Freunden und Mitschülern, wenn sie euch geholfen hat. Hinterlasst mir einen Kommentar und abonniert den Podcast. Für mich sind meine Zuhörer die größte Motivation. Ich danke euch fürs Zuhören. Bleibt kritisch und schreibt eure eigene Geschichte.