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Klausurfolge: Industrialisierung, Soziale Frage, Moderne Lebenswelt im Kaiserreich

Staffel 8, Folge 09 20.02.2026 00:21:49

Diese Folge umfasst die vorangegangenen Folgen zur Industrialisierung, sodass man sich damit besonders gut auf eine Klausur zu diesem Thema vorbereiten kann.

Willkommen bei geschichtslehrer.net. Ich bin Jens und in diesem Podcast bereiten wir uns fachkundig und kurzweilig auf Klassenarbeiten vor. Wir lernen hier keine Jahreszahlen auswendig, sondern wir wollen uns Geschichte kritisch ansehen. Denn wer versteht, wie Geschichte gestrickt ist, der lässt sich auch heute von Hetzer und Lügner nichts vormachen. Ein kritischer Geist ist das beste Immunsystem für Freiheit und Demokratie. Schön, dass du auch heute dabei bist. Heute geht es um die Industrialisierung. Wir gucken uns heute an, wie Dampfmaschinen und Eisenbahnen die ganze Welt auf den Kopf gestellt haben. Warum die Städte innerhalb weniger Jahre aus allen Nähten platzen. Wieso wir heute eigentlich alle eine Krankenversicherung haben. Die Industrialisierung hat den Hunger in Europa beendet und das Leben von Milliarden von Menschen verbessert. Und zugleich hat die Industrialisierung eine unfassbare Ungleichheit und Ungerechtigkeit mit sich gebracht. Die Industrialisierung ist die vielleicht krasseste Veränderung, die die Welt jemals in so kurzer Zeit erlebt hat.Ihr habt eine gute Geschäftsidee und ihr wollt ein Business starten. Aber es gibt hunderte von Gesetzen und Regeln, was erlaubt ist und was nicht. Und die schreiben vor, dass ihr das genauso machen müsst wie alle anderen. Ja, und was ist jetzt mit meiner tollen Idee? Ja, geht halt nicht, sonst kommt die Polizei. Genau das war das Problem vor der Industrialisierung. Die Zünfte regelten ganz genau, welche Sachen wie produziert werden durften und was die kosten durften. Neue, coole Ideen und Erfindungen waren darin nicht vorgesehen und auch nicht erlaubt. Das war blöd, weil es ja jeden Fortschritt abwirkte. Um das Jahr 1770 kam dann ein schottischer Wissenschaftler namens Adam Smith um die Ecke. Adam Smith hatte eine Idee namens Wirtschaftsliberalismus. Liberalismus heißt sowas wie Freiheit, das kennt ihr schon aus den letzten Folgen. Das Motto des Wirtschaftsliberalismus ist also, lasst die Leute einfach mal machen. Wenn der Staat sich raushält, dann regeln Angebot und Nachfrage den Rest. Man nennt das auch laissez-faire, machen lassen. Die Idee ist, es will ja eigentlich jeder für möglichst wenig Geld möglichst viel haben. Also kaufen die Leute eigentlich immer automatisch das beste Produkt. Sie sind ja nicht doof. Wenn also jemand eine coole Idee hat, wie man Stricksocken billiger oder besser produzieren kann, dann werden die Leute ganz automatisch diese billigeren oder besseren Socken kaufen und die anderen Sockenfirmen, die es nicht machen, werden es dann auch machen müssen, weil sonst ja keiner mehr deren Socken kauft.Und so wird alles in der Wirtschaft mit der Zeit immer besser und billiger. Dafür, dass das ganz automatisch passiert, weil die Leute, die einkaufen gehen, ja nicht blöd sind, ist in Adam Smiths Bild das Bild einer unsichtbaren Hand des Marktes drin. Also die Idee ist, dass der Markt von ganz alleine prima funktioniert, wenn man nicht mit irgendwelchen Regeln und Verboten drin rumfuscht, wie die Zünfte. Das war der Startschuss für den Wettbewerb in der Wirtschaft. Also dass Firmen versuchen, besser