Klausurfolge: Imperialismus und Erster Weltkrieg
Diese Klausurfolge fasst die Folgen über den Imperialismus im Kaiserreich bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und dem Schlüsseljahr 1917 zusammen.
Willkommen bei geschichtslehrer.net. Ich bin Jens und wir schauen uns heute an, wie der Hunger nach Macht die Welt um 1900 in eine Katastrophe stürzt, die unsere Welt heute immer noch prägt. Wer die Politik von heute verstehen will, von Konflikten in Afrika bis zum Verhältnis zwischen USA und Russland, der muss in diese Epoche schauen. Schön, dass ihr dabei seid. Die Ausbeutung des Menschen, die ist so alt wie die Menschheit. Schon immer haben sich Menschen überlegt, dass ihr Leben bequemer wäre, wenn sie andere Menschen versklaven und ausbeuten könnten. Schon seit dem 16. Jahrhundert nimmt dieser Trend wieder langsam an Fahrt auf, vor allem mit dem afrikanischen Sklavenhandel. Aber im späten 19. Jahrhundert, so ab 1880 ungefähr, geht es dann so richtig los, dass die Kolonien so richtig staatlich verwaltet und ausgebeutet werden. Denn das frisch vereinigte Deutsche Reich, das kurz vorher vereinigte Italien, die haben beide das Gefühl, dass sie spät dran sind im Wettlauf um die Kolonien. Und deswegen beginnen sie ein großes, brutales Kolonialprogramm, um sich ein Reich unter der Sonne zu schaffen. Also gemeint ist damit eins, dass die ganze Erde umspannt, wo also den ganzen Tag lang immer irgendwo die Sonne scheint. Wir nennen diese Epoche deshalb den Imperialismus.Kommt vom Imperium, vom Weltreich. Die großen Mächte wie England, Frankreich und später eben auch Deutschland und Italien wollten nicht mehr nur in Europa mitspielen, sondern die ganze Welt kontrollieren. Warum? Naja, die Großmächte in Europa erklären sich das mit mehreren Argumenten. Erstens, weil man die Kohle, das Gummi und das Gold aus den Kolonien haben wollte. Und zweitens, weil man neue Gebiete suchte, um Zeug zu verkaufen, das im eigenen Land produziert wurde. Die Menschen haben sich vorgestellt, dass so eine Kolonie ja ein neuer Absatzmarkt ist, für all die schmucken Sachen, die man seit der Industrialisierung selber herstellen konnte. So hätte ja das eigene Land noch viel reicher werden können. Außerdem war es gerade eben schick, Kolonien zu haben. Da ging es um Prestige, um Ansehen. Ein Staat, der keine Kolonien hatte, der galt dann als Zweitklassik. Es war ein rücksichtsloses Spiel um Macht und um Geld, bei dem die betroffenen Menschen vor Ort in den Kolonien überhaupt nicht gefragt wurden. Deutschlands Rolle dabei ist ein bisschen sonderbar. Unter Bismarck, den kennen wir schon, der hat 1871 Deutschland vereinigt, waren Kolonien kein großes Thema. Er hielt das für Spinnerei und damit hat er auch irgendwie recht. Außerdem hatte er gerade erst eine Menge Kriege in Europa geführt, da brauchte er jetzt nicht noch ein Brandherd irgendwo in Übersee. Aber als der Kaiser Wilhelm dann starb und sein Nachfolger von Bismarck nichts mehr wissen wollte und sich einen neuen Kanzler gesucht hat, da stieg dann auch Deutschland so richtig in das Wettrennen um die Kolonien ein.Wie gewinnt man denn nun dieses Wettrennen um die Kolonien? Naja, erstmal baut man sich ein Kolonialreich auf. England war in der Hinsicht der Spitzenreiter. Die haben ja auch diesen Spruch erfunden, in ihrem Reich geht die Sonne nie unter, an empire under the sun. Man nennt das auch das viktorianische Zeitalter, weil die Queen Victoria in dieser Epoche über England herrschte und die war ziemlich ewig an der Macht und sie personifiziert diesen Imperialismus geradezu. Aber auch das Deutsche Reich wollte nun seinen Platz an der Sonne und eroberte jede Menge Kolonien in Gebieten wie dem heutigen Namibia, in Tansania, Kamerun und Togo in Afrika. Deutschland hat dort Plantagen hochgezogen und die Menschen eigentlich wie Sklaven