Abi-Methode Historische Erörterung - Geschichte Leistungskurs 53
Die historische Erörterung einer Behauptung hat im Geschichtsunterricht eine lange Tradition. Heute besprechen wir im Detail, wie man so eine Erörterung aufbaut und worauf ihr dabei aufpassen solltet.
Wer üben möchte, kann vorab eine Erörterung zu der These schreiben: “Glasnost war der entscheidende Auslöser für den Zusammenbruch des Ostblocks.” In der Folge bespreche ich eine mögliche Lösung zu dieser Aufgabe.
Zu dieser Folge passende Folgen von geschichtslehrer.net:
- Schwerpunktthema 2: https://open.spotify.com/episode/0kpEeLsMnL2C2qCjpGTVrM
- Schwerpunktthema 1: https://open.spotify.com/episode/4ACHNSUQ7hHIc4kwRhk59V
- Zusammenbruch des Ostblocks: https://open.spotify.com/episode/3YZKAIXKKw2oWKQHn71SyU
Willkommen zum heutigen Deep Dive für das bevorstehende Geschichtsabitur bei geschichtslehrer.net. Heute dreht sich alles um eine der wichtigsten Methoden im Geschichtsabitur, die historische Erörterung. Ein Deep Dive ist ja eigentlich ein Tieftauchen, aber damit meint man eigentlich eine besonders genaue Analyse eines Themas. Und so sind die Folgen, die ab jetzt bis zum Abiturtermin etwa alle zwei Tage erscheinen, werden auch gedacht. Bevor wir anfangen, sage ich noch ein paar Sätze zur Sicherheit, so als Disclaimer. Ja, ich bin eigentlich der Geschichtslehrer, aber ich habe keine Ahnung, was in diesem Jahr im Abitur drankommt. Ich war noch nie an der Erstellung des Geschichtsabiturs beteiligt und ich habe mich auch mit niemandem unterhalten, der daran beteiligt ist. Mehr als die Fachverlasse, die man öffentlich googeln kann, weiß ich also über die kommende Prüfung auch nicht. Ich kann euch also nicht verraten, welche Themenblöcke, welche Operatoren, welche Texte oder welche Karikaturen in eurer Prüfung drankommen. Stattdessen werden wir uns in diesen Deep Dives ein paar typische Aufgabentypen angucken und diese Aufgabentypen… An einem Beispiel durchexerzieren. Im Zweifelsfall gilt, wenn euer Lehrer was anderes erklärt hat, dann macht das, was der gesagt hat. Die Bundesländer sind sich nämlich immer noch nicht so ganz einig darin, was bestimmte Operatoren bedeuten und wie man bestimmte Dinge macht. Stell dir vor, du bekommst im Abi eine These vorgeworfen, zum Beispiel Glasnost war der entscheidende Auslöser für den Zusammenbruch des Ostblocks. Und deine Aufgabe ist es jetzt zu untersuchen, gibt es gute Argumente für diese These, gibt es auch Gegenargumente und am Ende sollst du dann ein eigenes begründetes Urteil abgeben, ob die These nun zutrifft oder nicht.
Zusammenbruch des Ostblocks
Fangen wir mit dem Aufbau an. Eine Erörterung besteht ja immer aus drei Teilen, das kennt ihr sicher aus dem Deutschunterricht. Erstens die Einleitung, zweitens der Hauptteil und drittens der Schluss. In der Einleitung nennen wir die These, um die es geht, das heißt, wir formulieren das in eigenen Worten nochmal aus und erklären die wichtigsten Begriffe aus dieser Aussage, damit klar ist, worüber wir eigentlich sprechen. Also ungefähr in der folgenden Erörterung setze ich mich mit der These auseinander, dass Gorbatschows Glasnost der entscheidende Auslöser für den Zusammenbruch des Ostblocks war. Unter Glasnost versteht man… Und so weiter. Im Hauptteil kommt der eigentliche Knackpunkt. Hier wägt man nämlich die Pro- und die Contra-Argumente für und gegen diese These, die man vorhin erklärt hat, ab. Man überlegt sich so zwei bis vier gute Argumente für und gegen die These. Das heißt zwei bis vier pro Richtung. Insgesamt maximal acht Argumente. Normalerweise kommt man nicht bis zu dieser großen Zahl. Jedes Argument, das man da bringt, muss man erklären. Also mit historischen Fakten belegen, am besten an Beispielen erklären. Das bedeutet, das Argument steht nicht für sich alleine, man macht da nicht einen Satz, dann ist das durch, sondern da gehören