zu sein als die Konkurrenz. Man könnte eigentlich sagen, wenn die Handys von Samsung und Xiaomi und Apple und so weiter jedes Jahr etwas besser werden, dann geht das eigentlich auf Adam Smith und auf seinen Wirtschaftsliberalismus zurück. Diese Ideen bringen die frühe Industrialisierung nach Deutschland. Wenn wir mal in das Mittelalter zurückgucken, dann findet die Wirtschaft in Deutschland fast nur auf dem Land statt. Wir nennen das eine Agrargesellschaft, eigentlich eine Bauerngesellschaft, wo jeder für sich selber genug Essen und Zeug anbaut und im Wesentlichen alles selber produziert. Und damit hat sich dann auch. In der Frühindustrialisierung, so um 1800, fangen die Leute an, Zeug zum Verkaufen zu produzieren. Also mehr zu produzieren als das, was sie selber brauchen. Überschuss zu produzieren. Das geht, weil die eine oder andere neue Technik die Arbeit auf dem Land produktiver macht. Wenn ich eine coole neue Idee habe für mein Weizenfeld, sodass ich doppelt so viel Weizen rausbekomme, dann brauche ich weniger Zeit, um meine eigenen Leute zu versorgen. Dann kann ich meiner Nachbarin Erna was davon verkaufen, was ich übrig habe und mir dafür schicke Socken von meiner anderen Nachbarin kaufen. Das ist doch prima. Da gibt es dann findige Geschäftsleute, die bezahlen andere Leute.dafür, dass sie zu Hause einen Haufen Socken stricken und kaufen sie den dann billig ab, gehen dann damit in die Stadt und verkaufen sie dort teuer. Und so entstehen die ersten Unternehmen. Man nennt die auch Manufakturen, weil das alles noch mit Handarbeit funktioniert. Es gibt dann bald die ersten Maschinen, die funktionieren immer noch mit Körperkraft. Zum Beispiel haben die ersten Nähmaschinen so ein Pedal unten, da tritt man drauf und dann bewegt sich die Maschine. Vielleicht habt ihr sowas bei eurer Oma mal gesehen. Nach und nach kommen dann aber auch richtige Maschinen dazu, so wie wir uns die vorstellen, mit Dampf oder Wasserkraft, die so richtig Power haben. Und so entstehen dann die ersten Fabriken.Im 19. Jahrhundert kommt dann der absolute Game Changer, und zwar so um das Jahr 1850 rum, die Eisenbahn. Die Eisenbahn war für das 19. Jahrhundert das, was heute das Internet für uns ist. Sie hat alles vernetzt. Plötzlich konnte man tonnenschwere Produkte wie Kohle, Stahl in riesigen Mengen durch das Land bewegen. Weil man so eine Eisenbahn… Mit unendlich viel Schienen und Loks erstmal aufbauen muss, mussten mehr Fabriken her. Und damit die Bahn fährt, musste man dann auch jede Menge Kohle aus dem Bergwerk holen. Und damit man die Kohle transportieren kann, braucht man ja noch mehr Schienen und Stahl und Maschinen. Also baut man Maschinenfabriken. Und die brauchen auch wieder Kohle für ihre Dampfmaschinen und für Stahl und was nicht alles. Und das Ganze muss auch irgendwie hingeschafft werden. Und so wird aus dem Ganzen am Ende eine Art Kreislauf, bei dem sich alle möglichen Wirtschaftssektoren gegenseitig befeuern. Man nennt das dann eine Schrittmacherindustrie. Ein Bereich der Wirtschaft, eben die Eisenbahn, zieht alle anderen Bereiche der Wirtschaft mit sich. Die Eisenbahn ist die Schrittmacherindustrie des 19. Jahrhunderts. Mit dieser Eisenbahn kommt in Deutschland dann auch so langsam die Hochindustrialisierung, so nennen wir die Epoche ab ungefähr 1860, 70. Alle diese Fabriken werden immer schneller, immer größer, immer effizienter. Wer jetzt immer noch normal arbeitet, so wie früher von Hand, der hat ja überhaupt