Die „Modernisierung“ ist der Leitbegriff der Kursstufe in Geschichte in Baden-Württemberg und wahrscheinlich in ganz Deutschland. Unter Modernisierung versteht man im Prinzip Veränderungsprozesse, die das Leben der Menschen im Wesentlichen moderner machen, was auch immer Moderne dann auch sein soll.
Für den Begriff Moderne gibt es eine ganze Reihe von unterschiedlichen Faktoren, die man in Betracht ziehen kann. Oft ist das ja eine Abgrenzung vom Vorher; etwas, das „modern“ ist. Das ist eben anders als das Vorherige, was dann nicht modern war. Die Moderne umfasst dann ungefähr das 19. und 20. Jahrhundert, wenn man sich die Bildungspläne so anschaut, zumindest geht es um diese Epochen im Wesentlichen.
Und die Veränderungsprozesse, um die es geht, das sind vor allem zwei. Das ist einmal der Bereich der Politik und das ist zum anderen der Bereich der Industrie. Im Prinzip geht es darum, wie politische Herrschaft organisiert wird und darum, wie Wirtschaft organisiert wird.
Politische „Moderne“ – Politische Revolutionen
Wenn wir uns zunächst den Aspekt der politischen Revolutionen, wenn sich das dann anschauen, also der politischen Veränderungen und Umstürze, dann stellen wir fest, dass wir im Prinzip immer diesen Rückbesinnungsmoment haben in Richtung Mittelalter, frühe Neuzeit, in Richtung Absolutismus oder früher hat man es Absolutismus genannt, der Begriff ist heute eigentlich out. Also im Prinzip ist das immer ein Blick auf die Veränderung weg von der Einzelherrschaft von den Monarchien hin zu modernen, eben demokratischen Herrschaftsformen. Das kann ganz unterschiedliche Ausprägungen haben. Es gibt zum Beispiel die britische Variante mit einer parlamentarischen Monarchie, die demokratisch ist, in der es aber noch einen König gibt. Es gibt aber auch Beispiele wie zum Beispiel die französische Revolution, in der wir zwischendurch eine ziemlich typische klassische republikanische Demokratie eben ohne monarchische Staatsoberhaupt haben. Die französische Revolution nimmt in dieser ganzen Debatte um die Modernisierung der Politik natürlich einen Sonderstatus ein, weil wir hier im Prinzip ein Laboratorium der Moderne haben, wie das ein Forscher genannt hat. Also eine Mischung von ganz verschiedenen Sachen, die da in kürzester Zeit ausprobiert werden. Wir haben eine Phase, in der die klassische Demokratie so ähnlich wie heute existiert, wie wir uns die vorstellen, eine friedliche, gesittete Demokratie. Wir haben aber auch eine Phase der radikalen Diktatur, die schon vergleichbar ist mit späteren kommunistischen oder stalinistischen Verbrecherdiktaturen, in denen auf Basis von Terror geherrscht wird. Wir haben da eine Art konstitutionelle Monarchie unter Napoleon. Im Grunde kann man also sagen, die französische Revolution ist ein klassisches Beispiel für Modernisierung, in der all diese modernen Herrschaftsformen durchprobiert werden.
Wirtschaftliche „Moderne“ – Industrielle Revolution
Wenn wir uns auf der anderen Seite die wirtschaftliche, die industrielle Revolution, die Modernisierung auf der wirtschaftlichen Ebene anschauen, dann stellen wir fest, dass hier vor allem schleichende Prozesse eine Rolle spielen. Der Begriff Revolution ist deswegen hier auch sehr umstritten. Man spricht häufig lieber von Industrialisierung als von industrieller Revolution, denn der Begriff industrielle Revolution suggeriert in den Köpfen vieler Leute ein revolutionäres Moment, einen Augenblick, in dem sich sehr viel auf einmal endet. Und so ist es nicht. Für die Zeitgenossen waren das graduelle Änderungen. Sicher hat jemand, der von, sagen wir mal, dem Jahr 1800 bis ins Jahr 1880 gelebt, hat eine unfassbare Veränderung der Welt erlebt. Er hat begonnen zu leben in einer Welt, in der im Prinzip Technik noch in Deutschland zumindest keine so große Rolle gespielt hat. Und 1880 lebte er in einem geeinten deutschen Kaiserreich, in dem Eisenbahnen und technische Geräte im großen Stil erfunden werden und sich vieles ändert. Und dieser radikale Wandel in der Lebenswelt, das ist das, was man früher eine industrielle Revolution genannt hat, aber heute neigt man eher zum Begriff Industrialisierung.
Doppelrevolution
Weil diese beiden Revolutionen oder Veränderungen oder wie auch immer parallel stattfinden, weil das eine das andere auch ein Stück weit bedingt, spricht man häufig von einer Doppelrevolution, wenn man über die Modernisierung spricht. Das heißt, von einer Revolution auf zwei verschiedenen Ebenen, die aber natürlich ineinander verschränkt sind. Und diese sogenannte Doppelrevolution aus politischer und wirtschaftlicher Revolution – die ist das, was die Modernisierung kennzeichnet. Also kann man sich im Prinzip vorstellen: Modernisierung besteht aus zwei Bereichen, Politik und Industrie, und beides durchlebt einen riesigen Wandel im 19. und 20. Jahrhundert und das ist die sogenannte Moderne.