zur Arbeit gezwungen, um Kakao oder Palmöl oder Kautschuk nach Europa zu verschiffen. Und dann ist da auch noch der Pazifik. Das Deutsche Reich besaß dort auch Kolonien, nämlich Deutsch-Neuguinea und Samoa. Das klingt so ein bisschen nach Südsee-Idylle und schöner Insel und Caipirinha, aber das war für das Deutsche Kaiserreich vor allem strategisch wichtig als militärischer Stützpunkt und für den Handel mit bestimmten Rohstoffen, die man in Europa nicht so leicht kriegen konnte. Sogar in China hatte Deutschland einen Stützpunkt, nämlich Qiaqiu. Die Stadt dort heißt heute Qingdao. Wenn ihr im Supermarkt Tsingtao Bier sehen könnt, dann geht das Original auf die deutschen Bierbrauer zurück, die um 1900 dort in China stationiert waren, wo bis heute eben eine Brauereikultur existiert. In ihren Kolonien herrschten die Europäer.dann aber wie Götter. Sie beuteten das Land aus, zwangen den Einheimischen nicht nur Zwangsarbeit auf, sondern auch ihre Kultur und ihre Sprache. Die Grenzen in Afrika wurden oft mit dem Lineal auf der Landkarte gezogen, ohne Rücksicht auf die Menschen, die da lebten. Viele Konflikte in Afrika, die wir heute in den Nachrichten sehen, haben ihre Wurzeln genau da, in der Zeit der großen Kolonialreiche. Das gilt sogar auch für den Bürgerkrieg im Sudan, der in den Medien in Europa zwar kaum stattfindet, weil Ukraine und so aktuell irgendwie interessanter ist, aber eigentlich ist das die aktuell größte humanitäre Katastrophe der Welt. Und die hat ihren Ursprung um mehrere Ecken rum auch im Kolonialismus und im Imperialismus.Nun ist so eine imperiale Herrschaft, bei der man ein wehrloses Land überfällt, die Leute versklavt und ausbeutet, ja irgendwie offensichtlich eine ziemliche Schweinerei. Das war den Leuten damals auch intuitiv irgendwie klar, dass das eine Schweinerei ist. Aber wie haben die Leute das dann vor sich selbst und vor ihren Mitmenschen und Bürgern und Politikern gerechtfertigt? Die haben sich ja selber nicht als Bösewicht gesehen. Dahinter steckt ein ziemlich abgedrehtes Gedankenkonstrukt und das ist der Sozialdarwinismus. Darwinismus kennt ihr bestimmt schon. Das ist das Prinzip der Evolutionstheorie, heißt nach Darwin. In der Evolution setzen sich die Arten durch von Tieren, die sich am besten in ihrem Lebensraum anpassen können und die anderen sterben dann aus, weil sie nicht mehr konkurrenzfähig sind. Das ist Darwinismus. Die Erfinder des Sozial-Darwinismus haben nun Charles Darwin und diese Idee von der natürlichen Auslese bei Tieren einfach auf die Menschen übertragen. Deswegen heißt es Sozial-Darwinismus. Sozial heißt sowas wie gesellschaftlich, also ist es sozusagen der Gesellschafts-Darwinismus. Die Logik geht dabei so, wenn wir, also die Deutschen oder die Europäer, diesen Afrikanern technisch überlegen sind, dann ist das ja genau wie in der Natur. Wir haben uns quasi besser an den Lebensraum angepasst als die und wir haben dann von Natur aus halt das Recht,anderen zu beherrschen. Der Löwe beherrscht ja auch die Savanne, weil er der Stärkste ist. Klar, da sagt ja auch keiner was dagegen. Das ist eine ziemlich stumpfe Argumentation, weil man damit ja jede Form von Gewaltherrschaft und von Ungerechtigkeit rechtfertigen kann. Es ist ja einfach nur eine schöne Herleitung dafür, dass der Stärkere einfach immer recht hat. Aber damals war das für viele das Argument, um das schlechte Gewissen wegen der vielen Sauereien und Brutalitäten, die man in den Kolonien so begangen hat, zu beruhigen. Dann konnte man sagen, das ist ja unser gutes Naturrecht, weil Sozialdarwinismus überleben des Stärkeren, da sind wir halt die Stärkeren in diesem Kampf. Ich bin der große General der deutschen Soldaten und sende diesen Brief an das Volk der Herero. Die Herero sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen. Ich sage dem Volk, jeder, der einen der Kapitäne an einer meiner Stationen als Gefangenen abliefert, bekommt 1000 Mark. Wer Samuel Maherero bringt, der erhält 5000 Mark. Das Volk der Herero muss aber das Land verlassen. Wenn das Volk das nicht tut, werde ich es mit dem großen Rohr dazu zwingen. Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf. Ich treibe sie zu ihrem Volk zurück. Ich lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero, der große General des mächtigen deutschen Kaisers. Das schreibt General von Trotha, ein Soldat des Deutschen Kaiserreichs.Im Jahr 1904 Andi Herero, eine Volksgruppe in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Dieser Brief, der als Vernichtungsbefehl in die Geschichte eingegangen ist, der leitet einen Genozid ein, der am Ende 50.000 bis 70.000 Tote fordert. Wie kommt einer dazu, so einen Massenmord zu begehen? Hand in Hand mit dem Sozialdarwinismus, von dem wir eben schon gehört haben, ging der Rassismus. Rassismus ist eine Theorie, die besagt, dass Menschen in verschiedene Rassen eingeteilt werden können. Das ist zwar an sich eh schon fraglich, weil Rassen ist eigentlich, wenn man Tiere züchtet, also der Pudel ist eine Hunderasse, aber bei Menschen wird ja nicht absichtlich gezüchtet, deswegen ist das mit dem Rassen eh schon eigentlich der falsche Begriff. Die Vorstellung ist jedenfalls ganz einfach beim Rassismus. In Afrika haben alle Leute schwarze Haut, also sind die eine Rasse. Und in China haben alle Leute gelbe Haut, also sind die eine Rasse. Und in Deutschland sind alle weiß und so kann man sich dann die Menschen in Rassen einteilen, indem man sich anguckt, wie die aussehen. Das ist so Wissenschaft ganz einfach, kann man vielleicht sagen. Dabei blieb es dann halt nicht, sondern im nächsten Schritt haben sich die Leute dann überlegt, die Rassen, die sehen ja nicht nur verschieden aus, die sind bestimmt auch verschieden gut. So ein Afrikaner, der ist bestimmt ein bisschen dumm, weil er ist ja nicht industrialisiert und hat keinen modernen Nationalstaat und so, wie wir das haben. Wenn also die Afrikaner die dümmerer Rasse sind als wir, dann sollten wir die ja auch beherrschen, weil das können sie ja dann nicht selber. Und jetzt wird aus dem Rassismus dann ein echtes Problem. Denn dann ist ja die unterlegene Rasse,unterlegen in Anführungszeichen, weniger wert als die überlegen in Anführungszeichen Rasse. Die Europäer fühlen sich dann also als weiße Herrenrasse und sahen die Menschen in Afrika oder in Asien irgendwie als unterlegen an. Und das war nicht nur eine Meinung, sondern das war dann auch eine Begründung oder die Basis für krasse Gewalt. Wenn die Menschen in den Kolonien sich gegen die Unterdrückung gewehrt haben, wurde die mit einer Brutalität niedergeschlagen, das kann man sich heute kaum vorstellen. Und das bekannteste Beispiel aus der deutschen Geschichte dafür ist eben dieser Völkermord an den Herero durch deutsche Truppen im heutigen Namibia. Wo General Trotha zehntausende Menschen in die Wüste getrieben hat und erschossen hat oder verdursten ließ. Drotha und seinen Soldaten fiel das relativ leicht, weil sie sich den Menschen vor Ort halt rassisch überlegen fühlten. Weil sie glaubten ja sogar, sie hätten von Natur aus das Recht, über die Afrikaner zu verfügen, wie es ihnen gerade passt. Man könnte sagen, Rassismus war der Klebstoff, der das imperiale System am Laufen hielt.Während sich die Großmächte in Übersee in ihren Kolonien mit Einheimischen und auch in Konkurrenz miteinander bekriegten, wurde auch die Stimmung in Europa immer giftiger. In vielen Staaten in Europa herrschte ein relativ scharfer Radikalnationalismus. Das ist dann nicht nur ich mag mein Land Nationalismus, sondern mein Land ist das Beste und die anderen sind alle meine Feinde. Das ist Radikalnationalismus. In Deutschland, Österreich, Ungarn, in