natürlich historische Zahlen, Fakten, Fachbegriffe und so weiter dahinter. Es ist besser, weniger gut begründete Argumente zu finden und zu erklären, als viele Argumente zu sammeln, die aber dann nur so ungefähr erklärt werden. Und für zehn Argumente reicht euch die Zeit in der Regel nicht.Das heißt, sucht euch die zwei, drei Punkte aus pro Richtung, die euch am ehesten überzeugen und erklärt die und formuliert die gründlich aus. Nicht vergessen, diese Argumente müssen auch aufeinander bezogen werden. Die müssen also miteinander verglichen werden und man muss gucken, wie die sich gegenseitig beeinflussen oder widersprechen oder gegenseitig aushebeln oder gegenseitig stärken usw. Das heißt, diese Argumente stehen nicht alleine, sondern die stehen in einem Wirkungszusammenhang im Zusammenhang mit der These. Am Ende muss man dann gewichten. Das ist dann schon der Anfang vom Schluss. Welche Argumente sind die wichtigsten und die überzeugen dich am meisten? Und dann formulierst du eine klare eigene Stellungnahme, die ganz eindeutig ist. Kein, man könnte vielleicht oder es stimmt irgendwie beides, sondern da gehört ein klares Urteil hin. Also auch wenn die meisten Prüfungsthesen so gemacht sind, dass man beide Schlüsse vertreten kann, sowohl Ja als auch Nein, soll man hier aber zu einem ausdrücklichen, klaren Fazit kommen. Und eben nicht sowohl als auch antworten, sondern zu einem Schluss kommen, der heißt Ja oder der heißt Nein. Und dieses Fazit, das kommt natürlich logisch aus den Argumenten heraus. Das heißt, so wie ich argumentiert habe, so ziehe ich auch mein Fazit. Darum ist es auch wichtig, sich zum Anfang schon zu überlegen, in welche Richtung soll denn meine Antwort gehen. Bin ich eher der Meinung, ja, das stimmt, oder bin ich eher der Meinung, das stimmt nicht. Bin ich der Meinung, diese Richtung der These zu vertreten oder die andere Richtung. Denn schon daraus entwickelt sich ja die Reihenfolge meiner Argumente. Normalerweise, wenn ich mich dafür entscheide, dass die These nachher stimmt, dann fange ich mit den Kontraargumenten an und leite dann zu den Pro-Argumenten über, weil das ja sozusagen der wichtigere Punkt für mich ist. Oder umgekehrt.Man sollte über alle Fachbegriffe, die man in der Erörterung verwendet, und das sollten einige sein, weil man kennt die ja hoffentlich aus dem Unterrichten, aus der Vorbereitung, die sollte man alle kurz erklären. Nicht umfangreich, nicht seitenweise darüber referieren, was das bedeutet, aber kurz und verständlich erklären, was man unter diesen Fachbegriffen versteht. Man sollte diese Argumentation an Beispielen festmachen, das heißt es macht Sinn, wenn man historische Quellen im Hinterkopf hat, historische Zahlen, Jahreszahlen, was auch immer, dass man die einbaut, wo es geht. Die Struktur des Textes sollte möglichst klar sein. Das heißt, man kann auch mit Zwischenüberschriften oder mit Nummerierungen oder sowas arbeiten. Auf jeden Fall mit Absätzen arbeiten, die man deutlich erkennen kann. Dann kann nämlich der Leser, der Prüfer, deinen Gedankengang gut nachvollziehen. Und das macht es ihm auch leichter, deinen Ideen zu folgen und die gut zu finden. Wenn ich einen Text vor mir habe, den ich nicht gut verstehen kann, weil er in sich nicht ganz stimmig, nicht ganz klar ist, dann kann ich dem auch nicht gut folgen, dann kann ich auch die Argumente nicht gut nachvollziehen und dann ist es für mich als Prüfer viel schwerer, dafür eine gute Punktzahl zu finden. Im Schluss ist es ganz wichtig, eindeutig zu sein und diese Meinung gut begründet zu haben. Das heißt, wie schon gesagt, ganz klare Stellung beziehen, nicht sowohl als auch. Und dann gibt es noch eine Sache, die ich immer dazu sage, nämlich schreib bitte lesbar, das bringt ganz klare Vorteile. Das klingt zwar irgendwie albern und nach der Lehrer willen sich nicht die Mühe machen, meine Hieroglyphen