Weltwirtschaftskrise und Vergleich der Demokratien
In dieser Folge geht es um:
- improvisierte Demokratie
- gelernte Demokratie
- Weltwirtschaftskrise
- „Machtergreifung“
- NSDAP
- 6 février
- front populaire
Weltwirtschaftskrise
Willkommen bei geschichtslehrer.net. Heute geht es um die Weltwirtschaftskrise von 1929 und um die Frage, warum in Deutschland die Demokratie zusammenbricht, aber in Frankreich nicht. Schön, dass ihr dabei seid. Erst kommt das Fressen und dann kommt die Moral. Das ist ein bekanntes Zitat von Bertolt Brecht, das auch in die Zeit gehört. 1929 schlug die Weltwirtschaftskrise in den USA ein und dann auch in Europa wie eine Bombe. In kürzester Zeit gingen unzählige Firmen pleite. Fabriken machten dicht, Millionen Menschen wurden arbeitslos, Armut griff um sich. Und die noch relativ jungen Sozialsysteme der Republik, die waren nicht so richtig in der Lage, die vielen Arbeitslosen, zum Teil hungernden Menschen, sinnvoll zu unterstützen. In solchen Krisenzeiten schlägt dann immer die Stunde der Extremisten, die vermeintlich einfache Erklärungen haben und Sündenböcke für die Probleme finden.
NSDAP
Das gilt vor allem für die NSDAP, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Und wenn man das abkürzt, dann kommt man eben bei NSDAP raus. Die NSDAP versprach den Leuten Arbeit und Brot und ein starkes Deutschland. In ihrer Erklärung waren die Juden oder das Finanzjudentum und irgendwelche obskuren jüdisch-demokratisch-kommunistischen Verschwörungen.an der Weltwirtschaftskrise. Das war jetzt zwar eine ziemlich weltfremde Verschwörungstheorie, aber dieser rassistische Antisemitismus der NSDAP, den kannten viele Menschen noch aus dem Kaiserreich. Der war da durchaus üblich gewesen. Viele fanden das ein bisschen komisch, aber dieser Hitler war ein absolut herausragender Redner. Er war witzig, er war dramatisch, er war laut, die Reden waren wohl wirklich so, dass die Leute begeistert waren. Man kann sich das heute mitunter noch auf YouTube anhören, wie der sprechen kann. Das ist schon immer wieder beeindruckend und man versteht, wie viele Leute dann den toll fanden. Jedenfalls, dieser Hitler war ein irrer Redner, der die Menschen bei riesigen Kundgebungen beeindrucken konnte. Für ihre Zeit war die NSDAP eine supermoderne Partei, die auf Medien und Propaganda und Populismus und technisch gesehen eigentlich auf Hightech-Wahlkampfstrategien setzte, Flugzeuge dafür einsetzte, um schnell von A nach B zu kommen und so viele Wahlkampfauftritte zu absolvieren wie kein anderer Politiker. Tja, und innerhalb weniger Jahre schossen so auch ihre Wahlergebnisse nach oben. 1933 wurde Hitler schließlich zum Reichskanzler ernannt. Er hatte zwar bei den Wahlen keine echte Mehrheit errungen, aber er überzeugte die konservativen Parteien, mit ihm eine Koalition zu bilden und ihn zum Reichskanzler zu machen. Er selbst nannte das später seine
„Machtergreifung“
. Und das klingt so ein bisschen so, als hätten die Nationalsozialisten sich die Macht selber geholt. Aber eigentlich war das eher eine Machtübertragung.durch die Konservativen und durch die alten Eliten aus Kaiserszeiten, die sich vorgestellt haben, sie könnten Hitler für ihre Zwecke ausnutzen, mit seiner Hilfe an die Macht kommen, um ihn dann auszubooten. Naja, das hat ja bekanntlich nicht so gut funktioniert. Kaum an der Macht zerstörte Hitler in wenigen Monaten die Institutionen der Demokratie in Deutschland und erschuf eine Diktatur, die von den ersten Wochen an ihre Gegner verhaftete, folterte und auch durchaus ab und zu mal ermordete. Das wird je später im Nationalsozialismus desto häufiger. Das traf am Anfang die Kommunisten, dann die Politiker aller anderen Parteien, aber auch eigentlich jeden anderen, der sich gegen die rücksichtslose, illegale Politik der NSDAP gewehrt hat. Diese Zerstörung der Demokratie durch die Nationalsozialisten ist ein ziemlich grauenhaftes Beispiel dafür, dass Freiheit nie selbstverständlich ist, sondern dass die jeden Tag verteidigt werden muss. Nun könnte man sich ja fragen, warum ist die Demokratie in Deutschland gescheitert, aber in Frankreich nicht? Immerhin hat Frankreich unter der Weltwirtschaftskrise ja genauso gelitten wie Deutschland. Da könnte man doch denken, dass die Populisten und die Extremisten dort genauso leichtes Spiel gehabt hätten. Die Antwort liegt wahrscheinlich in der demokratischen Tradition. Die Deutschen hatten mit der Demokratie ja erst zehn Jahre Erfahrung. Und die waren auch ziemlich wackelig und krisengeladen gewesen. Kriegsniederlage, Versailler Vertrag, Wirtschaftskrise. Die Franzosen hatten dagegen seit der Revolution von 1789fast schon 150 Jahre, eine viel größere demokratische Erfahrung. Wir nennen das eine
gelernte Demokratie
, also eine Demokratie, in der die Menschen schon viel Erfahrung mit demokratischen Abläufen haben und das normal finden. Dagegen nennen wir sowas wie in Deutschland, wo die Demokratie noch frisch und wenig eingeübt ist und noch ein bisschen fremd, eine
improvisierte Demokratie
. Das heißt aber natürlich nicht, dass es in Frankreich jetzt keine rechtsextremen Versuche gegeben hätte, die Demokratie zu zerstören und eine Diktatur zu errichten. Am
6 février
1934, das ist der 6. Februar, gab es in Paris schwere Unruhen. Da sind Faschisten aufmarschiert, die das Parlament stürmen wollten. So ein bisschen nach deutschem und italienischem Vorbild. Aber die Antwort der Bevölkerung darauf war ziemlich deutlich. Denn die gründeten die
front populaire
, die Volksfront, aus allen demokratischen Kräften, von ganz links bis zur Mitte der Gesellschaft. Die hielten zusammen, um die Republik und die Demokratie zu beschützen. In Deutschland dagegen haben sich das Zentrum, die SPD, die Kommunisten, die DDP und andere bürgerliche Parteien lieber gegenseitig bekämpft, statt gemeinsam gegen Hitlers Nationalsozialisten zu stehen. In Frankreich hat die Demokratie überlebt, weil die Demokraten im entscheidenden Moment gegen die Extremisten zusammengehalten haben. Vielleicht kann man daraus ja auch was für heute lernen. Das war heute die letzte Staffel zum Stoff des vierten Lernjahres in Geschichte. Wenn wir uns das nächste Mal hören, dann kommt die Klausurfolge.Ein Zusammenschnitt aller Folgen, die wir zu diesem Thema gemacht haben, mit der man sich besonders gut auf Klausuren und Klassenarbeiten vorbereiten kann. Danach beginnt dann unser Durchgang durch das fünfte Lernjahr, die neunte oder zehnte Klasse, je nachdem, ob ihr in G8 oder G9 unterrichtet werdet, vor allem mit dem Schwerpunkt Nationalsozialismus und deutsch-deutsche Teilung. Ich danke euch fürs Zuhören und bleibt mir treu.