Frankreich oder in England, da herrschte überall ein ähnlich irrer Patriotismus, den man zusammenfassen könnte als Wir sind die Größten und wenn wir mal gegen die Nachbarn kämpfen müssen, dann putzen wir die weg. Dieser Hass wurde in militaristischen Gesellschaften, wie im Deutschen Kaiserreich, schon in der Schule geschürt. Man hat den Kindern beigebracht, dass Krieg ein tolles Abenteuer ist und dass es eine Ehre ist, fürs Vaterland zu sterben und so. Wenn alle so drauf sind, dann braucht es natürlich nur einen kleinen Funken, damit dann alles in die Luft geht.Wenn alle sich gegenseitig hassen und ihre Armeen aufbauen, bekommt man natürlich auch selber ein bisschen Angst vor dem Nachbar. Was machen die Menschen, wenn sie Angst vor dem Nachbar haben? Na klar, sie kaufen sich jede Menge Waffen. Das führte zum sogenannten Rüstungswettlauf. Besonders zwischen Deutschland und England gab es da einen irren Wettbewerb, und zwar darum, wer die dicksten Schlachtschiffe hat. Deutschland wollte gern Weltmacht werden, man war ja auch auf dem Weg mit den Kolonien und so in diese Richtung. Und Kolonien sind weit weg, also braucht man Schiffe, um hinzukommen und sie verteidigen zu können. Also wollte Kaiser Wilhelm II. Eine riesige Flotte aufbauen. Die Engländer fanden das nicht so lustig, weil sie bis jetzt die Herrscher auf dem Meer gewesen waren und die größte Flotte hatten. Und die wollten auf gar keinen Fall akzeptieren, dass die Deutschen ihnen da Konkurrenz machen könnten. Also haben auch die Engländer immer noch mehr Kriegsschiffe gebaut. Und am Ende standen sich in Europa lauter bis an die Zähne bewaffnete Armeen gegenüber, die eigentlich nur darauf warteten, endlich loszuschlagen.Eine andere Strategie, um mit der Angst vor den gefährlichen Nachbarn umzugehen, ist, dass man sich Freunde sucht, die einem helfen, wenn man Ärger hat. Bei Staaten nennt man sowas Bündnispolitik. Deutschland war mit Österreich-Ungarn verbunden und Frankreich mit Russland und England. Eigentlich sollte das ja abschrecken, nach dem Motto, guck mich nicht schief an, sonst hole ich meinen großen Bruder. Es bedeutete aber auch, wenn irgendwo jemand irgendjemandem den Krieg erklärte, dann hingen sofort alle anderen europäischen Großmächte auch mit drin, weil sie ja mit der einen oder mit der anderen Seite verbündet waren. So, 1914 erschoss dann ein Terrorist irgendeinen österreichischen Prinzen. Weil dieser Terrorist aber Serbe war und weil Serbien mit Russland verbündet war, war das politisch brandgefährlich. Österreich erklärte dann Serbien den Krieg, weil dieser Terrorist irgendwas mit Serbien zu tun hatte. Serbien rief seinen großen Bruder Russland zu Hilfe. Russland erklärte Österreich den Krieg. Österreich rief wiederum seinen großen Bruder Deutschland zu Hilfe. Deutschland erklärte Russland den Krieg. Russland rief seinen großen Bruder Frankreich und England zu Hilfe. Und weil die alle durch Verträge aneinandergekettet waren, gab es dann keine Ausstiegsmomente mehr, keine Pause, kein Halten, keine Möglichkeit, das durch Diplomatie zu lösen. Aus einem Streit um ein kleines Entwicklungsland in Österreichs Hinterhof wurde dann innerhalb weniger Tage ein Flächenbrand, ein weltweiter Krieg.Heute nennen wir den großen Krieg von 1914 bis 1918 den Ersten Weltkrieg. Aber diesen Namen haben die Menschen erst viel später erfunden. Die Zeitgenossen, die wussten ja noch gar nicht, dass 20 Jahre später ein zweiter Weltkrieg folgen würde. Für sie hätte der Name Erster Weltkrieg überhaupt keinen Sinn gemacht. Und ein Weltkrieg wurde es auch erst so nach und nach. Zu Beginn war das vor allem ein europäischer Krieg und von denen hatte es schon so einige gegeben, das war ja nichts ganz Neues. Aber mit all den Kolonien, die ebenfalls in die Kriege verwickelt wurden und spätestens mit dem Kriegseintritt