zu entziffern, Aber ihr müsst euch mal vorstellen, der Prüfer im Abitur, der hat 25 Arbeiten, vielleicht 30 Arbeiten vor sich liegen. Jede von denen ist 10, 15 Seiten lang. Wenn der diese 15 mal 30, das sind über 450,Seiten, wenn es dumm läuft, Seiten durchlesen muss und dann auf eine Klausur trifft, die eine totale Sauklau enthält, dann ist der Prüfer schon von vornherein ein wenig abgeneigt, das gut zu korrigieren. Ich sage das nicht als Drohung, sondern ich glaube, dass das ein psychologischer Effekt ist, der ganz real ist. Das heißt, in eurem eigenen Interesse macht es so, dass ihr so schreibt, dass der Leser eine Chance hat, das gut zu lesen. Das muss nicht schön sein, aber es sollte lesbar sein. So, die historische Erörterung ist im Prinzip ein Streitgespräch auf Papier. Das heißt, du sammelst Argumente für beide Seiten, wächst sie ab und entscheidest dann am Ende, was dich am meisten überzeugt. Mit einer klaren Struktur, mit klarer Fachkenntnis und mit ein paar guten Beispielen kannst du da relativ leicht punkten. In den nächsten Minuten werden wir jetzt eine solche Erörterung eben für diese Frage, die wir eben besprochen haben, war die Glasnost der entscheidende Auslöser für den Zusammenbruch des Ostblocks, die werden wir jetzt konkret durchspielen. Wenn du willst, kannst du gleich auf Pause drücken und dir selbst ein paar Stichpunkte aufschreiben oder auch die komplette Erörterung ausschreiben, um das mal zu üben. Das macht natürlich vor allem dann Sinn, wenn du das zweite Schwerpunktthema trainieren willst.
Schwerpunktthema 2
Wenn du Industrialisierung machst und das jetzt schon weißt, dann ist das fachlich vielleicht nicht so sinnvoll, aber zumindest um die Methode zu üben, kannst du es ja auch mal machen. Also Achtung, letzte Chance. Nach der Musik geht’s los.In der folgenden Erörterung wird die These untersucht, dass die von Michael Gorbatschow eingeführte Politik der Glasnost, Transparenz, der entscheidende Auslöser für den Zusammenbruch des Ostblocks war. Glasnost bezeichnete die staatlich geförderte Offenlegung von Informationen in der Sowjetunion ab ungefähr 1985, während der Ostblock die sozialistischen Staaten unter der Führung der Sowjetunion umfasst. Glasnost ermöglichte erstmals eine kritische Öffentlichkeit. Ursprünglich sollte Glasnost eine Verbesserung des sozialistischen Systems bewirken, in dem man offener über Probleme sprechen dürfen sollte. Durch die zunehmende Pressefreiheit kam es dann aber schon bald zu einer Aufarbeitung sozialistischer Staatsverbrechen, zum Beispiel im Stalinismus, aber auch mit Blick auf die zu diesem Zeitpunkt noch existierenden Geheimpolizeien. So entstand in der Sowjetunion und in den Satellitenstaaten eine neue Form von kritischer Öffentlichkeit. Und diese Glasnost führte bald zu ganz grundsätzlicher Kritik am Sozialismus. Denn bald wurden Fragen nach der Legitimität der sozialistischen Alleinherrschaften im Ostblock laut. Diese Kritik, die stärkte oppositionäre Gruppen wie die Solidarność in Polen oder die Bürgerbewegung in der DDR. Auf den Montagsdemonstrationen der DDR wurde dann immer offener die Legitimität der SED-Herrschaft infrage gestellt. Glanost verursachte außerdem eine Phase der internationalen Entspannung.aber auch der internationalen Aufmerksamkeit und das trieb die Massenproteste in der DDR, unter dem Stichwort Wir sind das Volk, und die Öffnung der Grenzen voran. Die sogenannte Ausreisebewegung nutzte die neuen Freiräume und beschleunigte die Flucht von Bürgern in den Westen, was den Anschein der Legitimität der sozialistischen Herrschaften im Osten vollends zerstörte. Damit sind wir mit den Pro-Argumenten für unsere These fertig und wir kommen nun zu den Contra-Argumenten. Das schreibt ihr natürlich in der Erörterung selber nicht. Bereits vor der Glasnost litten die Ostblockstaaten unter einem permanenten Innovationsdefizit, da