keine Chance mehr, mit den Hightech-Fabriken mitzuhalten. Wenn ich in der Hightech-Fabrik zum Beispiel einen Stricksochen in 5 Minuten automatisch produzieren kann und dann kann ich ihn ganz billig verkaufen, weil es nicht viel Zeit kostet, dann kostet er 1 Euro im Laden.Dann hat aber der handgestrickte Manufaktursocken von jemandem, der den ganzen Tag von Hand dran herumgestrickt hat, der deswegen dann 10 Euro kostet, weil sonst verhungert er ja, der hat dann keine Chance mehr. Weil die ganzen Leute in den Manufakturen, die werden natürlich bald arbeitslos. Was machen die denn dann alle? Na, diese Leute, die jetzt arbeitslos werden, die suchen Jobs und die finden sie natürlich in diesen Hightech-Fabriken, die ihre eigenen Jobs kurz vorher gekillt haben. Das heißt, diese Leute ziehen in die Städte, die Fabriken wachsen rasend schnell, die Städte drumherum aber auch, weil ja Massen von Menschen da hinziehen, um Arbeit zu finden. Und wo sollen die auch alle wohnen? Es entstehen riesige Viertel voller Bruchbuden, die man schnell irgendwo hingestellt hat, um die Arbeiter unterzubringen. Und nebendran steht dann eine schicke, riesige Villa des reichen Fabrikbesitzers. Und die Ungerechtigkeit und die Ungleichheit zwischen den armen Arbeitern und den sehr wohlhabenden Fabrikbesitzern, die nimmt immer weiter zu. Wie man das lösen könnte, das gucken wir uns jetzt als nächstes an.Wenn wir über die Industrialisierung reden, dann müssen wir über zwei völlig verschiedene Welten sprechen. In der einen Welt leben die Unternehmer. Das sind so Typen wie zum Beispiel Gottlieb Daimler oder Robert Bosch, die Namen kennt man wahrscheinlich heute noch. Die hatten gute Ideen, haben Fabriken gebaut und sind damit dann steinreich geworden. Weil ihnen aber die Fabriken auch selber gehören, beherrschen sie den Markt. Keiner kann billiger oder besser als sie irgendwas produzieren. Dadurch konnten sich diese Unternehmer eine goldene Nase verdienen. Sie leben in super schicken Villen mit 100 Zimmern und Angestellten und goldenen Klodeckeln und was weiß ich alles und sind die Rockstars der Industriegesellschaft. In der anderen Welt leben die Arbeiter, die in den Fabriken der Roxas stehen und den ganzen Tag Maschinen zusammenbauen oder Stahl zusammenrühren oder was auch immer sie machen. Und deren Leben ist nun wirklich kein Ponyhof. Die arbeiten so 12 bis 14 Stunden am Tag. Und zwar so richtig körperliche Schwerstarbeit. Kaum Pausen, lebensgefährliche Maschinen, wo schon mal der eine oder andere Finger oder Arm oder Bein drin verschwindet. Und zu Hause haben sie eine winzige, feuchte Wohnung mit einem einzigen Bett für die ganze Familie. Das klingt ganz schön hässlich. Das ist die Geburtsstunde der Klassengesellschaft. Oben gibt es ein paar wenige steinreiche Unternehmer und unten Millionen von armen Arbeitern. Das nennt man dann die Arbeiterklasse.Diese riesige Lücke zwischen Arm und Reich, das Elend und die Hoffnungslosigkeit der Leute. Historiker nennen dieses Problem die soziale Frage. Man kann die auch als echte Frage formulieren, zum Beispiel, wie kann man den riesigen Reichtum, den die Industrialisierung bringt, gerecht verteilen, sodass nicht nur ein paar wenige reiche Unternehmer davon profitieren. Wie kann man verhindern, dass die Arbeiter verhungern oder dass diese Ungerechtigkeit am Ende in einen Bürgerkrieg oder eine Revolution führt? Diese Frage, die soziale Frage, wird uns noch über Jahrhunderte hinweg begleiten. Bis