der USA 1917 wurde dann doch ein echter Weltkrieg draus. Dieser Erste Weltkrieg war einer der ersten modernen Kriege. Vor allem war er eine gigantische Materialschlacht. Das hatte sich gegenüber früher sehr verändert, denn dank der Industrialisierung, über die wir schon mal gesprochen haben, konnten Feuerwaffen, Sprengstoff, Munition usw. Jetzt am Fließband produziert werden, in gigantischen Stückzahlen. In Schlachten wie bei Verdun wurden Millionen von Granaten abgefeuert. In diesem Krieg ging es nicht mehr so sehr um Taktik und Strategie, die sind alle gescheitert, sondern es ging vor allem darum, wer mehr Stahl und mehr Menschen in den Fleischwolf werfen konnte. Man nennt das deswegen auch einen Stellungskrieg, weil die Soldaten im Wesentlichen immer in der gleichen Stellung bleiben und man einfach immer nur drüben hinschießt und hofft, dass man…irgendwas trifft. Soldaten saßen also monatelang in diesen dreckigen Schützengräben, während um sie rum die moderne Technik alles in Schutt und Asche legte. Panzer, Giftgas und Flugzeuge machten den Krieg zu einer anonymen Tötungsmaschine. Man stand dem Gegner nicht mehr Auge in Auge gegenüber, sondern es kam die Rakete oder die Granate geflogen und dann war man halt weg. Am Ende forderte dieser Krieg schätzungsweise 17 Millionen Tote. Gekämpft wurde aber nicht nur an der Front, zumindest im übertragenen Sinne. Es gab auch die sogenannte Heimatfront. Der moderne Krieg, der erwies sich als so umfassend, dass das ganze Land in irgendeiner Weise mitmachen musste. Weil die Männer zum Großteil an der Front waren, bauten nun die Frauen in den Fabriken die Granaten zusammen. Zu Hause gab es kaum noch was zu essen, weil alles an die Soldaten geschickt wurde. In Deutschland hungerten die Menschen im sogenannten Steckrübenwinter. Der heißt so, weil es nichts anderes zu essen gab und die Menschen von morgens bis abends Steckrüben in allen Varianten kochten. Wir nennen sowas einen totalen Krieg. Einen Krieg, der jeden Bereich des Lebens erfasst. Egal ob man Soldat ist oder Köchin oder Journalist oder Arzt oder Schneiderin oder ein Kind, das in der Schule Kriegslieder singen muss, alle werden von diesem Krieg irgendwie berührt.Am Ende dieses Wahnsinns des Ersten Weltkriegs war die Weltkarte nicht mehr dieselbe. Die alten Imperien waren zusammengebrochen, der deutsche Kaiser musste abdanken, der russische Zar wurde von den Kommunisten gestürzt und Österreich-Ungarn zerfiel in viele kleine Länder. Sogar die Siegermächte Frankreich und Großbritannien hatten Schwierigkeiten, ihre Kolonien im Durcheinander des Weltkriegs unter Kontrolle zu behalten, denn von denen wollten ja auch viele nicht mehr mit dem großen Reich zu tun haben, nicht mehr Teil des Imperiums sein. Diese riesigen Reiche, die teilweise jahrhundertelang existiert hatten, die wirkten plötzlich relativ fragil. Es war das Ende einer Ära. Auf den Trümmern der alten Imperien entstanden dann neue Nationalstaaten. Aus den Ruinen des Zarenreichs entstand ein unabhängiges Polen und Finnland und viele andere, aus den Bruchstücken Österreich-Ungarns, die Tschechoslowakei und ebenfalls viele andere Nationen, die alle ihre eigene Freiheit wollten, die das Imperium ihnen vorher nicht gegeben hatte. Jetzt müssen wir nochmal einen kleinen Zeitsprung zurück machen. Mitten im Krieg passiert nämlich in Russland was, das die Welt für das restliche 20. Jahrhundert spalten wird. Nämlich die Oktoberrevolution 1917. Die Kommunisten unter Wladimir Lenin stürzen damals den Zaren, den russischen König.Kaiser könnte man sagen. Und die übernahmen die Macht in Moskau. Ihre Idee war, wir schaffen jetzt mal das reiche Bürgertum und die Unternehmerklasse alle ab, die Fabriken gehören ab jetzt allen gemeinsam und wir bauen dann so eine völlig neue gerechte Welt auf, in der alle gleich sind. Die