die Fünf-Jahres-Pläne Innovation stark behinderten, unter einer wachsenden Staatsverschuldung infolge der ineffizienten wirtschaftlichen Organisationen und unter daraus folgenden Versorgungskrisen. Die Zentralverwaltungswirtschaften des Ostblocks waren aber auch wegen der ausgebliebenen Digitalisierung der Wirtschaft langfristig nicht mehr konkurrenzfähig. Strukturelle Wirtschaftskrisen waren also wichtiger als Glasnost selbst. Gorbatschows parallel zur Glasnost betriebene Wirtschaftsreform unter dem Schlagwort Perestroika scheiterte an der Bürokratie und am Ressourcenmangel. Das kostspielige Wettrüsten mit dem Westen trieb die Sowjetunion gleichzeitig immer tiefer in die Verschuldung und beschleunigte dadurch den Kollaps der Volkswirtschaften des Ostblocks. In diesem Sinne…war die Wirtschaftskrise, die infolge des Rüstungswettlaufs und des Scheiterns der Perestroika stattfand, ein ebenfalls viel wichtigerer Faktor als die Glasnost selbst. Dazu kommt noch die Außenpolitik. Denn Gorbatschow hatte gleichzeitig mit der Verkündung der Sinatra-Doktrin Ende der 80er deutlich gemacht, dass die Sowjetunion keine Armeen mehr schicken würde, wenn die Staaten des Ostblocks sich politisch selbstständig machten. Damit war die militärische Lebensversicherung für die Herrschaft der Kommunisten in diesen Satellitenstaaten wie zum Beispiel der DDR Geschichte. Zuletzt hatten alle Regierungen des Ostblocks ein Legitimitätsproblem. Die Umweltverschmutzung in Industriegebieten, die fehlende Pluralisierung der Gesellschaften und die immer deutlichere Niederlage im wirtschaftlichen Wettbewerb der Systeme hatten den Herrschaftsanspruch der Sozialisten bereits seit den 1980er Jahren tief beschädigt und eine grundsätzliche Legitimitätskrise verursacht, unabhängig von Glasnost.Kommen wir nun zum Schluss. Die Glasnuss-Politik war ein Katalysator, aber nicht der alleinige oder wichtigste Auslöser des Ostblock-Zusammenbruchs. Sie ermöglichte neue Massenproteste, wie in der DDR, aber die Hauptgründe der Kritik und des Zusammenbruchs lagen in den strukturellen Defiziten, insbesondere der Planwirtschaft seit den 1970er Jahren und in der bröckelnden Legitimität der kommunistischen Regimes. Entscheidend war also das Zusammenspiel von Glasnost mit diesen Faktoren. Die Senatradoktrin entzog autoritären Regimen wie in der DDR die militärische Rückendeckung, während die Versorgungskrise die Unzufriedenheit der Bevölkerung und damit letztlich eine Legitimitätskrise verstärkte. Somit war Glasnost zwar ein starker Faktor, der den Zusammenbruch des Ostblocks beschleunigte, der aber alleine, ohne die bereits vorhandene Instabilität und die zahlreichen Krisen, das System nicht bedroht hätte.
Schwerpunktthema 1
Das war’s für heute mit unserem Podcast über die historische Erörterung. Wahrscheinlich kommt euch vieles aus der heutigen Folge aus dem deutschen Gericht bekannt vor. Und das wäre auch komisch, wenn das nicht so wäre. Merkt euch, eine Einleitung mit Erklärung der These, ein Hauptteil mit Pro- und Contra-Argumenten, Schluss mit klarer Stellungnahme. Und nur so zwei bis drei Argumente pro Richtung, dafür aber gut ausgewählt und fachkundig ausgearbeitet. Wenn euch die Folge gefallen hat, dann abonniert gerne den Podcast, schreibt mir gerne einen Kommentar bei Spotify oder per Mail an jens.geschichtslehrer.net. Da könnt ihr mir gerne auch Themenwünsche und Feedback schicken. Im nächsten Deep Dive werden wir uns die historische Beurteilung näher ansehen. Ihr findet inzwischen mehr als 50 Folgen von mir zu allen möglichen Themenbereichen der Kursstufe in Geschichte. Außerdem gibt es zwei eigene Folgen zu den Schwerpunktthemen des Abiturs, in denen ich alle zentralen Themen und Fachbegriffe nochmal ganz konkret besprochen habe. Ich freue mich, wenn ihr wieder reinhört. Bis dahin, viel Erfolg bei der Vorbereitung und bei den Prüfungen.