hin zu dem Nationalsozialismus, dem Kommunismus, dem Stalinismus. Und eigentlich ist die soziale Frage eigentlich bis heute nicht richtig gelöst und wird immer wieder neu verhandelt. Oder findet ihr es gerecht, wenn so ein Elon Musk hunderte Milliarden besitzt? Das ist eine Zahl mit elf Nullen. Und eure Großeltern müssen von ein paar hundert Euro Rente leben.Den Arbeitern geht es in der Hochindustrialisierung also eigentlich ziemlich mies. Und die sehen ja auch, wie reich die Unternehmer zum Teil geworden sind. Die Arbeiter haben sich dieses Elend natürlich nicht ewig gefallen lassen. Sie haben vor allem gemerkt, alleine bin ich zwar schwach, aber zusammen sind wir eine Macht, denn wir sind ja viel mehr als die. Das ist die Geburtsstunde der Arbeiterbewegung. Und die Leute, die da aktiv waren, die nannte man damals Sozialisten, weil sie zueinander sozial sein wollten oder so ähnlich. Die Sozialisten gründeten Gewerkschaften. Das ist so eine Art Bündnis mit vielen Arbeitern, die dann gemeinsam für bessere Löhne streiken können. Wenn keiner mehr zur Arbeit kommt, hat der Unternehmer dann ja doch ein Problem. Wie macht man nun das System insgesamt gerechter? Das ist ja die Hauptfrage, sozusagen die soziale Frage. Darauf gab es in der Arbeiterbewegung zwei grundsätzlich unterschiedliche Antworten. Zwei Gruppen, die sich das gegenseitig unterschiedlich vorgestellt haben. Die beiden Gruppen nennen wir Kommunisten und Sozialdemokraten. Der Kommunismus, den hat ein gewisser Karl Marx erfunden. Die Grundidee nennt man deswegen auch Marxismus. Die Anhänger des Kommunismus wollten das ganze System mit einer Revolution stürzen. Revolution, lateinisch, heißt Umsturz. Und so ist es auch gemeint. Wir schmeißen hier das ganze Wirtschaftssystem einfach um. Die Fabriken sollten allen gehören, die reichen Unternehmer, die knallen wir ab oder die sperren wir ein oder so. Und dann verwalten die Arbeiter die Firmen selber und entscheiden gemeinsam, was fair ist. Man braucht also ein bisschen Gewalt, um dieses ungerechte System abzuschaffen.Und das ist dann die Revolution. Und hinterher gehört uns allen alles gemeinsam. Das ist dann der Kommunismus. Eine schöne Welt, oder? Die Sozialdemokratie sah das ein bisschen entspannter. Das ist der andere Flügel der Arbeiterbewegung. Die wollten das Leben der Arbeiter durch Reformen und Gesetze Schritt für Schritt verbessern. Also ohne Gewalt, Revolution, Bürgerkrieg und so. Auch Reform ist lateinisch und heißt eigentlich Veränderung. Das ist also gerade kein Umsturz. Als Veränderung haben die Sozialdemokraten sich zum Beispiel gewünscht, dass der Staat Gesetze aufstellt, dass man nicht länger als acht Stunden am Tag arbeiten darf, dass man Leute nicht einfach kündigen darf, dass man an Maschinen, die einem den Arm abschneiden könnten, ein Schutzgitter dran machen muss, dass man verbietet, Maschinen zu bauen, an denen man sich den Arm abschneiden kann, dass man, wenn die Maschine einen den anderen abgeschnitten hat, kostenlos ins Krankenhaus kann und wenn man dann nicht mehr arbeiten kann, dass man dann eine Sozialhilfe kriegt und nicht verhungern muss. Das sind so Ideen der Sozialdemokraten. Das System insgesamt gerechter machen, ohne gleich alles ganz umzuschmeißen. Tja, das ist die Arbeiterbewegung. Der Staat selber, seit 1871, war Deutschland ja ein gemeinsames, großes, deutsches Kaiserreich. Und der deutsche Reichskanzler, Otto von Bismarck, der hatte ziemlich Angst vor