Bolschewiki, das sind die Kommunisten unter Lehnen, die wollten eine klassenlose Gesellschaft, eine Welt, in der das Privateigentum eigentlich abgeschafft ist. Gleichzeitig gingen die Bolschewiki auch davon aus, dass die meisten anderen Länder auch bald kommunistisch werden würden, wenn die erstmal sehen, wie toll das in Russland ist mit dem Kommunismus. Das nennt man dann die Weltrevolution, die Idee, dass in der ganzen Welt eine Revolution nach der anderen stattfinden wird und dann alles kommunistisch wird. Wenn euch das komisch vorkommt, dann hört euch mal die Folge zum Marxismus an. Jedenfalls, klassenlose Gesellschaft. Das klang für viele arme Arbeiter toll, aber es führte in der Realität ziemlich schnell zu Gewalt und Diktatur. In Russland entstand dann der erste Staat, der den modernen Kapitalismus völlig ablehnte, die Sowjetunion. Das war der Startschuss für einen Konflikt der Ideen, der die Welt über 100 Jahre lang prägte und erst 1990, Spoiler Alert, mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion dann endet.Auf der anderen Seite der Welt traten die USA 1917 in den Krieg ein. Ihr Präsident Wilson war ein Verfechter und Fan des Liberalismus, also der Freiheit. Und er wollte sie möglichst in die ganze Welt hinausbringen. Das läuft in der Geschichtsforschung heute unter dem Namen Demokratie-Export. Also, dass man versucht, die Demokratie in andere Staaten zu exportieren, so wie Länder heutzutage iPhones oder BMWs in andere Länder exportieren. Seine Idee dahinter war gar nicht so falsch. Wenn alle Länder Demokratien sind, dann gibt es wahrscheinlich keine Kriege mehr, denn der Erste Weltkrieg, der hatte ja vor allem wegen der ganzen Monarchien und Imperien angefangen, wo die Leute unzufrieden waren. Wenn die Leute dagegen alle so leben dürften, wie sie wollen, dann gäbe es bestimmt weniger Kriege, dachte sich Wilson. Er schlussfolgerte, jedes Volk sollte selbst bestimmen, wie es leben will. Damit standen sich dann 1917 aber auf einmal zwei völlig verschiedene Modelle der Welterklärung gegenüber. Auf der einen Seite die US-amerikanische Vision von Freiheit und Demokratie, Wilson, gegen die russisch-sowjetische Vision vom Kommunismus und der Weltrevolution. Beide Seiten wollten die ganze Welt von ihrem System überzeugen und dass es besser ist, aber diese beiden Systeme, die passten überhaupt nicht zueinander. Das war der Moment, in dem die USA zur Weltmacht wurden und die Sowjetunion zu ihrem großen Gegenspieler. Historiker nennen das Janus.1917 eine Zäsur. Das ist ein schickes Wort für einen extrem wichtigen Wendepunkt. Denn nach 1917 war nichts mehr wie vorher. Europa war nicht mehr das politische oder wirtschaftliche Zentrum der Welt. Die USA und die Sowjetunion betraten die Bühne als die neuen zwei Großmächte. Man könnte ja nun denken, mit 17 Millionen Toten und vier Jahren Weltkrieg hätte die Menschheit vielleicht was gelernt. Und danach hätte sich eigentlich eine Phase des Friedens anschließen müssen. Das stimmt auch in gewisser Weise. Aber Historiker nennen den Ersten Weltkrieg heute die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Denn dieser Weltkrieg und seine Folgen haben die ganzen Katastrophen, die uns im 20. Jahrhundert noch bevorstehen, erst so richtig vorbereitet und möglich gemacht. In den Shownotes findet ihr eine Liste mit den Fachbegriffen, die wir heute besprochen haben. Teilt die Folge gerne mit Freunden und Mitschülern, wenn sie euch beim Lernen geholfen hat. Schreibt mir gerne eine Bewertung oder eine Mail an jens.geschichtslehrer.net. Ich lese alles. Nächstes Mal schauen wir uns an, was die neue Freiheit nach dem Ende des Kaiserreichs mit Deutschland gemacht hat. Die Weimarer Republik war in ganz vielen Punkten schon ziemlich ähnlich wie unser heutiges Deutschland. Ich danke euch fürs Zuhören und bleibt mir treu.