diesen Kommunisten und ihrer Revolution. Das hätte ja bedeutet, dass die Macht im Land sich völlig neu verteilt. Das wollen die Mächtigen ja normalerweise nicht. Also hat man versucht, die Kommunisten irgendwie zu bekämpfen und klein zu halten. Bismarck hat daraus die sogenannte Zuckerbrot- und Peitsche-Taktik gemacht. Mit der Peitsche, meint man,Er hat sozialistische Aktivitäten verboten. Kommunisten und Sozialdemokraten mussten in die Illegalität, mussten im Untergrund arbeiten und konnten dafür auch im Gefängnis landen. Auf der anderen Seite gab es Bismarcks Zuckerbrot. Der hat in Deutschland die erste Sozialgesetzgebung der Welt eingeführt. Dazu gehören zum Beispiel eine Krankenversicherung, eine Unfallversicherung und eine Rentenversicherung. Und die haben wir alle heute noch, weil Bismarck die Arbeiter damals davon abhalten wollte zu rebellieren. Seine Idee war, dass die Arbeiter, wenn es ihnen ein bisschen besser geht, diese sozialistischen, kommunistischen, sozialdemokratischen Spinnereien vielleicht doch sein lassen würden und sich stattdessen darauf verlassen, dass der Staat das schon regeln wird. Das war eigentlich ziemlich clever, oder?Stellt euch mal vor, in Bochum gründet ein schlauer Mensch ein kleines Kohlebergwerk. Das ist wahnsinnig erfolgreich, weil die Firmen gerade verrückt nach Kohle sind. Man braucht deswegen ständig mehr Arbeiter. Die Firma schickt sogar schon extra Leute aufs Land oder ins Ausland, um dort irgendwelche armen Bauern in das wachsende Bergwerk nach Bochum zu locken. Bochum wächst dann innerhalb weniger Jahrzehnte von einem beschaulichen Dorf zu einer Millionenmetropole heran. So was nennen wir Urbanisierung, das ist schon wieder Latein und heißt Verstädterung. Überall schießen jetzt riesige billige Mietshäuser für die ganzen armen Arbeiter aus dem Boden. Die Stadt wächst eigentlich ungebremst, überall wird gebaut und trotzdem reicht der Platz nie für alle, die da ankommen. Diese moderne Stadt, die war laut, hektisch, es gab elektrisches Licht, die ersten Autos knattern herum. Willkommen in der Moderne. Diese modernen Städte, die bieten den Leuten ganz neue Möglichkeiten. In diesen Massen von Menschen finden sich neue Grüppchen zusammen, die gemeinsam für ihre Interessen kämpfen können, die sich vorher auf dem Land nie kennengelernt hätten. Traditionelle Lebensmuster, die wurden auf dem Dorf ganz stark von der Familie bestimmt. In der Stadt sind die plötzlich unwichtig, weil die Familie da ja auch unwichtiger wird. Man hat ja andere Menschen um sich rum. Die Menschen wurden dadurch eigentlich deutlich freier. Die Emanzipation der Frauen ist genauso eine Entwicklung.Lange war es völlig normal, dass man Frauen aus bestimmten Berufen und aus der Politik völlig rausgehalten hat. Jetzt fingen Frauen in Städten an, lautstark für ihre Rechte zu demonstrieren. Sie wollen auch studieren und wählen und so weiter. Auch für jüdische Mitbürger, die seit dem Mittelalter traditionell immer diskriminiert worden waren, ändert sich jetzt was. Die Judenemanzipation sorgt dafür, dass die Juden rechtlich endlich gleichgestellt wurden. Viele Juden wurden daraufhin erfolgreiche Anwälte, Kaufleute oder Wissenschaftler. Die moderne Millionenstadt war also ein gigantischer Schmelztitel, in dem die alten Traditionen ganz schnell an Bedeutung verloren. Aber es gab gleichzeitig auch Leute, die diesen rasanten Wandel völlig unmöglich fanden und an den Traditionen irgendwie festhalten wollten.Wo Licht ist, fällt auch Schatten. Viele Menschen fühlten sich im späten 19. Jahrhundert im Kaiserreich von der modernen Welt überfordert. Alles war zu schnell, zu fremd, zu unsicher. Wo konnte man da noch sicheren Halt finden? Ein Konzept, um die Übersicht über sein Leben und seine traditionellen Vorstellungen von der Welt zu behalten, war der radikalen Nationalismus. Der Nationalismus war ja die Idee gewesen, einen gemeinsamen Staat zu haben und den gut zu finden. Kennen wir aus dem frühen 19. Jahrhundert. Der Radikalnationalismus war da radikaler, heißt ja schon so, denn er fand nicht nur den eigenen Staat gut, sondern auch alle anderen Staaten doof und alle Ausländer im eigenen Staat sowieso. Da kam also zum Nationalstolz noch so eine Art Hass auf alle anderen dazu. Dazu kam dann auch im Kaiserreich ein krasser Militarismus. Wenn du im Kaiserreich was werden wolltest, dann musstest du Connections zum Militär haben. Und sowieso war jeder, der irgendwas auf sich hielt, Teil des Militärs. Der Soldat war dort das Idealbild und gehorsam wichtiger als selber zu denken. Schon in der Schule wurden die Kinder militärisch erzogen, die mussten im Sportunterricht marschieren üben und morgens zur Begrüßung des Lehrers stramm stehen, Befehl und Gehorsam, bla bla, kannst du dir bestimmt lebhaft vorstellen. Und in diesen Topf der hässlichen Eigenarten des Kaiserreichs gehört dann noch der Antisemitismus. Wobei das ein doofes Wort ist, weil es wissenschaftlich klingt und deswegen wurde es auch damals erfunden. Eigentlich meint es nämlich Judenhass, also Hass auf Juden.Juden wurden von einigen Hetzer zum Sündenbock für eigentlich alles gemacht, was in der modernen Welt ihrer Meinung nach irgendwie schief lief. Zum Beispiel für Wirtschaftskrisen, für den angeblichen Sittenverfall in diesen modernen Städten und so weiter. Diese drei Dinge, radikaler Nationalismus, Militarismus und Antisemitismus, Das war eine brandgefährliche Mischung. Das ist ja schon eine schräge Sache. Auf der einen Seite haben wir super moderne Ideen, persönliche Freiheit, die Emanzipation der Frauen und so weiter. Und auf der anderen Seite haben wir Leute, die diese modernen Ideen völlig kategorisch ablehnen und diesen giftigen Hass auf andere. Wie ein Land tickt, das sieht man besonders gut daran, wofür es sich feiert. Wie ein Land auf seine eigene Geschichte blickt, nennt man Erinnerungskultur. Also woran die Menschen im Land so denken, wenn sie sich an früher erinnern. Im Deutschen Kaiserreich, das ist ein typischer Obrigkeitsstaat, da feierte man den Sedan-Tag. Und das war der Tag des Sieges über Frankreich. Oder halt den Kaisergeburtstag. Da gab es dann Flaggen und Paraden und Jubel für den Kaiser. Die Botschaft dieser Feiern ist ja völlig klar. Sei brav und still und treu und ein netter Untertan, diene dem Kaiser und stell keine dummen Fragen über Gerechtigkeit oder so. Das sagt schon relativ viel über einen Staat aus, wenn das die Message ist, die er seinen Bürgern vermitteln will. Ganz anders sieht das in Frankreich aus. Frankreich ist damals schon lange eine Republik. Seit der französischen Revolution…Man kann sagen, seit der Französischen Revolution war Freiheit eigentlich ein Teil vom französischen Staatsprogramm und Staatsverständnis. Der französische Nationalfeiertag ist heute genauso wie damals der 14. Juli. Da feiern die Franzosen aber nicht den Geburtstag irgendeines Königs oder sowas, sondern den Sturm auf die Bastille. Also den Moment, als die französische Revolution anfing, als sich das Volk die Freiheit geholt hat. Das zeigt einen riesen Unterschied. In Deutschland demonstrative Unterwürdigkeit unter den Kaiser, in Frankreich stolz auf die eigene Nation und Demokratie. Das sind zwei völlig verschiedene Konzepte davon, auf was man stolz ist. Das sind zwei verschiedene Formen von Nationalstolz. Einmal auf den Kaiser, Hurra, man nennt das auch Hurra-Patriotismus, und in Frankreich ein Stolz auf die Freiheit und die Demokratie, also auf bestimmte Werte. Eine völlig andere Vorstellung davon, wofür ein Staat gut ist und wofür man einen Staat feiert. Da prallen eigentlich unterschiedliche Vorstellungen von der Welt aufeinander und zeigen, wie unterschiedlich die beiden Staaten Deutschland und Frankreich im 19. Jahrhundert ticken. Zum Abschluss des Kapitels müssen wir noch über das Fenster zur Welt reden. Das ist so eine Spezialität des Bildungsplans in Baden-Württemberg. Die Welt am Ende des 19. Jahrhunderts ist schon ziemlich gut vernetzt. Natürlich jetzt nicht so wie heute, man konnte keine WhatsApp-Nachricht an seine Cousine in Amerika schicken und sich ein Video von chinesischen TikTokern ansehen oder so. Aber im Vergleich zu vorher war das schon was. Durch das Dampfschiff konnte man Waren in wenigen Wochen über den Atlantik schippern und durch den Telegrafen konnte man…man Informationen unterm Atlantik in ein paar Minuten übertragen. Das war schon beeindruckend. Wenn im Jahr 1800 in den USA was passiert ist, dann dauert es vier bis acht Wochen, bis die Nachricht auf irgendeinem Segelschiff in Europa ankommt. Jetzt gibt es ein dickes Kabel quer durch den Atlantik, mit dem man primitive Stromsignale übertragen kann, so ähnlich wie Morse-Code. Und damit kann man dann langsam Buchstaben und Sätze übertragen. Das war schon eine andere Welt und ständig kamen neue Erfindungen wie das Telefon nach, mit denen die Welt dann immer noch enger vernetzt wurde. Auf den sogenannten Weltausstellungen haben die Länder damit angegeben, was sie alles erfunden haben. Vom Telefon bis zum Eiffelturm. Die Leute hatten das Gefühl, dass die Technik jeden Tag neue Wunder vollbringt, dass bald alle Probleme gelöst sein würden, wenn es nur so weiterging. Plötzlich war es ganz normal, dass man in Deutschland Kaffee aus Südamerika trinken konnte oder Tee aus Indien. Das war die erste echte Globalisierung. Alles rückt ein Stück weit zusammen. Aus vielen getrennten Kontinenten und Ländern wird eine Welt, in der alles irgendwie miteinander zusammenhängt. Aber in der nächsten Folge werden wir sehen, diese enge Vernetzung und das Wettrennen um Macht und Ressourcen führt dann am Ende auch zum großen Knall in den Ersten Weltkrieg. Aber das ist eine andere Geschichte.Das war unser Deep Dive in die Welt der Industrialisierung und der Moderne, das lange 19. Jahrhundert. Ich hoffe, ihr habt verstanden, warum die Industrialisierung nicht nur eine technische, sondern eine gigantische soziale Veränderung war. In den Shownotes findet ihr wie immer die wichtigsten Fachbegriffe. In den nächsten Folgen schauen wir uns dann an, wie der Hunger nach Weltmacht im Imperialismus und den Weltkriegen endet. Teilt die Folge mit euren Freunden und Mitschülern, wenn sie euch geholfen hat. Hinterlasst mir einen Kommentar und abonniert den Podcast. Für mich sind meine Zuhörer die größte Motivation. Ich danke euch fürs Zuhören. Bleibt kritisch und schreibt eure eigene Geschichte.